Der Mann, der in Deutschland langfristig Amazon ablösen will

E-CommerceMarketingStart-UpUnternehmen
Hitmeister Gerald Schönbucher

Im November 2007 gründete Gerald Schönbucher ein Verkaufsportal im Internet. Seine Vision ist ambitioniert: Hitmeister soll in ferner Zukunft in Deutschland auf Augenhöhe mit Amazon oder Ebay sein. Alles nur Getrommel? Eher nicht, denn bei näherem Hinsehen erweist sich der markige Spruch als mehr, als nur ein Marketinginstrument.

Gerald Schönbucher mag Menschen, die sich nicht gleich bei ersten Widerständen von ihrem Ziel abbringen lassen, die sich ihren Optimismus bewahren und für die das Glas immer halb voll ist. Menschen, die bereit sind verkrustete Strukturen aufzubrechen, in dem sie Branchen mit ihren Ideen auf den Kopf stellen und etwas Neues wagen.

Darin sieht der 36-Jährige Betriebswirt seine berufliche Leidenschaft: Mit Menschen, die aus diesem Holz geschnitzt sind, gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen. Diese Leidenschaft empfindet Schönbucher nicht nur für sein eigenes Unternehmen, sondern auch für andere. Schönbucher ist Business Angel und gehört damit zu jenem Netzwerk, das junge Unternehmen in der ersten Phase nach der Gründung mit Rat und Kapital unterstützt.

Gerald Schönbucher Hitmeister
Gerald Schönbucher, Gründer und Geschäftsführer von Hitmeister (Bild: Hitmeister).

Mit Widerständen und Skeptikern hat Schönbucher Erfahrung. Wer sich in den Kopf gesetzt im Online-Versandhandel mit Amazon und Co mithalten zu wollen, erntet nicht gerade stürmischen Beifall. “Da haben wir glücklicherweise die richtigen Investoren, Gesellschafter, Vertriebspartner und Mitarbeiter gefunden und das Unternehmen bisher gut auf den Weg gebracht”, sagt Schönbucher, “auch wenn wir noch nicht dort sind, wo wir hinwollen und wir neben den beiden Amerikanern noch ein relativ kleiner Konkurrent sind.“

Die Geschichte von Hitmeister begann in einem Büro an der WHU in Vallendar, nahe Koblenz. Schönbucher arbeitete damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Unternehmertum und Existenzgründung. Schon während seines BWL-Studiums wusste Schönbucher, dass er einmal selbst ein Unternehmen gründen wollte, da ihn ökonomische Zusammenhänge in Unternehmen faszinierten. Ihm gegenüber saß Jan Miczaika, ein Techniker, der die Idee einer Online-Tauschbörse für gebrauchte Medien wie CDs und DVDs hatte.

Das war 2005. Doch schon nach kurzer Zeit merkten die beiden, dass diese Idee auf längere Sicht nicht so abheben würde, wie sie es sich vorgestellt hatten. Den „Misserfolg“ dieses ersten Unternehmens verbucht Schönbucher im Rückblick als seinen größten beruflichen Erfolg. “Wir haben rechtzeitig reagiert, mit den bestehenden Mitarbeitern einen Transformationsprozess eingeleitet und mit Hitmeister etwas Neues gewagt.”

Die Unterschiede zwischen Amazon, Ebay und Hitmeister

Hitmeister haben Schönbucher und seine Mitgründer Jan Miczaika und Andre Alpar so positioniert, dass es sich in wesentlichen Punkten von den Branchenriesen Amazon und Ebay unterscheidet. Das Kölner Unternehmen bietet seinen Händlern Rechtssicherheit, weil es der rechtmäßige Verkäufer der Produkte ist, mit ihnen eine längere Zusammenarbeit auf Augenhöhe anstrebt und jedem einen persönlichen Ansprechpartner anbietet.

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Aus der Sicht des Endkunden ist Hitmeister bezüglich der Produkte zwar nicht ganz so breit aufgestellt wie die große Konkurrenz, dafür bietet der Kölner Onlineversand einige gemeinsame Produkte preiswerter an. Außerdem hat der Kunde mehr Zahlungsmöglichkeiten, etwa Ratenzahlung, und bekommt persönlichen Kontakt per Telefon – auch am Wochenende.

