So soll Barcelona zum europaweit bedeutsamen Technik-Hotspot werden

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Barcelona (Bild: Shutterstock)

Sechs spanische Hightech-Zentren rund um Kataloniens Hauptstadt sollen dazu fusionieren. Dort, wo 2009 die letzte große europäische Wirtschaftskrise begann, soll jetzt in Innovationen im Hightech-Sektor investiert werden. Damit hofft man sich der Wirtschaft und den Menschen wieder neue Perspektiven geben zu können.

Katalonien und seine Metropole Barcelona soll die führende Technik-Region in Spanien werden. Dieser, von der Regierung das Landes nverolgte Plan, nimmt durch den Zusammenschluss mehrerer Technikzentren rund um Barcelona jetzt erste Formen an. In Spanien, das in vielen Bereichen zu Europas Schlusslichtern zählt, ist der Ideenreichtum in der ITK-Branche seit Jahren ein Strohhalm, an den sich viele Hoffnungen klammern. Die Regierung Kataloniens spricht, wie die Behörden in vielen anderen Regionen Europas, ehrgeizig davon, den Raum mit rund sieen Millionen Bewohnern zum Silicon Valley Europas machen zu wollen – und das in einer Zeit, in der sich viele Katalonier von Spanien trennen wollen.

Barcelona (Bild: Shutterstock)

Dass Innovation der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg im Weltmarkt ist, haben bereits viele Regierungen erkannt. Auf dieser Grundlage wird allerorts geplant und gefördert. Was in der IT-Branche Bayern und München für Deutschland sind, wollen Katalonien und Barcelona nun für Spanien werden. Dazu wurden nun Maßnahmen ergriffen, sechs der vorhandenen Technologiezentren in eine einzige große Organisation zusammenzuschließen. Der “Technologie-Hub” soll Anlaufpunkt für viele kleine und mittlere Firmen werden, um technologische Herausforderungen zu meistern und auch den Wissenstransfer verbesern.

Der Mobile Word Congress, der ganz sicher noch bis 2018 in Barcelona ausgerichtet wird, ist bereits öffentliches Aushängeschild der Region. Stolz nennt man sich auch “Mobile World Capital“. Das alleine reicht den Kataloniern aber nicht – zumal die letzte Vergaberunde der GSM Association für die Veranstaltung auch gezeigt hat, dass der Ruhm durchaus vergänglich sein könnte.

Nach fünf Jahren hat die katalonische Regierung Ende 2014 endlich einen Plan veröffentlicht, wie sie die Wirtschaft in der Region voranbringen will. Ein Punkt dieser “Roadmap” wird mit der Fusion von sechs gut etablierten Technikzentren nun umgesetzt. Das geplante Zentrum soll KMU, die den Löwenanteil der katalanischen Industrie ausmachen, Zugriff zu Innovationen und Mittel zum Technologietransfer verschaffen, damit sie im Weltmarkt mithalten können.

In Vorbereitung: ein spanisches Pendant zur Fraunhofer-Gesellschaft

Bereits Ende August 2010 gab die katalonische Regierung ihre Absicht bekannt, die bestehenden Technologiezentren zu vereinen. Wwegen politischer Umstände, etwa dem Unabhängigkeitswunsch vieler Katalonier, wurde die aber erst einmal nicht in die Tat umgesetzt. Ende 2014 wurde die Verwirklichung aber endlich in Angriff genommen. Wirtschaftsminister Antoni Ma Grau musste allerdings eingestehen, dass der Zusammenschluss ein komplexer Prozess ist: “Alle sechs haben unterschiedliche Organisationsmodelle und verschiedene Dynamik. Jedes davon hat seine eigene Kultur, Geschichte und Ursprünge.”

Mobile World Congress 2015 (Bild GSM Association)

Daher ist ein zweistufiger Prozess vorgesehen, der 2016 beendet sein soll. Die erste Stufe begann Ende 2014 mit drei der Zentren: Die Ascamm Foundation, CETEMMSA und das Barcelona Digital Technology Centre lösen sich auf und transferieren ihre Assets, Rechte und Pflichten an Alira, die Organisation, die das Herz des neuen, großen Technologiezentrums wird.

Die Ascamm Foundation wurde 1987 als Forschungszentrum durch die Katalanische Vereinigung der Spritzgussindustrie gegründet, wo es um Plastik, Material, intelligente Produktion und neuerdings Material für 3D-Druck geht. Neben vielem anderen entstehen bei Ascomm zum Beispiel auch Rettungsdrohnen im EU-gestützten Ikarus-Projekt. Barcelona Digital kümmert sich um Forschung rund um Informations- und Kommunikationstechnologien. CETEMMSA schließlich ist ein 19 Jahre altes Forschungs- und Entwicklungszentrum für angewandte Forschung rund um Geräte und Material, unter anderem flexible photovoltaische Textilie. Hier entsteht etwa Kleidung, die Strom erzeugt und nicht kratzt.

