Neue Umfrage konstatiert Digitale Amnesie bei Smartphone-Nutzern

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Digitale Amnesie (Grafik: Kaspersky)

Die Diskussion um den Hirnforscher Manfred Spitzer und sein Buch Digitale Demenz ist allen noch in Erinnerung. Jetzt kommt Kaspersky mit einer europaweiten Studie, die “Digitale Amnesie” belegen soll. Allerdings geht es nicht in erster Linie um den Verlust des Gedächtnisses, sondern die Folgen beim Verlust des Smartphones.

Kaspersky hat die Ergebnisse einer in seinem Auftrag vom Institut Opinion Matters europaweit durchgeführten Umfrage vorgelegt. Dem Security-Anbieter zufolge geht daraus hervor, dass die allgegenwärtige Digitalisierung der Gesellschaft möglicherweise eine neue Vergesslichkeit mit sich bringt: die Digitale Amnesie. Die permanente Verfügbarkeit des Internets mittels Smartphones und Tablets habe nämlich erheblichen Einfluss auf das Erinnerungsvermögen der Bevölkerung.

Digitale Amnesie (Grafik: Kaspersky)
Digitale Demenz war 2014, kommt 2015 die Digitale Amnesie? (Grafik: Kaspersky)

Unwillkürlich fühlt man sich an den Hirnforscher Manfred Spitzer und sein Buch Digitale Demenz erinnert, dass nicht nur rasant die Bestsellerlisten erklomm, sondern auch einen Sturm der Entrüstung in den Feuilletons auslöste. Spitzers Buch wurde von Medienpsychologen als “reißerischer Beststeller” verdammt in dem keine seriösen Quellen berücksichtig würden, die Ausführungen wurden als populistisch zusammengefügte, “krude Thesen” abgetan und Hirnforschern wurde gar generell die Kompetenz abgesprochen, über solche Themen zu schreiben. Sogar der damalige Bitkom-Präsident Dieter Kempf fühlte sich genötigt, dem aus seiner Sicht “analog ignoranten” Spitzer die Leviten zu lesen und ihm vorzuhalten, er spiele mit den Ängsten der Menschen.

Der so vielfach Angefeindete verteidigte sich in der “Zeit” damit, dass er in seinem Buch nur darlege, “dass der Computergebrauch Nebenwirkungen hat. Bis zu einem Alter von zwei Jahren können Kinder mit dem Computer nichts anfangen. Im Vorschul- und Grundschulalter schadet hoher Medienkonsum der Bildung, später kann er zu Computersucht führen.” Da gelte es abzuwägen, wie man mit Bildschirmmedien umgeht.

Weitverbeitete Annahme: Was ich im Smartphone habe, brauche ich nicht im Kopf zu haben (Grafik: ITespresso mit Material von Kaspersky und Vodafone).
Weitverbeitete Annahme: Was ich im Smartphone habe, brauche ich nicht im Kopf zu haben (Grafik: ITespresso mit Material von Kaspersky und Vodafone).

Nun wagt sich Kaspersky Lab auf das von Spitzers Ausflügen schon stark angeknackste, dünne Eis. Ein der Kernaussagen der Umfrage sei, dass sich beispielsweise mehr Deutsche an Telefonnummern aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern, als an die aktuellen Nummern der eigenen Kinder oder des Partners. Der Kaspersky-Studie (PDF) zufolge haben 54 der befragten Eltern in Deutschland die Telefonnummer ihrer Kinder im Smartphone abgespeichert, wissen sie aber nicht auswendig. Und nur jeder Zehnte konnte die Rufnummer der Schule nennen. Die Rufnummer des aktuellen Lebenspartners konnten in Deutschland immerhin 61,1 Prozent aus dem Gedächtnis abrufen, die des Arbeitgebers 52,7 Prozent.

Die Telefonnummern-Nummer kochte auch schon in der Debatte um die Digitale Demenz hoch. Damals entgegneten Kritiker, es sei eben “überhaupt kein Wert, wenn ich mir Telefonnummern merken kann, wenn es dafür inzwischen ausreichend digitale Speicher gibt, die mit zwei Fingertipps eine direkte Anwahl des gewünschten Gesprächspartners ermöglichen. Sich eine zehn- oder zwölfstellige Zahl merken zu können, ist demnach ein nettes Gimmick, mehr nicht – weil man es schlichtweg nicht mehr braucht.”

Holger Suhl, General Manager für Deutschland, Schweiz und Österreich bei Kaspersky (Bild: Kaspersky Lab).
“Eine Art Digitale Amnesie lässt sich nicht von der Hand weisen, mit möglichen Langzeitfolgen für unser Gedächtnis”, meint Holger Suhl, General Manager für Deutschland, Schweiz und Österreich bei Kaspersky (Bild: Kaspersky Lab).

Diese Kritiker haben aber Kaspersky zufolge eines übersehen: Die zunehmende Abhängigkeit von Technologie und Web. “So sehr Smartphones und Co. das Leben erleichtern, eine Art digitale Amnesie lässt sich nicht von der Hand weisen, mit möglichen Langzeitfolgen für unser Gedächtnis”, wird Holger Suhl, General Manager DACH bei Kaspersky Lab, in einer Pressemitteilung zitiert. “Offenbar prägen wir uns selbst die Telefonnummern der engsten Angehörigen nicht mehr ein, weil sie mit einem Klick abrufbar sind. Eine überwältigende Mehrheit von 86 Prozent der von uns europaweit befragten Nutzer klagt außerdem über das Ausmaß von Nummern und Adressen in einer zunehmend vernetzten Welt, das die eigene Merkfähigkeit übersteigt. Gingen die digital gespeicherten Daten verloren, hätte das für viele dramatische Folgen.”

Mit Kathryn Mills vom Institute of Cognitive Neuroscience am University College London (UCL), kommt bei Kaspersky dann auch noch eine Hirnforscherin zu Wort: Sie relativiert etwas: “Zu vergessen ist an sich nichts Schlechtes. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig und vergisst vieles, was nicht von Bedeutung ist. Problematisch wird es erst dann, wenn wir die vergessenen Fakten tatsächlich benötigen. Wir kümmern uns weniger darum, uns etwas merken zu müssen, weil wir es vernetzten Geräten anvertrauen.”

Die Folgen eines Verlusts des Smartphones wären daher für viele der Befragten beträchtlich. 43,5 Prozent der Umfrageteilnehmer in Deutschland wären “traurig, weil auch viele Bilder oder Videos und damit Erinnerungen unwiederbringlich verloren wären”. 17,7 Prozent würden sogar “in Panik verfallen”, weil sie “alles” verloren hätten.

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