Industrie 4.0: das tückische Wirtschaftswunder

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Industrie 4.0 (Shutterstock/Adam Vilimek)

Nach Cloud Computing und Big Data gehört Industrie 4.0 zu den wichtigsten Trends 2015. Die Hersteller sind begeistert, IT-Experten denken noch nach und Endkunden sind ratlos. Wo liegen die Chancen und wo liegen die Risiken des Trends?

Deutschland hat ein neues Schlagwort. Wer die seit Jahren umlaufenden Buzzwords Cloud Computing, Big Data, Mobile Computing nicht mehr hören kann, darf endlich aufatmen. Industrie 4.0 heißt der neue Trend. Der Branchenverband Bitkom hat Industrie 4.0 gerade als eines der fünf wichtigsten Themen des Jahres 2015 präsentiert.

Industrie 4.0 (Shutterstock/Adam Vilimek)

Laut Trendumfrage liegen zwar Cloud Computing, IT-Sicherheit und Big Data immer noch vorne, aber Industrie 4.0 hat es mit “42 Prozent der Nennungen” unter die Top Five gebracht. “Industrie 4.0 hat aktuell die größte Dynamik und ist für die Bitkom-Branche das Trendthema des Jahres” Mit diesen Worten lässt sich Bitkom-Präsident Dieter Kempf in einer Pressemitteilung zitieren.

An gewichtigen Lobeshymnen für den neuen Trend ist derzeit kein Mangel. So schwärmt Christian P. Illek, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, von einer “vierten industriellen Revolution”. Die sei eine “Jahrhundertchance”, mit der man ein “digitales Wirtschaftswunder” schaffen könne, “das unsere Wirtschafts- und Sozialordnung nachhaltig sichert”.

Microsoft selbst will einer der Vorreiter sein und präsentiert auf der kommenden CeBIT bereits mit Partnern diverse Lösungen, die das Potenzial der Technik zeigen sollen. Selbst die ansonsten in Hightech-Fragen immer hinterherhinkende Politik bezeichnet Industrie 4.0 als wichtiges “Zukunftsprojekt”, das sie nach Kräften fördern will.

Die aktuelle Trendumfrage des Branchenverbands Bitkom zeigt, dass Industrie 4.0 zu den Topthemen in diesem Jahr gehört (Grafik: Bitkom).
Die aktuelle Trendumfrage des Branchenverbands Bitkom zeigt, dass Industrie 4.0 zu den Topthemen in diesem Jahr gehört (Grafik: Bitkom)

Industrie 4.0 und Internet der Dinge

Was genau verbirgt sich aber hinter Industrie 4.0? Eine ungefähre Vorstellung davon hat wohl jeder. Digital vernetzte, miteinander kommunizierende Maschinen in der Produktion, die gleichzeitig auf Big-Data-Ressourcen zurückgreifen. Das Thema hat also engen Bezug zum vielzitierten Internet der Dinge.

Eine der besten Erklärungen für das Phänomen hat kürzlich der Informatikspezialist Professor Peter Liggesmeyer auf einer Veranstaltung in München geboten. Liggesmeyer hat in seinem Berufsleben schon eine Menge Titel eingesammelt. Er ist Präsident der Gesellschaft für Informatik, Institutsleiter am Fraunhofer IESE (Institut für experimentelles Software-Engineering) und hat einen Lehrstuhl an der TU Kaiserslautern inne. Er weiß also, um was es hier geht.

Liggesmeyer erklärt Industrie 4.0 aus der Technikgeschichte heraus. Industrie 1.0 war der Ersatz von Muskelkraft durch Maschinen. Bei Industrie 2.0 kann man bereits von Massenfertigung sprechen, weil die Produktion in wiederkehrende Schritte eingeteilt war. Industrie 3.0 läutet das Zeitalter der Automatisierung ein. Noch höhere Stückzahlen und standardisierte Produkte stehen im Mittelpunkt.

Jetzt also Industrie 4.0. Das wesentliche Merkmal bilden “massenindividualisierbare Produkte” wie Liggesmeyer es nennt. Möglich wird das natürlich durch Internet und Big Data. Die Maschinen in der Produktion agieren datengetrieben und können auf Big-Data-Ressourcen zurückgreifen.

Da die Einzelkomponenten einer Produktionsanlage untereinander vernetzt sind und miteinander kommunizieren, können sie den Produktionsablauf auch untereinander organisieren und im laufenden Betrieb anpassen. So bleibt einerseits die schnell getaktete Massenproduktion erhalten, andererseits ist jedes Produkt – potenziell – ein Unikat.

