Anbieter wehren sich gegen drohendes Aus für Call-by-Call

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Weil inzwischen fast alles per Mobilfunk und mobilem Internet zu günstigen Preisen erreichbar ist, sei das Festnetz nicht mehr dringend notwendig – und damit auch die Call-by-Call-Dienste nicht mehr, meinen Sprecher der EU-Wettbewerbskommission im Rahmen der “Digitalen Agenda”. Der Telekom-Wetbewerb ist da anderer Meinung.

Die EU–Inititive “Digitale Agenda” wolle empfehlen, Call-by-Call und andere politische Steuerungsmechanismen für diesen Bereich abzuschaffen, fürchten Kritiker. Die Betreiber sehen da natürlich ihren Markt schwinden – und wehren sich. Die Möglichkeit, nur durch eine Vorwahl Geld zu sparen, sei für Viele dann nicht mehr gegeben.

EU-Kommissarin Neelie Kroes
Die Mitarbeiter von EU-Kommissarin Neelie Kroes denken über die Abschaffung von Call-by-Call nach. (Bild: Deutsche Messe AG)

Als erster Anbieter, der sich lautstark dagegen ausspricht, meldet sich Tele2 zu Wort: “Die Anzahl der regelmäßigen und aktiven Call-by-Call- und Preselection-Nutzer liegt bei stattlichen sechs bis sieben Millionen. Allein 2013 telefonierten die Deutschen rund 25 Millionen Minuten pro Tag über Call-by-Call oder Preselection. Und fast jeder dritte Telekom-Kunde nutzte diese Alternative.”

Schon im November hatte die Kommission Österreichern und im Dezember den Italienern bestimmte Telekommunikations-Regulierungen verboten. Die Verfechter der “Digitalen Agenda” fürchteten zu viel Einmischung der Staaten ins Wirtschaftsgeschehen. Ähnliche “Empfehlungen” befürchten nun auch die Deutschen – die bislang mit Hilfe von Regeln der Bundesnetzagentur einen riesigen Markt für Wettbewerber der Telekom aufbauen konnten.

Tele2 wehrt sich
Tele2 wehrt sich gegen EU-Pläne.

Tele2 ist nicht der einzige, der Angst hat: Die Pressesprecherin des Brachenverbandes VATM antwortet auf die Frage, wer sich noch gegen eine entsprechende EU-Empfehlung wehrt “Alle!”. Im VATM engagieren sich neben Tele2, auch Ventelo, Freenet, 010012, 01058, Star Communications und Vodafone, das Preselection insbesondere für Geschäftskunden auf dem Land anbietet. Sie alle setzen sich für das Beibehalten der Regulierung ein.

Die offizielle Stellungnahme der Branchenvereinigung ist dementsprechend hart formuliert: “Neue EU-Vorgaben schwächen Wettbewerb und Breitbandausbau”, erklärt der VATM. Der “Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten” ist eine Interessenvereinigung von rund 100 Telekommunikations- und Multimediaunternehmen in Deutschland, die alle im Wettbewerb zum ehemaligen Monopolisten Deutsche Telekom stehen.

Lange Zeit nichts Offizielles aus Brüssel

Peter Knauer, VATM-Präsident
Peter Knauer, VATM-Präsident: Die Streichung aus der Regulierung würde auf eine Monopolstellung der Telekom hinauslaufen (Foto: VATM).

Dabei ist die bemängelte und erwartete Empfehlung noch gar nicht offiziell ausgesprochen. Die Mitglieder der für Telekommunikation zuständigen Behörde um Kommissarin Neelie Kroes denken allerdings laut über Deregulierung im Festnetzbereich nach. Wird die endgültige Empfehlung tatsächlich gegeben, deren letzte Vorab-Revision vom 24. Januar hier nachzulesen ist und eine Richtlinie erlassen, würde dies für viele Betreiber einen wesentlich schwierigeren Marktzugang als bisher über die Vorwahlen mit sich bringen.

“Die Streichung aus der Regulierung würde auf eine Monopolstellung der Telekom hinauslaufen. Das würde sich sehr nachteilig auf den Innovationswettbewerb auswirken. Deutschland würde in Europa ins Hintertreffen geraten”, befürchtet VATM-Präsident Peter Knauer.

