Europas unbekannte IT-Standorte: Linz

In Österreich konzentriert sich die Ansiedlung von IT-Dienstleistern zwar in der Haupstadt Wien, doch der Nabel der Innovation sitzt etwas abseits davon: In Linz trifft sich ein kreatives und produktives Umfeld aus Kunst und Kommerz und bringt so die Informationstechnik voran.

von Manfred Kohlen 0

Linz, die Landeshauptstadt von Oberösterreich, ist das Zentrum der österreichischen IT-Kultur. Hier wurde schon Ende der 70er Jahre die erste Computerkunstveranstaltung der Welt, die Ars Electronica, gegründet, die inzwischen riesige Ausnmaße angenommen hat und “Digitalkünstler” aus aller Welt zusammenbringt.

Die meisten mit dem “Prix Ars Electronica” ausgezeichneten Aktivisten/Künstler/Websites haben später die Welt verändert. Beispielsweise wurde der Preis 1987 an Pixar vergeben – mittlerweile die Compter-Animationsschmiede von Disney. 1995 ergatterte Wikipedia den Preis (groß wurde das Online-Lexikon Anfang des 21. Jahrhunderts) und 2009 wurde Wikileaks prämiert (das schließlich 2011 groß herauskam).

In dieser Stadt wurden auch viele Softwareunternehmen gegründet, die Österreich zu einem der fortschrittlichsten IT-Standorte Europas katapultierten. Laut Wirtschaftskammer Oberösterreich waren im 3. Quartal 2012 3816 IT-Dienstleister in dieser Region angemeldet. Tendenz steigend, 2011 waren es nur 3766.

Das Ars Electronica Center vor der alten Stadtkulisse versinnbildlicht das Zusammenwachsen neuer Medien mit traditioneller Kultur. (Bild: Shervinafshar, Wikipedia commons)

Die Veranstalter der Kunstmesse haben ihre eigene Dienstleitungsfirma gegründet, die unter dem Namen Ars Electronica Linz GmbH Lösungen zur Unternehmens- und Produktpräsentation mit Hilfe virtueller Realität, interaktiven Großpräsentationsleinwänden und allerlei anderen Umsetzungen von Kunst in Kommerz anbietet.

Die Initiative “You can make IT” mehrerer österreichischer Informatik-Universitäten ist stolz auf die Start-ups, die aus der Universität Linz und ihrem Umfeld hervorgegangen sind, aber auch auf die dort entwickleten Technologien. Eine davon sorgte erst kürzlich für Aufsehen: Am Institut für Institut für Computergrafik ist es gelungen, den weltweit ersten, biegbaren und völlig transparenten Bildsensor zu entwickeln.

Daran haben die beiden österreichischen Wissenschaftler zusammen mit Microsoft Research in Cambridge eineinhalb Jahre lang gearbeitet. Einstweilen handelt es sich allerdings noch um Grundlagenforschung. Vereinfacht gesagt ist der neue Bildsensor wie eine durchsichtige Folie, die mit fluoreszierenden Partikeln besetzt ist. Sie absorbiert Licht einer bestimmten Wellenlänge, das dann in geringerer Frequenz wieder abgegeben und an den Rand der Folie transportiert wird. Mit Photosensoren und einem speziellen optischen Trick können die Lichtanteile gemessen werden, die den Folienrand an jeder Stelle und aus jeder Richtung erreichen.

Weltneuheit aus Linz: ein biegbarer und völlig transparenter Bildsensor (Bild: jku.at).

Bernd Greifeneder ist einer der Gründer aus der Stadt an der Donau – seine Firma Dynatrace wurde inzwischen von Compuware gekauft, weil ihre Technik, mit minikleinen Software-Agenten die Nadelöhre in Netzwerk- und Computersystemen zu finden, weltweites Potenzial hat. Das reicht von PC-Netzwerken über die Cloud bis zum Großrechner: nur wenige Bytes reichen, um zu sagen, wo es hängt – an Programmierfehlern, Netzwerkproblemen oder anderen Stolpersteinen für die verspätete Information.

