Kommentar zur DSL-Drosselung: Die Telekom als Sündenbock

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Mit ihrer Ankündigung, die Datenraten bei DSL-Zugängen ab einem bestimmten Datenvolumen zu drosseln, hat die Telekom einen Sturm der Empörung ausgelöst. Doch das wohlfeile Telekom-Bashing greift zu kurz. Schuld hat auch die Politik, die es in den letzten 20 Jahren versäumt hat, eine leistungsfähige Infrastruktur für die Internet-Wirtschaft aufzubauen.

Wenn wir in Deutschland so etwas wie eine vorausschauende Politik hätten, dann hätten wir jetzt mindestens vier oder fünf große Suchmaschinen-Anbieter im Web. Stattdessen haben wir Google, einen Quasi-Monopolisten, von dem die ganze Internet-Wirtschaft in Deutschland auf Gedeih und Verderb abhängig ist.

Wenn wir in Deutschland so etwas wie eine vorausschauende Politik hätten, dann gäbe es ein Urheberrecht, das vielleicht nicht alle glücklich machen, aber die Fragen, die sich im digitalen Zeitalter im Hinblick auf geistige Werke aus Kunst, Literatur, Film und Musik stellen, einigermaßen plausibel beantworten würde. Stattdessen haben wir ein überholtes und völlig unausgegorene Urheberrecht, das nur Abmahnanwälte glücklich macht.

Megabyte-große Fotos im Postfach

Wenn wir in Deutschland so etwas wie eine vorausschauende Politik hätten, dann wüsste jeder Internetnutzer, dass Bandbreite ein kostbares Gut ist, mit dem man auch maßvoll umgehen sollte. Stattdessen haben wir Millionen Websurfer, die regelmäßig Megabyte-große Fotoalben per E-Mail an alle ihre Freunde verschicken.

Wenn wir in Deutschland so etwas wie eine vorausschauende Politik hätten, dann hätte jeder Bundesbürger einen Internetzugang mit wenigstens sechs Megabit pro Sekunde. Die Internetprovider werben zwar mit Anschlüssen von 18, 50 sogar 100 MBit/s. Nur leider werden diese Datenraten in den seltensten Fällen erreicht. Wer einen 6-MBit-Anschluss hat, kriegt meistens nur vier MBit/s raus, wer einen 18-MBit-Anschluss hat, muss froh sein, wenn er 12 MBit/s bekommt.

Die Telekom hat für ihre Ankündigung Breitbandanschlüsse ab einem bestimmten Datenvolumen zu drosseln, viel Kritik einstecken müssen. Der Screenshot zeigt die aktuellen Internetangebote des Konzerns.
Die Telekom hat für ihre Ankündigung Breitbandanschlüsse ab einem bestimmten Datenvolumen zu drosseln, viel Kritik einstecken müssen. Der Screenshot zeigt die aktuellen Internetangebote des Konzerns.

Breitbandige Volksverdummung

Im Grunde genommen ist das jahrelange Politikergerede vom “Breitbandausbau” nur eine breitbandige Volksverdummung. Solange noch Millionen von Haushalten an 50 oder 60 Jahre alten Kupferkabeln hängen, gibt es keine echtes Breitband. Und so wie es aussieht, wird der Gesetzgeber den Internetprovidern auch die nächsten Jahre erlauben, Kunden mit Fantasie-Datenraten ihre lahmen Kupferkabel zu verkaufen. Es reicht ja, sich mit den zwei Wörtchen “bis zu” rechtlich abzusichern.

Wie unbefriedigend die Situation ist, konnte man gerade wieder im Bericht der Bundesnetzagentur nachlesen. Diese hatte über Monate hinweg fast 250.000 Messungen an Breitbandanschlüssen vorgenommen.

Telekom-Bashing ist angesagt

Da wundert es jetzt nicht, wenn die Telekom mit ihrer Ankündigung, Internetanschlüsse in Zukunft ab einem gewissen Datenvolumen zu drosseln, die ganze Wut ausbaden muss. Telekom-Bashing ist sowieso in Mode, der Konzern war noch nie beliebt, und hat durch seine monopolistische Politik auch wenig dazu beigetragen, die Herzen der Anwender zu erobern.

Umfrage

Was erwarten Sie von der Drosselung von DSL-Anschlüssen ab bestimmten Datenvolumina?

  • Ich wäre davon betroffen. (53%, 517 Stimme(n))
  • Ich glaube nicht, dass mich das betrifft. (13%, 131 Stimme(n))
  • Ich weiß, dass mich das nicht betrifft. (16%, 156 Stimme(n))
  • Ich habe aufgrund einer miserablen Internetverbindung ganz andere Probleme. (18%, 178 Stimme(n))

Gesamt: 982

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Das Vorhaben ist für sich allein gesehen noch nicht der Untergang der Web-2.0-Demokratie und auch kein heimtückischer Anschlag auf die Netzneutralität. Problematisch ist es aber schon. Es setzt einen unguten Anfangspunkt, dem andere Internetanbieter folgen könnten. Und dann ist die Netzneutralität irgendwann tatsächlich gefährdet.

Dringend notwendiger Exkurs zur Netzneutralität

Wer steckt eigentlich hinter dem viel strapazierten Schlagwort Netzneutralität? Es bedeutet, dass alle Daten gleich sind. Es ist egal, von wem die Daten kommen, an wen diese gehen, welchen Inhalt diese haben und wie groß sie sind, und welches Format sie haben, alle Daten sind gleich und sollen gleichberechtigt transportiert werden.

Nur auf diese Weise ist grundlegend sichergestellt, dass sich in der digitalen Welt nicht so etwas wie Zensur oder Benachteiligung bestimmter Gruppen oder Inhalte einschleicht. Darum muss man aufpassen, wenn ein Internetanbieter anfängt, irgendwelche Spielchen mit Datendrosselung zu treiben.

