Datenkraken und Informationelle Selbstbestimmung im Big-Data-Pool

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Durch die Diskussion um die Schnüffeleien der US-Geheimdienste reagiert Otto Normalverbraucher schnell gereizt, wenn es um persönliche Informationen im Netz geht – auch wenn Firmen wie Google und Facebook ihre Fangarme ausstrecken. Datensammler ist jedoch nicht gleich Datensammler, meint Publizist und Autor Tim Cole: Er bricht eine Lanze für privatwirtschaftliche Datenspione.

Schnüffler lauern im World Wide Web überall. Nicht nur die NSA schwimmt im privaten Datenstrom des Internet-Nutzers mit und nutzt potenziell dessen mitgeschnittene Informationen zum “heiligen Zwecke der internationalen Terrorabwehr”. Auch Firmen wie Apple, Google oder Facebook greifen verwertbare persönliche An- und Eingaben ihrer Kunden ab und verkaufen diese gewinnbringend an die werbetreibende Wirtschaft – oder nutzen sie selbst, um Werbung gezielt auszuliefern. Die Mehrzahl der Internet-User findet gerade dieses umsatzsteigernde Konzept der Web-Konzerne moralisch verwerflich, da es ihrer Einschätzung nach einzig und allein deren Profitgier diene.

Urchs-Cole-DigitaleAufklaerung

Der Internet-Publizist Tim Cole hat jedoch eine positivere Sichtweise auf die Dinge. Wie er in seinem Blog schreibt, findet er es “prinzipiell in Ordnung”, wenn eine Firma personenbezogene Daten auf Vorrat sammelt und speichert. Seine werberelevanten Informationen würden schließlich erhoben, um seine persönlichen Bedürfnisse herauszufinden und ihn so gezielter mit interessanten Produkten bedienen zu können.

Amazon beispielsweise nutze sein Empfehlungssystem, um dem Kunden aufgrund vorher getätigter Eingaben Bücher vorzuschlagen, die ihn interessieren. Es kommt laut Cole auch auf das Timing der Werbetreibenden an. Stimmt dieses, könnten sie ihre Angebote passgenau auf das jeweilige Bedürfnis des Web-Nutzers zuschneiden – etwa dann, wenn dieser passend zur Mittagszeit per E-Mail eine gute Pizzeria in seiner Nähe empfohlen bekommt. Auf diese Weise seien solche werblichen Inhalte nicht nervig, sondern hilfreich.

Die Gefahr des Missbrauchs der persönlichen Informationen durch die Datenindustrie sieht Cole hier nicht. Ganz im Gegenteil: Man besitze als Kunde Druckmittel gegen die Firmen. Merke man, dass die personenbezogenen Daten missbräuchlich verwendet werden, könne man das Unternehmen abstrafen, indem man ihm die Kundenbeziehung aufkündigt und das datenschutzwidrige Verhalten an die Öffentlichkeit bringt. Dadurch entstehe ein selbstregulierendes System, das transparent ist und die privaten Informationen automatisch schützt.

Bei sogenannten Staatsschutzorganen wie der NSA wisse man dagegen nicht, was mit den ausgespähten Daten passiert. Im schlimmsten Fall könnten diese versehentlich gegen einen verwendet werden, sodass vielleicht eines Tages ein mobiles Einsatzkommando vor der Tür steht.

Vermeintliche Datenkraken wie Google wollen mit unseren gesammelten Informationen nur unser Bestes, meint Tim Cole. (Bild: Shutterstock)
Vermeintliche Datenkraken wie Google wollen mit unseren gesammelten Informationen nur unser Bestes, meint Tim Cole. (Bild: Shutterstock)

Anders ausgedrückt heißt das: Der “Netz-Bürger” sollte die Aktivitäten der privatwirtschaftlichen Datensammler, sprich der Web-Unternehmen, nicht mit jenen der Geheimdienste in einen Topf werfen. Diesen Einwand brachte Cole auch bei einer Veranstaltung in München vor, in deren Rahmen das Buch Digitale Aufklärung vorgestellt wurde, das er gemeinsam mit dem Medienunternehmer Ossi Urchs verfasst hat.

Darin sprechen sich die beiden Autoren – unter vielem anderen – auch für das Recht auf informationelle Selbstbestimmung aus, die es dem zum “gläsernen Verbraucher” mutierten Internet-Nutzer erlaubt, selbständig über seine personenbezogenen Daten zu verfügen. Das bedeutet, dass er laut Urchs und Cole die Chance bekommen sollte, falsche Datenbankeinträge zu korrigieren oder sogar komplett aus dem Big-Data-Pool zu löschen.

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Die Schufa sammelt die Daten der Bürger – und verkauft ihnen dann das Recht, darauf zuzugreifen – zumindest, wenn sie dies in komfortabler Form erledigen wollen. Zum wirklich vertrauensvollen Miteinander ist es da noch ein gutes Stück Wegs (Screenshot: ITespresso).

Als Vorreiter bei diesem Konzept hat sich nach Angaben von Cole der US-amerikanische Data Broker Acxiom Corporation herauskristallisiert. Auf der einen Seite kumuliert der zwar massenhaft personenbezogene Daten, indem er legale Internet-Quellen – etwa die Datenbanken von Auskunfteien wie hierzulande der Schufa – durchforstet. Auf der anderen Seite aber hat Acxiom nun ein Programm namens AbouttheData ins Leben gerufen, das dem “gläsernen Bürger” die von Urchs und Cole geforderte informationelle Transparenz und Selbstbestimmung bietet.

Auf einer eigens eingerichteten Webseite darf dieser nicht nur gespeicherte Datenbankeinträge zu seiner Person einsehen, sondern die Informationen nach Belieben korrigieren oder entfernen – beispielsweise, wenn versehentlich ein falsches Lebensalter vermerkt wurde.

In Deutschland gibt es einen Ansatz, der sich laut Cole immerhin in die Acxiom-Richtung bewegt. So kann der Netizen seit April 2010 einmal im Jahr eine kostenlose Schufa-Übersicht zu seinen bei der Wirtschaftsauskunftei hinterlegten Datensätzen beantragen. Viel ist das nicht – aber es ist ein Anfang für das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Datensammlern und Datenspendern.

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