Greifeneder, Vorzeigeunternehmer der Linzer, nennt eine ganze Reihe innovativer IT-Schmieden in der Donau-Stadt: “Firmen wie Prologics, Runtastic, Software-Architects, celum sind recht cool hier in Linz.” Prologics kümmert sich um Business Process Management, Runtastic liefert Auswertungen von GPS-Informationen für Sportler, Software-Architects beschäftigt sich mit Programmierung und Zeitmanagement, und celum liefert Lösungen für digitales Management von Assets, Medien und Kollaboration. Aber diese kurzen Beschreibungen mögen zu kurzgegriffen sein: In all diesen Unternehmen scheinen österreichisches Herzblut und wirtschaftlicher Realitätssinn zu verschmelzen.

IT-Unternehmer Bernd Greifeneder weiß, wie viel internationales Potenzial die pfiffigen Werkzeuge Linzer Softwareentwickler haben. (Bild: Compuware)

Die wohl größte österreichische Software-Schmiede ist das Unternehmen Fabasoft. Auch sie sitzt in Linz, wo sie immer wieder neue Unternehmungen an den Start bringt, unter anderem die app.telemetry, die Mindbreeze Software GmbH und die faba 5 – nicht vu verwechseln mit den Fanta4, aber ähnlich frech und selbstbewußt.

App.telemetry widmet sich dem gleichen Umfeld wie die Dynatrace: dem Aplication Performance Monitoring (bei Dynatrace wiederum heißt das “Application Performance Management”). Hauptgeschäft der Mutterfirma Fabasoft ist allerdings das Dokumentenmanagement mit der Sofware “Folio” und die einträgliche Software-Entwicklung für Regierungen – der Bereich E-Government wird gleich mit einer ganzen Software-Suite abgedeckt, die im Grunde eine Weiterentwicklung des Geschäfts mit Dokumentenmanagment der Firma ist – Bürokratie bleibt eben Bürokratie, auch in digitaler Form.

Mit dem Spin-Off “Mindbreeze” wiederum konzentriert sich Fabasoft auf intelligente Dokumentensuche in Unternehmen und in Websites. Ob sie dabei auf Ähnliches abzielt wie das Unternehmen “Fast”, dessen Content-Suche “Fast Data Search” schließlich von Microsoft zugekauft wurde, ist zwar nicht bekannt, doch die Ähnlichkeit des Fabasoft-Logos zur Gestaltung des Microsoft-Schriftzugs lässt Vergleichbares erahnen.

Die Fast-Technik aus Oslo ist mittlerweile in Office, Exchange und Windows 8 eingeflossen, der Großteil allerdings in Sharepoint – in Version 2013 ist es endlich voll integriert, weiß Ragnar Heil, der seinerzeit mit Fast zu Microsoft wechselte. Ob die Österreicher mit Mindbreeze in ähnliche Sphären vorstoßen, ist noch offen.

Fabasofts Schriftzug ist dem früheren Microsoft-Logo sehr ähnnlich – absichtlich?

Ein weiteres Geschäftsfeld von Fabasoft sind Software-Entwicklungs- und Test-Tools – und auch damit trägt das Linzer Unternehmen zum Gedeihen des IT-Ökosystems bei. Derzeitige Stellenangebote in der Stadt konzentrieren sich auf die Suche nach guten Programmierern, Administratoren, IT-Consultants, Telekommunikations-Spezialisten und Helpdesk-Mitarbeitern. Viele der Angebote stammen von Start-ups, die händeringend nach Spezialisten suchen, die in C++, C# oder Java programmieren können – vor allem im Umfeld von Geschäfts-Applikationen.

Die Wirtschaftskammer Österreich meldet für IT aus Austria gestiegene Umsätze: von 12,94 Milliarden Euro im Jahr 2010 kletterten sie auf 14,20 Milliarden im Jahr 2011 – die Zahlen für 2012 sind nur für das erste Halbjahr da, das Wachstum liegt aber schon bei 61 Prozent. Die Exportquote der Sparte Informationstechnologie wird mit 16,8 Prozent angegeben, 63,7 Prozent der österreichischen IT-Firmen sprechen von guter Auftragslage, und die Investitionen sollen nach einer Umfrage um 12,6 Prozent steigen. Auch für die Jobs sei eine Zunahme um 11,7 Prozent zu erwarten. Österreichs IT ist also gut aufgestellt – und der “Spirit” für Neues kommt aus Linz.

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