Dennoch greift es zu kurz, immer auf die Telekom einzudreschen. Das Unternehmen steckt in dem Dilemma, das es einerseits für den großflächigen Ausbau der Leitungen in die Pflicht genommen wird, andererseits aber fette Gewinne machen soll. Und die macht man eben am besten, indem man Anwendern, die gerne mit großvolumigen Datenpakete hantieren, zuerst den Zugang bremst und dann ein bisschen mehr Geld abknöpft.

Berufliche Nutzung wird erschwert

Das ganze Elend ist keineswegs nur ein Problem von Privatanwendern. Es trifft auch Unternehmen, und zwar selbst dann, wenn sie mit Glasfaserkabeln angebunden sind und von ihrem Provider dedizierte Bandbreiten zur Verfügung gestellt bekommen.

Das Problem trifft die Unternehmen deshalb, weil bekanntlich immer mehr Mitarbeiter mobil sind. Diese gehen unterwegs übers Hotel-WLAN oder über den Internetzugang ihres Smartphones ins Web. Oder sie arbeiten zu Hause und nutzen ihren privaten Internetzugang. Damit sind sie aber den ganzen Beschränkungen unterworfen.

Für professionelle Nutzer wird es generell von Jahr zu Jahr schwieriger, das Internet effizient zu nutzen. Die Politik hat der Privatwirtschaft bei der Entwicklung des Web weitestgehend freie Hand gelassen und bei jeder Entwicklung passiv zugesehen. Deshalb hat es sich so eingespielt, dass praktisch alle Informationsangebote im Web kostenlos sind, aber nun mal irgendwie finanziert werden müssen. Folglich ist das ganze Web mit Werbung zugepflastert.

Glaubt man dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie dann geht der Breitbandausbau in Deutschland zügig voran. Der Screenshot zeigt die Seite "Zukunft Breitband", die vom Bundeswirtschaftsministerium betrieben wird.
Glaubt man dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie dann geht der Breitbandausbau in Deutschland zügig voran. Der Screenshot zeigt die Seite “Zukunft Breitband“, die vom Bundeswirtschaftsministerium betrieben wird.

Werbung stört bei der Internetnutzung

Wer heute nach Informationen im Web sucht, der verbringt einen Teil seiner Zeit damit, erst mal die Werbung wegzuklicken. Diese ist in den letzten Jahren immer aggressiver und immer präsenter geworden. Skyscraper am Rande und Werbebanner oben sind noch die harmlosesten Erscheinungen. Sie nehmen zwar Platz weg, lassen sich aber leicht ignorieren. Aber extrem lästig sind beispielsweise die sogenannten Interstitials, die sich ungefragt vor die Inhalte der Seite schieben, die Video-Clips, die ungefragt starten und was der Folterinstrumente mehr sind.

Hightech-Standort Deutschland, Innovationsförderung, großzügiger Breitbandausbau, das sind die Versprechen der Politik. Die Realität sieht anders aus. Professionelle Internetnutzer kämpfen täglich mit schwankenden Datenraten, Stau im Web und aufdringlicher Werbung. Die Telekom ist nur ein nützlicher Sündenbock, hinter dem sich die Politik versteckt.

Was die Politik jetzt tun muss

Wenn die deutsche Regierung so weitermacht, werden wir in zehn Jahren das digitale Entwicklungsland Europas sein. Die Politik kann das verhindern, indem sie jetzt beginnt, den Breitbandausbau nicht nur zu versprechen, sondern tatkräftig zu fördern. Dazu gehört – gewissermaßen als leichteste Übung -, dass Internetanbieter verpflichtet werden, beim Abschluss von Verträgen reale Angaben zur Geschwindigkeit zu machen. Wer für 18 MBit/s kassiert, muss mindestens 14 MBit/s liefern.

Noch wichtiger ist, dass Geld lockergemacht wird, um die Ausstattung aller Stadtviertel mit Glasfaser schnell voranzutreiben.

Bezahlte Inhalte statt Werbung

Daneben sollte die Politik Geschäftsmodelle im Web unterstützen, die auf bezahlte Inhalte statt auf Werbung setzen. Oder die nach anderen Möglichkeiten suchen, die allgegenwärtige Werbung einzuschränken. Denkbar wäre unter Umständen, dass Leute, die das Web professionell nutzen, eine Gebühr an ihren Zugangsprovider entrichten und dafür ein Browser-Plug-in bekommen, das dafür sorgt, dass sie von den aggressivsten Formen der Werbung verschont bleiben. Das auf diese Weise eingenommene Geld könnten die Provider dann an diejenigen Anbieter verteilen, auf die der Nutzer geklickt hat. Diese würden damit die entgangenen Werbeeinnahmen kompensieren.

Netzneutralität im Zeitalter der Full-HD-Videos

Zum Thema gehört am Ende vielleicht auch, dass das Thema Netzneutralität neu diskutiert wird. Könnte man nicht eine Lösung suchen, die garantiert, dass alle Daten gleichberechtigt durchs Netz fließen, aber Nutzer, die den lieben langen Tag damit verbringen, die Bandbreite mit HD-Videos zu blockieren, einen Extra-Cent zahlen?

Klar, das ist ein heikles Thema. Vielleicht reicht es ja schon, die Websurfer zum verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Bandbreite anzuhalten. Denn Glasfaser ist nicht die Lösung aller Probleme, wenn die Leute anfangen, nur noch Full-HD-Videos und demnächst 4K-Videos in der 3D-Version durchs Netz zu jagen.

Wie auch immer – nachdenken über solche Themen ist allemal besser als immer nur die Telekom zum Sündenbock zu machen …