Als Online-Versandhändler ist das Unternehmen sehr datengetrieben und damit auf die Analyse von Kundeninformationen angewiesen. Deshalb ist die Informationstransparenz, was Angebotsbreite und -tiefe angeht, für Schönbucher der größte Nutzen der IT. Mit IT-gestützten Prozessen lasse sich der Kauf so unterstützen, dass der Kunde idealerweise das Produkt am nächsten Tag oder sogar am selben Tag in den Händen hält. Dennoch erreiche man damit keine 360-Grad-Sicht auf den Kunden. Zwar könne man dem Kunden Produkte anbieten, an die er noch gar nicht gedacht hat und von denen er noch gar nicht weiß, dass er sie haben will, aber damit wisse man immer noch nichts über die latenten Bedürfnisse des Kunden. Mit den derzeitigen Möglichkeiten erreicht man seiner Einschätzung nach eine 300-Grad-Sicht.

Den aktuellen Big-Data-Hype hält Schönbucher für überbewertet. “Ich finde, das ist einfach das Auswerten von Daten mit statistischen Methoden. Daran ist erst einmal nichts ‘Big’. In den allermeisten Fällen sind die Datenmengen nicht so groß, dass man wirklich von etwas Neuem sprechen und nicht mit den bestehenden Verfahren bewältigen könnte. Für mich ist das alter Wein in neuen Schläuchen – nicht in allen Fällen, aber in den meisten.” Entwicklungspotenzial für die IT sieht Schönbucher, bei der Entwicklung relevanter Empfehlungen. Dazu gehöre auch das frühzeitige Erkennen von Nachfrage, um rechtzeitig Bestellungen abdecken zu können und die Bevorratung zu optimieren.

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Anfang Oktober 2013 haben Statista und das EHI die fünfte Ausgabe der Studie “E-Commerce-Markt Deutschland” veröffentlicht. Die Top 10 der Onlineshops in Deutschland führt demnach Amazon an, das 2012 hierzulande einen Umsatz von rund 4,8 Milliarden Euro erwirtschaftete. Mit Abstand folgen Otto (1,7 Milliarden Euro) und Notebooksbilliger (485 Millionen Euro). Neu in den Top 10 war mit 360 Millionen Euro Umsatz Tchibo (Grafik: Statista).

Als Unternehmer fühlt Schönbucher sich oft wie bei einer Achterbahnfahrt. Es gibt täglich positive und negative Adrenalinstöße, Erfolge und Rückschläge. Einen herben Rückschlag musste Hitmeister 2009 einstecken, was Schönbucher zu seinen größten beruflichen Niederlagen zählt und ihm schlaflose Nächte bereitete. “Damals musste wir uns von der Hälfte unserer Mitarbeiter trennen. Mitarbeiter, die ich selbst eingestellt hatte.”

Das sei sehr hart gewesen, zumal die Entlassungen nicht allgemeiner wirtschaftlicher Entwicklungen geschuldet waren, sondern ihre Ursache in eigenen Fehlentscheidungen zu suchen waren. Das ist hart für jemanden, dessen Hauptcharakterzug nach eigenen Angaben sein Perfektionismus ist, der ihm zwar sehr helfe, den Anspruch, immer besser zu werden zu erhalten, der aber auch seine Schattenseiten hat. “Mir fällt es schwer, mich auch mal mit einer 80-Prozent-Lösung zufrieden zu geben, auch wenn das manchmal besser ist.”

Großzügig zeigt sich der Unternehmer bei Fehlern, die aufgrund von Unerfahrenheit passieren. “Die Mitarbeiter – egal ob Festangestellte, Praktikanten oder Werkstudenten -, haben bei uns von Anfang an viel Verantwortung. Wenn da Fehler passieren, weil derjenige das nicht wissen konnte, dann ist das überhaupt kein Problem. Das entschuldigen wir.” Wichtig sei nur, dass man einmal mehr aufstehe, als man hinfalle.

Steckbrief Dr. Gerald Schönbucher

Beruf: Gründer und Geschäftsführer von Hitmeister

Branche: Online-Versandhandel

Hitmeister Gerald Schönbucher

Mitarbeiter: 50

Kunden: 1,5 Millionen

Was tun Sie für ihre Worklife-Balance? Ich verbringe möglichst viel Zeit mit meiner Frau zu verbringen und versuche regelmäßig Sport zu treiben. Wir spielen mit der Firma ein bis zwei Mal die Woche Fußball, ein bisschen Laufen und Fitnessstudio. Ich versuche Arbeit nicht unbedingt als „Arbeit“ wahrzunehmen.

Welches Buch lesen Sie gerade? Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Von Richard Thaler.

Ihre Lieblingsbeschäftigung? Mir darüber Gedanken zu machen, wie wir uns verbessern können und mich mit anderen Jungunternehmern über ihre „Babys“ unterhalten.

Ihr Lebensmotto? Ein mal mehr aufzustehen, als man hinfällt.