Ausprobiert: Ubuntu auf dem Smartphone

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Es lohnt sich, das neue Open-Source-Mobilbetriebssystem einmal näher anzusehen. Schließlich verspricht Canonical die “volle Linux-Erfahrung” auf einem Smartphone. Ob Ubuntu das Versprechen einlösen kann, zeigt der Test.

Canonical drohte den anderen Anbietern von Mobilbetriebssystem wie Apple und Google, dass man mit dem mobilen Ubuntu nicht nur das Smartphone-System für die kleineren Mobitelefonbildschirme im Angebot hat, sondern mit wenigen Kniffen durch Anschluss einer Tastatur und eines größeren Monitors gleich einen voll arbeitsfähigen PC bereitstellt.

In einem Interview mit Gizmodo.de kündigte Canonical-Mitarbeiter Oren Horev bereits an, man wolle sich mit Ubuntu mobile gegen iOS und Android stellen. Vom ebenfalls in Arbeit befindlichem Mobilsystem Firefox OS sprach Horev nicht.

Ubuntu, mit 20 Millionen Lizenzen das erfolgreichste Linux-Derivat auf PCs, setzt mit der neuen Smartphone-Software an, seinen Erfolg bei Smartphones und Tablets zu wiederholen. Dabei geht das Unternehmen einen sehr interessanten Weg, was die Benutzerführung anbelangt. Ubuntu verzichtet beispielsweise komplett auf Hardkeys wie den Homebutton bei iOS und auf Softkeys wie man sie von Android-Geräten kennt. Die verschiedenen Kontextmenüs werden durch Wischen von den vier verschiedenen Seiten erreicht. Das erinnert etwas an Windows 8.

Unsere Kollegen von TechweekEurope in London packten sich den Produktmanager für das neue Mobilsystem, Richard Collins, und entführten ein Gerät mit Ubuntu mobile, um es asuzuprobieren. Der volle Quellcode, so Collins, werde der Open-Source-Community “sehr sehr bald” zur Verfügung stehen. Derzeit handelt es sich noch um eine geschlossene Entwicklung nur von Canonical. Die wichtigsten Funktionen aber beherrscht das getestete System bereits.

Ein etwas anderer Aufbau

 Der Homescreen von Ubuntu auf einem Smartphone (Bild: TechweekEurope).
Der Homescreen von Ubuntu auf einem Smartphone (Bild: TechweekEurope).

Bereits der ungewöhnliche “Welcome screen” und die unbeschränkte Multitasking-Fähigkeit unterscheiden Ubuntu mobile von der Konkurrenz. Das OS begrüßt den Nutzer mit einem beweglichen Blümchen-Muster, das App-Informationen anzeigt und sich mit der Anzahl der entgangenen Anrufe oder Social-Network-Nachrichten stetig verändert.

Der folgende Startbildschirm ist in vier separate Panels aufgeteilt. Jeder dieser Bereiche erfüllt eine andere Funktion: Einer steht für Anwendungen (mit klaren Auszügen aus laufenden Apps) zur Verfügung, einer für Kontakte, einer für Musik und Videos und einer für Benachrichtigungen.

Hardware- oder Software-Buttons fehlen komplett. Ubuntu verlässt sich auf Touchscreen-Wischbewegungen. Um etwa den “Unity Application Launcher”, der aus der Desktop-Version bekannt ist (und oft kritisiert wurde) zu starten, muss der Anwender mit dem Finger von der unteren linken Ecke diagonal über das Display wischen. Und um zwischen laufenden Anwendungen umzuschalten, benötigt das System dieselbe Bewegung aus der rechten Ecke heraus.

Das “Swiping” aus dem oberen Rand des Screens heraus öffnet die Systemeinstellungen und -Services – ohne dazu aus einer derzeit laufenden Anwendung herausgehen zu müssen. Und ein Wischen von der unteren Kante heraus öffnet die anwendungsspezifischen Einstellungen.

Im Grunde verhält sich Ubuntu mobile damit ähnlich wie Windows 8, bei dem auch Vieles über das Wischen von den Rändern aus gesteuert wird. Auf kleinen Smartphone-Bildschirmen hat dieses Vorgehen allerdings seine Tücken, während es auf mittelgroßen Tablets wunderbar funktioniert. Umgekehrt nervt es, wenn die Wischbewegung über den gesamten Schirm eines 10-Zoll-Tablets gehen muss. Doch der Hersteller betont, das System sei für alle Plattformen konstruiert.

Ubuntu mobile läuft auch auf älteren Smartphones

Ubuntu mobile kommt ohne die neueste Hardware zurecht. Das Testgerät war ein Samsung Galaxy Nexus, das bereits ein Jahr alt war. Und so laufen auch alle für Smartphones konzipierten HTML5-Apps problemlos. Auch Ubuntu-Desktop-Anwendungen machen keine Probleme, wenn sie mit QML, OpenGL und C++ programmiert sind.

Die Bildergalerie als Beispiel für eine haueigene Ubuntu-App (Bild: TechweekEurope).
Die Bildergalerie als Beispiel für eine hauseigene Ubuntu-App (Bild: TechweekEurope).

Wichtige Tools wie Bildergalerie und Notepad sind schon vorhanden und bieten bereits mehr Funktionen als vergleichbare andere HTML5-Apps. Ubuntu bietet bereits eine Reihe von maßgeschneiderten Anwendungen in einem App Store. Aber, so Produktmanager Collins, werde man den App Store nicht benutzen, um ein Ökosystem dahinter zu kontrollieren

Mit Ubuntu mobile wolle man innerhalb eines Jahres eine vollkommene Kompatibilität von Anwendungen über Desktop, Smartphone, Fernseher und Tablet bieten. Damit anfangen will man bei der bei PC-Version 14.04; derzeit ist noch 13.04 aktuell.

Die ersten Smartphones mit Ubuntu werden noch in diesem Jahr ausgeliefert. Eine Liste der angekündigten Plattformen existiert bereits. Weil Ubuntu im Grunde die gleichen Linux-Treiber verwendet wie Android, dürfte sich fast jedes Smartphone für Googles Betriebssystem umrüsten lassen.

Fazit

Die Bedienung von Ubuntu mobile ist gewöhnungsbedürftig – aber das gilt auch für Windows 8 und Windows Phone 8. Da Ubuntu offener ist als Android und dieselben Gerätetreiber nutzt, kündigt sich insbesondere für die Handy-Hersteller eine echte Alternative an. Für den Nutzer bedeute das vermutlich eine weitere langfristige Preissenkung bei Smartphones – und bei den Apps, die nun nur einmal bezahlt werden und für alle Geräte genutzt werden können.

[mit Material von Max Smolaks, TechweekEurope und Matthias Sternkopf, Gizmodo.de]

Oren Horev, Lead Designer Ubuntu Tablet, zeigt während des Mobile World Congress in Barcelona das Open-Source-OS auf Smartphones und Tablets.

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