Start-ups: Warum Finnland so toll ist

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Helsinki (Bild: Shutterstock)

In Sachen IT hat Finnland einen guten Ruf. Viele deutsche Unternehmen versuchen hier Fuß zu fassen. Die Werbetrommel für die Hightech-Partnerschaft rührt die deutsch-finnische Handelskammer. ITespresso hat eine Veranstaltung besucht – und Startups aus Bayern kennengelernt.

Helsinki (Bild: Shutterstock)
Blick auf das Zentrum der finnischen Hauptstadt Helsinki (Bild: meunierd / Shutterstock.com).

Es gibt Länder, deren Name sofort Assoziationen auslöst. Selbst, wenn man noch nie dort war. Finnland ist so ein Fall. Für die einen ist es das Land mit den Wäldern und Tausend Seen. Tatsächlich sind es 187.888 Seen. Musikliebhaber denken an den Komponisten Jean Sibelius und seine “Finlandia”. Popmusik-Fans fallen Bands wie die “Leningrad Cowboys” oder die Grand-Prix-Gewinner “Lordi” ein. Cineasten denken an den Regisseur Aki Kaurismäki mit seinen ebenso traurigen wie skurril-humorigen Filmen. Womit wir so ziemlich alle Finnland-Klischees aufgezählt hätten.

Nüchterne Naturen denken an Wirtschaft und Technik. Das Land zwischen dem 60. und dem 70. Breitengrad hat hier mehr zu bieten als Forstwirtschaft und Papierindustrie. Zum Beispiel eine veritable Elektronik- und Hightech-Branche. Auch ohne den Weltkonzern Nokia, dessen Glanz inzwischen verblichen ist, hat Hightech hier einen enormen Stellenwert.

Deutsch-finnische Freundschaft: Deutsche Unternehmen haben vor allem im Hightech-Bereich gute Chancen wie eine aktuelle Studie der AHK Finnland zeigen soll. (Screenshot: Mehmet Toprak)
Deutsch-finnische Freundschaft: Deutsche Unternehmen haben vor allem im Hightech-Bereich gute Chancen wie eine aktuelle Studie der AHK Finnland zeigen soll (Screenshot: Mehmet Toprak).

Hightech-Standort für deutsche Unternehmen

Bei der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) gilt das Land sogar als Top-Standort. So hat das Davoser Weltwirtschaftsforum Finnland im IT-Ranking 2014 unter 148 Ländern an die erste Stelle gesetzt. Dementsprechend gibt es einen intensiven wirtschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Finnland und viele deutsche Firmen, die in Finnland tätig sind oder mit Unternehmen dieses Landes zusammenarbeiten.

Publikum bei der Herbsttagung der deutsch-finnischen Handelskammer am 26. Oktober in München. (Foto: Mehmet Toprak)
Publikum bei der Herbsttagung der Deutsch-Finnischen Handelskammer am 26. Oktober in München (Foto: Mehmet Toprak).

Herbsttagung der Handelskammer

Das wurde gerade wieder auf der Herbsttagung der Saksalais-Suomalainen Kauppakamari, also der Deutsch-Finnischen Handelskammer, in München deutlich. Präsentiert wurden hier spannende Vorträge zu Themen wie Industrie 4.0 oder “Predictive Crowding” und aktuelle Entwicklungen in der deutsch-finnischen Hightech-Szene.

Die finnische Botschafterin Ritva Koukku-Ronde sprach ein Grußwort bei der Herbsttagung der deutsch-finnischen Handelskammer (Foto: Mehmet Toprak)
Die finnische Botschafterin Ritva Koukku-Ronde, sprach ein Grußwort bei der Herbsttagung der Deutsch-Finnischen Handelskammer (Foto: Mehmet Toprak)

Eine aktuelle Umfrage der AHK Finnland vom März 2015 unter 143 deutschen Unternehmen, die in Finnland aktiv sind, zeigt, dass mehr als die Hälfte (55 Prozent) in diesem Jahr auf eine Umsatzsteigerung hoffen. Jedes dritte Unternehmen will sogar mehr Personal einstellen. Als Standortvorteile nennen 75 Prozent der Manager aus “Saksa” die “Qualität der akademischen Ausbildung”, 73 Prozent die “Qualifikation der Arbeitnehmer” und immerhin 64 Prozent die “Qualität des Berufsbildungssystems”. Auch Infrastruktur sowie die “Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer” werden gelobt. Nicht zu vergessen die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer (54 Prozent) und deren Produktivität (49 Prozent).

Wirtschafts-Professor Thomas Peisl von der Universität München gehörte zu den Rednern auf der Herbsttagung der deutsch-finnischen Handelskammer (Foto: Mehmet Toprak)
Wirtschaftsprofessor Thomas Peisl von der Universität München gehörte zu den Rednern auf der Herbsttagung der Deutsch-Finnischen Handelskammer (Foto: Mehmet Toprak).