Die Zugänge zum Festnetz – auch bei Kunden anderer Telekommunikationsunternehmen – sind im Großteil Deutschlands meist über eine TAL (Teilnehmer-Anschluss-Leitung) der Telekom angeschlossen. Ohne Regulierung für Call-by-Call-Zugänge könnten Millionen von Telekommunikationsnutzern also nicht mehr über andere Netze telefonieren oder surfen.

Die Breitbandverände BREKO und BUGLAS blasen ins selbe Horn wie der VATM. Sie versuchen, ihre eigenen Glasfasernetze endlich bis zur Haustür der Nutzer verlegen zu können. Einstweilen sind sie aber in vielen Fällen noch auf “die letzte Meile” der Telekom angewiesen. Ihr Problem ist weniger die Call-by-Call-Telefonie als vielmehr die ebenso umstrittene Preselection, die Nutzer der Telekom-TALs dauerhaft auf ihre Leitungen weiterverbindet.

Riesiger Markt auch ohne Telekom

Anbieter wie Tele2 offerieren nicht nur günstigere Telefonminuten, sondern auch Internet-by-Call-Angebote für Menschen mit besonders wenig Surfbedarf. Flatrates können nie so günstig sein, zeigt ein Call-by-Call-Preisvergleich auf dem Portal Billiger-Surfen: Wer nur eine Minute ohne Anmeldung und ohne Grundgebühr schnell etwas im Web nachschlagen will, kann mit 47 Cent Telekommunikationskosten zum Ergebnis kommen, ohne einen Vertrag abschließen zu müssen. Die Tochter der Vergleichsportalbetetreibers Verivox nennt über 20 Anbieter mit einem Minuten-Surfpreis von unter einem Euro.

Deutscher Markt für Telekom-Konkurrenten
Dass der Telekommunikations-Wettbewerb eine hohe Wertschöpfung für das deutsche Bruttoinlandsprodukt mit sich bringt, zeigen aktuelle Daten. Der VATM ist sicher, dass dieser Erfolg durch Call-by-Call eingeleitet wurde (Bild: WIK Consult).

Vor allem bei Auslandsgesprächen ist die “Spar-Vorwahlnummer” noch weit verbreitet: “Rund ein Drittel aller Auslandsgesprächsminuten werden über Call-by-Call geführt”, erklärt Dieter Elixmann, von WIK Consult. In einer Studie (PDF), die WIK Consult für die Bundesnetzagentur erstellt hat, zeigt sich, dass 10 Milliarden Gesprächsminuten von der Telekom an Wettbewerber zugeleitet werden, was etwa 5 Prozent des Marktvolumens ausmacht. Beim Umsatz sind es sogar 9 Prozent. Bei Auslandsgesprächen weden allerdings 34 Prozent an andere Anbieter umgeleitet. “Bezogen auf den adressierbaren Markt liegt dieser Anteil sogar bei 50 Prozent”, heißt es.

“Frühere Marktforschungsstudien zeigen, dass die Betreiber(vor)auswahl überdurchschnittlich von älteren Personen und Nutzern mit Migrationshintergrund genutzt wird. Auch bei kleinen und mittleren Gewerbetreibenden ist die Nutzung der Betreiber(vor)auswahl weit verbreitet”, heißt es in der Studie der Bundesnetzagentur.

Fazit des Werks: “Die Betreiber(vor)auswahl ist weiterhin ein unverzichtbares Element für einen kundenorientierten Wettbewerb in den Telefoniemärkten”. Call-by-Call und Preselection hätten Einfluss auf minutenbasierte Preise und lösten auch indirekte wettbewerbliche Effekte bei Flatrates aus.

Die EU, die oft sehr langsam agiert, greift hier offenbar der Zeit voraus. Und die endgültige Empfehlung, über die jetzt alle diskutieren, ist noch gar nicht da – geschweige denn eine Richtlinie. Die Studienautoren gehen allerdings davon aus, dass die EU keine Rücksicht auf einzelne, nationale Gegebenheiten nehmen wird.

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