Fünf Fähigkeiten, die wir in Zukunft verlernen könnten

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Gerd Leonhard - Media Futurist (Bild: Friedel Ammann)

Der exzessive Gebrauch von Technologie und mobilen Geräten, die vollgepackt mit immer intelligenterer Software immer am Netz sind, können uns nicht nur entmündigen, sondern auch abhängig und in gewisser Weise digital dement machen. Der Zukunftsberater Gerd Leonhard nennt im Gastbeitrag für ITespresso fünf alltägliche Dinge, die wir vielleicht bald verlernen.

Das Smartphone zeigt uns den Weg. Nicht nur das. Es sagt uns auch, wo wir in der Nähe eine Pizzeria finden und wie sie bewertet wurde, und was meine “Freunde” davon halten. Wir vertrauen immer mehr unseren “externen Gehirnen”, denn wir gehen davon aus, dass sich diese gigantische Maschine-in-der Wolke nicht irrt und immer recht hat.

Gerd Leonhard - Media Futurist (Bild: Friedel Ammann)
Gerd Leonhard, der Autor dieses Gastbeitrags für ITespresso, ist Zukunftsberater, Futurist, Strategieberater und Keynote-Speaker (Bild: Friedel Ammann).

Die “Weisheit der Masse” verstärkt diesen Glauben. So werden unsere Smartphones immer mehr zu “Erweiterungen unseres Selbsts”. Studien zeigen, dass die Abhängigkeit der kleinen Helfer bei vielen Menschen so groß ist, dass sie bei deren Abwesenheit mit körperlichem und psychischem Unwohlsein reagieren.

Damit unterwerfen wir uns einer Art von digitalem Feudalismus, bei dem wir am Ende alle im Dienst der Technologie-Giganten stehen. Als Folge davon denken wir nicht mehr wirklich selber, wir überlassen Entscheidungen der omnipräsenten Technologie. Dabei vergessen, verdrängen, ja sogar verlernen wir langsam aber sicher viele alltägliche Dinge, die vor der Zeit der mobilen Computer-Revolution unbewusste Standards waren. Nicht nur dies: unser Gehirn ist plastisch – wenn Teile davon nicht mehr gebraucht werden, schrumpfen deren Fähigkeiten

Fünf Fähigkeiten, die wir bald verlieren könnten

Fremdsprachen lernen

Mit der Software “Skype Translate” oder mit der App “Say Hi” können wir jetzt schon mit fremdsprachigen Menschen in unserer Muttersprache reden. Was wir sagen, wird in Echtzeit übersetzt und kommt beim Empfänger in dessen Sprache an. Künftig können wir zum Beispiel beim Daten oder im Restaurant das Handy reden lassen.

Uns im Raum orientieren

Früher musste man sich auf einer gedruckten Karte orientieren. Hilfreich waren dazu Gebäude oder Punkte am Horizont. So kriegten wir ein Gefühl für den Ort, an dem wir uns befinden. Vielen Menschen fällt es inzwischen schwer, sich räumlich, zum Beispiel in einer Stadt, zurechtzufinden oder eine nicht digitale Strassenkarte zu verstehen. Der Grund: Sie haben sich an GPS und an interaktive Internet-Maps auf ihrem Handy gewöhnt. Der Orientierungssinn droht verloren zu gehen.

Reisen als Entdecker

Früher fuhr man einfach einmal los und schaute dann, wie weit man kam und wohin es einen auf der Reise verschlug. Tempi passati: Der moderne Mensch überlässt fast nichts mehr dem Zufall und orientiert sich an Youtube, Tripadvisor, Google Maps, Waze und Facebook.

Apps und Maps liefern uns Vorschläge für Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants und deren Bewertung durch andere Reisende. Das Resultat: ein oft irreführender Mikrokosmos, der aus sozialen Medien und deren Algorithmen gebaut ist – Daten triumphieren über die Intuition.

Zufällig etwas Interessantes lesen

Früher blätterten wir eine Zeitung oder ein Magazin durch – heute ist für Menschen unter 30 (die “digital natives”) ihr Facebook Newsfeed wichtiger also jedes andere Medium, und dort tauchen nur die News meiner Freunde und meiner Likes – und deren Sponsoren – auf.

Schön schreiben können

Einen handgeschriebenen Brief zu erhalten, galt früher als normal. Wir müssen wohl jetzt bald davon Abschied nehmen, denn wir steuern in Richtung der visuellen und oralen Gesellschaft. Von Hand brauchen wir nichts mehr zu schreiben; der Computer hört uns zu und folgt unseren verbalen Anweisungen. Dazu kommen noch Gesten, mit denen wir unsere Geräte steuern. Wozu Schreiben lernen, wenn man es eh nicht braucht?

Der Autor

Gerd Leonhard - Media Futurist (Bild: Friedel Ammann)

Der Basler Gerd Leonhard (53) ist ein weltweit anerkannter Zukunftsberater, Futurist, Strategieberater und Keynote-Speaker. Er ist bekannt für seine provokativen und inspirierenden Präsentationen und Analysen komplexer Herausforderungen, denen sich Unternehmen und Führungskräfte zu stellen haben. Er leistet unter anderem Strategieberatung für Technologie, Marketing und Werbung, Telekommunikation und Nachhaltigkeit. Außerdem ist als Sparringpartner und Coach für CEOs sowie als Futurist in Residence tätig.