Schließlich haben auch Forschung und Entwicklung in Finnland ein gutes Image bei den Deutschen. 89 Prozent bewerten diese “als neutral oder positiv”. Nur die hohen Arbeitskosten gefallen den Unternehmen nicht so. Aber gut ausgebildete und produktive Mitarbeiter haben eben ihren Preis.

Es ist also schon erstaunlich, was die 5,45 Millionen Menschen – Finnland ist dünn besiedelt – da auf die Beine gestellt haben. Finnlands mehrfaches gutes Abschneiden in der PISA-Studie, um noch eines dieser Klischees zu nennen, entfaltet offenbar auch im Wirtschaftsleben seine Wirkung.

Mini-Pitching für deutsche Start-ups

Doch die AHK-Tagung beließ es nicht bei Grußworten und Vorträgen. Highlight der Veranstaltung war das Mini-Pitching für Start-ups. Drei Unternehmen sollten ihr Projekt kurz vorstellen, daraufhin wurde ein Sieger gekürt. Das waren die Kandidaten: Brainity Labs, ein deutsch-österreichisches Startup, das eine raffinierte App zum Erlernen von Fachvokabular entwickelt. Angeboten werden soll die App in den Sprachen Deutsch, Englisch und Chinesisch, Finnisch ist noch nicht dabei.

Ein ganz praxisnahes Projekt stellte anschließend das bayerische Unternehmen Pixx.io vor. Eine Medienverwaltung, die Bilder oder Videos zuerst auf dem lokalen Server speichert und bei Bedarf – etwa, wenn ein Kunde Mediendateien braucht – zeitweise in eine Cloud überträgt. Daneben ist Pixx.io auch eine leistungsstarke Bildverwaltung mit vielen Funktionen, beispielsweise Lizenzmanagement des Bildmaterials oder Dateikonvertierung.

Der 3D-Sensor von Toposens arbeitet mit Ultraschall und kann so ganz ohne optische Linsen Objekte dreidimensional abtasten. (Bild: Toposens)
Der 3D-Sensor von Toposens arbeitet mit Ultraschall und kann so ganz ohne optische Linsen Objekte dreidimensional abtasten (Bild: Toposens).

3D-Sensor mit Ultraschall

Das Pitching gewann Toposens. Auch dieses Unternehmen hat nicht direkt etwas mit Finnland zu tun. Das Start-up aus München arbeitet an einem 3D-Sensorsystem. Im Gegensatz zu den bei 3D sonst verwendeten optischen Systemen nutzt Toposens Ultraschall. Dadurch können Objekte zuverlässiger und präziser als mit optischen Linsen erfasst und dreidimensional abgetastet werden. Die Positionsdaten werden dann als “Punktwolke” ausgegeben. Als Vorbild für die Technik könnte man die Echoortung von Fledermäusen nennen.

Toposense hat das Mini-Pitching gewonnen und darf nun zum Startup-Festival "Slush" fahren. Das Foto zeigt die Toposens-Gründer Alexander Rudoy, Rinaldo Persichini und Tobias Bahnemann. (Foto: Toposens)
Toposens hat das Mini-Pitching gewonnen und darf nun zum Startup-Festival “Slush” fahren. Das Foto zeigt die Toposens-Gründer Alexander Rudoy, Rinaldo Persichini und Tobias Bahnemann (Foto: Toposens).

Laut Hersteller sind die Sensoren deutlich kleiner und preisgünstiger als herkömmliche, kamerabasierende Systeme. Anwendungen liegen laut Toposens im zukunftsträchtigen Bereich Internet der Dinge. Auch die Automobilbranche könnte die Technik nutzen, beispielsweise für die Gestensteuerung im Innenraum oder als Einparkhilfe. Erste Pilotprojekte mit Kunden sollen “Anfang bis Mitte 2016” starten, das fertige Produkt soll “spätestens Ende 2016 auf den Markt kommen”, wie Toposens-Mitgründer Tobias Bahnemann gegenüber ITespresso erklärt.

Start-up-Festival Slush

Einen Preis hat Toposens schon gewonnen, nämlich den “IKT Innovativ Hauptpreis” auf der IFA 2015. Durch den Sieg beim Mini-Pitching gewinnen die Münchner eine Reise zum renommierten Start-up-Festival “Slush” in Helsinki.

Startup-Festival Slush

Die Chance also für Toposens, im vielgerühmten Hightech-Land Finnland, Kontakte zu Geschäftspartnern oder künftigen Kunden zu knüpfen. Viel Zeit, das Finnland der Wälder und Tausend Seen zu erleben, werden sie wohl nicht haben.

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