Der Kunde ist Teil der Produktion

Die Informationen in der Big-Data-Cloud wiederum lassen sich im Prinzip aus den Bedürfnissen oder Wünschen jedes einzelnen Käufers generieren. Damit wird der Kunde Teil des Produktionsprozesses.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass für eine Veränderung die Produktion nicht wie bisher angehalten, neu geplant und neu gestartet werden muss. Veränderungen an einzelnen Produkten werden im laufenden Betrieb von den intelligenten Maschinen genständig vorgenommen. Da die Anlage die Produktion selbst organisiert und überwacht, ist die theoretisch auch in der Lage, den Ablauf der Produktion laufend zu optimieren und damit effizienter zu gestalten. Eine Art Teamwork der Roboter, also.

Aber das ist noch nicht alles. Wenn es in der Produktion mal hakt, weil beispielsweise eine Maschine ausfällt, kann sich die Anlage selbst neu organisieren – ebenfalls, ohne dass die Produktion angehalten werden müsste.

Gefahren und Risiken von Industrie 4.0

Das sind also eine Menge faszinierender Möglichkeiten. Aber Liggesmeyer wäre wohl kein angesehener Experte, wenn er nicht auch auf die Risiken hinweisen würde. Eines dieser Risiken entsteht, weil die Maschinen ja übers Web mit der Außenwelt verbunden sind. So könnten Kriminelle sich sozusagen in die Fabrikhalle hineinhacken und die Produktion sabotieren.

Daneben sind bei so einer komplexen Anlage natürlich auch Sicherheitsrisiken zu erwarten. Denn wer kann garantieren, dass die stählernen Teamworker nicht doch mal Unsinn machen? Außerdem sind juristische Probleme, etwa solche der Haftung, ungeklärt. Wer übernimmt die Haftung, wenn etwas schief geht, etwa, weil die Maschinen sich falsch organisiert haben?

Auch für den Konsumenten dürfte das Industrie-4.0-Konzept durchaus Risiken bringen. Denn es funktioniert ja nur, wenn die Kunden auch in Zukunft ihre persönlichen Daten wie Kaufverhalten, Konsumwünsche, Beruf und vielleicht sogar Gesundheitsdaten in den groß0en Big-Data-Pool einspeisen. Das sind nämlich die Daten, die Industrie 4.0 benötigt, um in der Massenproduktion individualisierte Produkte herzustellen.

Auch die CeBIT 2015 widmet sich den Themen Industrie 4.0 und Internet der Dinge.
Auch die CeBIT 2015 widmet sich den Themen Industrie 4.0 und Internet der Dinge (Screenshot: ITespresso).

Es stellt sich auch die Frage, wie Hersteller in Zukunft ihre Produkte bewerben wollen. Im Extremfall gibt es ja gar kein Produkt mehr, das man bewerben könnte. Es gibt nur noch eine Marke, deren Qualitäten mehr oder weniger auf jedes einzelne Produkt dieser Marke zutreffen. Die Hersteller werden im Industrie-4.0-Zeitalter also auch ihre Werbestrategie umstellen müssen. Das wiederum hat gewaltige Auswirkungen auf das Internet, das sich schließlich im Wesentlichen durch Werbung finanziert.

Die Lippenbekenntnisse der CEOs

Chancen und Risiken also. Wenn deutsche IT-Manager und CEOs auf Podiumsdiskussionen von “Chancen und Risiken” sprechen, dann meinen sie in Wahrheit nur die Chance. Im ach so technikfeindlichen Deutschland müsse man doch die Chancen schneller ergreifen und nicht immer nur die Probleme sehen. Der Hinweis auf Risiken, über die man “selbstverständlich auch reden muss”, bleibt in der Regel ein Lippenbekenntnis.

In der Konsequenz führt diese Haltung aber dazu, dass Hersteller die technische Entwicklung ungebremst vorantreiben, also ihre Chance ergreifen und damit erst mal Tatsachen schaffen. Die Diskussion der Risiken ist dann müßig, weil es eh zu spät ist. Besichtigen kann man diesen Mechanismus sehr gut bei der ungebremsten Expansion von Unternehmen wie Facebook und Google. Die haben ihre Chance genutzt und Fakten geschaffen. Den Bürgern bleibt es danach überlassen, über Risiken zu diskutieren. Es ändert aber eh´ nichts mehr.

So bewirkt die aktuelle Diskussion über die neuen AGB von Facebook und die damit verbundenen Risiken wahrscheinlich gar nichts – einfach, weil es zu spät ist, noch etwas zu ändern. Wird dieser Mechanismus auch beim nächsten Trend wieder zuschlagen? Wenn Industrie 4.0 wirklich ein “digitales Wirtschafswunder” mit Auswirkungen auf unsere Wirtschafts- und Sozialordnung ist, dann sollte genau dies nicht passieren.

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