In Phase 2 der Fusion kommen drei weitere Zentren dazu: Leitat, CTM und Barcelona Media. Auch sie sollen in der Alira-Stiftung aufgehen.

Leitat gibt es schon seit 1906. Die Organisation konzentriert sich auf Forschung, Wirtschaftsförderung und Erfindungen. Eine ihrer Stärken ist inzwischen Biotechnologie. Das CTM arbeitet für Firmen, Verbände und Institutionen in den Bereichen Materialtechnologien, Umweltforschung, Bio-Engineering, Energiesektor, Simulation und Design. Zu guter Letzt kommt das zehn Jahre alte Institut Barcelona Media hinzu, das als Referenz für den katalonischen Mediensektor schon an den EU-2020-Projekten zu 3D-Sound und –Bildern teilnahm.

Diesen drei Zentren lässt die Regierung aber noch bis Ende 2015 Zeit, um Übergangspläne zu entwickeln. Umgesetzt werden sollen sie aber bis 2016. Nachdem alle sechs Zentren integriert sind, sollen sie zusammenarbeiten und Wissen teilen. Es wird erwartet, dass aus der Verknüpfung der zunächst recht unterschiedlichen Bereiche ganz neue Ideen und Firmen – und letzendlich dann auch Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft entstehen. Partnerschaften mit Universtäten und anderen Forschungszentren sollen dazu ebenfalls beitragen.

Die Bildung des neuen Institutes, vergleichbar mit der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft, hat bei der katalanischen Regierung oberste Priorität. Es soll als die treibede Kraft zur Entwicklung von Kerntechnologien nach dem Regierungsplan RIS3CAT (“Research and Innovation Strategy for the Smart Specialisation of Catalonia”) mit künftiger EU-Unterstützung werden. Außerdem soll es dem Land helfen, bei Forschung, Entwicklung und Innovation eine Führungsrolle zu übernehmen. Das, so Grau, “kann ein Werkzeug sein, um die Wirtschaft zu retten, Jobs zu schaffen und die Zukunft zu gestalten”.

Derzeit erwirtschaftet Katalonien 20 Prozent seines Bruttsozialproduktes mit der produzierenden Industrie. Zulieferbetriebe und Support durch Dienstleister, Banken und Hilfsmittel eingerechnet, kommt der Bereich sogar auf 50 Prozent. Die westliche Welt musste aber in den vergangenen 20 Jahren einen deutlichen Rückgang im produzierenden Gewerbe hinnehmen. Genau da will Grau “den Trend umkehren” und “eine Grundlage für die Zukunft” schaffen.

Die Zukunftspläne Kataloniens

Im Jahr 2016 sollen die mit dem Institut verbundenen Unternehmen 100 Millionen Euro erwirtschaften, mehr als das Doppelte dessen, was sie 2013 einnahmen. Durch Funding des EU-Horizon-2020-Programms und das katalonische RIS3CAT soll die Zahl auf 200 Millionen erhöht werden. Und Fördergelder der katalonischen Regierung sollen bis 2016 nochmals 45 Millionen Euro einbringen.

Der ehrgeizige Plan ist als geheim eingestuft: Alle Teilnehmer mussten eine Stillschweigevereinbarung unterzeichnen. Von den einzelnen Technikzentren Kommentare zum Stand der Fusion zu erhalten, ist also derzeit nicht möglich. Das war wohl nötig, weil sich Verantwortlichkeiten und Top-Jobs in den sechs Zentren ändern und nicht alle Angestellten damit einverstanden sein werden.

Und auch die Verteilung der Fördergelder wird Anstoß zum Streit bieten: Ob ein gemeinsames Institut so viel Gelder bekommen kann wie sechs einzelne, wird bezweifelt. Doch da 2016 die nächste Wahl ansteht, drücken die Politiker jetzt aufs Gas.

Die Initiatoren des Fusionsprojekts wollen eine führende Technologieregion nicht nur in Spanien, sondern darüber hinaus schaffen. Grau erklärt, man sei bei der Gründung des Instituts von Prozessen inspiriert gewesen, die “führende Einrichtungen in Europa” im Bereich von Wissenschaft, Technik und Industrieforschung entwickelt haben.

Kataloniens Wirtschaftsbasis bestehe aus kleinen und mittleren Firmen, die nicht die Kapazitäten haben, selbst Forschung zu betreiben, meint Antoni Garrell, Vizepräsident der lokalen Industrievereinigung: “Es ist besser, eine große Struktur zu haben als viele kleine, die nicht alle Anforderungen erfüllen können.”

[mit Material von Anna Solana, ZDNet.com]

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