Studie: Internet macht doch nicht dick und doof

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student-surfen-web (Bild: Shutterstock / Arieliona)

Wissenschaftler haben in der Fachzeitschrift “Psychologische Rundschau” Behauptungen zu negativen Auswirkungen des Internets weitgehend widerlegt. Sie stützen sich dabei auf eine Auswertung von Studien, in denen Befunde vieler Untersuchungen gemeinsam betrachtet werden. Sie warnen vor einer Verteufelung moderner Kommunikationsmittel.

Professor Markus Appel und Constanze Schreiner haben Thesen zu negativen Auswirkungen digitaler Medien, wie sie zum Beispiel von Manfred Spitzer in seinem vielbeachteten Buch “Digitale Demenz” behauptet werden, mit Hilfe von Meta-Analysen auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen (PDF) wurde jetzt in der Fachzeitschrift Psychologische Rundschau veröffentlicht. Demnach widerlegt die Auswertung zahlreicher vorliegender Befunde derartige Annahmen.

Laut Markus Appel und Constanze Schreiner widersprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse auf vielen Gebieten klar den verbreiteten Thesen zu den schädlichen Auswirkungen des Internets.

Laut Constanze Schreiner und Markus Appel, der seit dem Wintersemester 2013/14 an der Universität Koblenz-Landau am Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik lehrt, führt Internetnutzung nach dem jetzigen Stand der Forschung im Mittel weder zu weniger sozialem Austausch, noch zu weniger gesellschaftlich-politischem Engagement. Auch seien intensive Internetnutzer nicht einsamer als Personen, die das Internet nur gelegentlich nutzen. “Die alarmistischen Thesen von Spitzer und Co. haben wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun”, erklärt Appel in einer Pressemitteilung.

Die von Appel und Schreiner untersuchten Studien finden keinen sicheren Beleg für einen Zusammenhang zwischen Internetnutzung und sozialer Interaktion. Der bei einigen Studien gefundene, sehr geringe negative Effekt scheint der Untersuchung nach bei anspruchsvolleren, umfangreicheren Studiendesign zu verschwinden oder sogar in einen kleinen positiven Zusammenhang umzuschlagen. Ähnliches gilt für des gesellschaftliche und politische Engagement. Die These, dass Internetnutzung mit Einsamkeit einhergeht, ist empirisch nicht gestützt. Als Sündenbock für Depressionen taugt das Web ebenfalls nicht: Nur 0,25 der Variation in den Depressionswerten werden laut Appel und Schreiner durch Internetnutzung erklärt, 99,75 Prozent sind auf andere Faktoren zurückzuführen.

Auch der oft postulierter Zusammenhang zwischen intensiver Mediennutzung und Übergewicht konnte durch die meta-analytischen Daten lediglich für den Fernsehkonsum gesichert werden. Für
Computerspieler waren die Ergebnisse nicht signifikant. Aber auch hier sind TV und Web nicht die ausschlaggebenden Faktoren: Durchschnittlich lässt sich lediglich ein Prozent der Varianz von Übergewicht mit Fernsehnutzung oder Computerspielen erklären.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss: “Die Verbreitung nicht sachgemäßer, alarmistischer Thesen zu den Auswirkungen von Internetnutzung verschleiert unser es Erachtens den Blick für die
Herausforderungen, die mit einer Verbreitung von Computer und Internet im Alltag verbunden sind. Dazu zählen etwa die zwanghafte Internetnutzung oder das Problem von Cyberbullying.”

Ferner sei zu vermuten, dass die Verinnerlichung derartiger Behauptungen durch Lehrkräfte, Erzieher und Eltern dazu führe, dass diese “keine qualitativ hochwertigen Ressource für Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien darstellen. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche den Herausforderungen des Internets schlechter gewachsen sind.”

Einen Grund für die Popularität medienkritischer Publikationen sehen Appel und Schreiner in der Bezugnahme vieler Autoren auf neurowissenschaftliche Theorien und Befunde. Diese hätten allerdings in populärwissenschaftlichen Büchern häufig keinen direkten Bezug zu den Kerninhalten, wirkten aber dennoch gerade für Laien überzeugend.

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