Venture-Kapital in den USA: Drei Viertel wird verbrannt

Nicht nur die Start-up-Szene, auch Industrieverbände, Politiker und viele andere beschweren sich immer weider gerne darüber, dass Europas und Deutschlands Hightech-Branchen an engagierten Geldgebern mangelt: In Amerika sei das alles besser. Neue Untersuchungen zeigen aber, dass dort auch nicht alles Gold ist, was eine Powerpoint-Präsentation vorlegen kann.

von Harald Weiss 0


Wenn über den Erfolg der amerikanischen Hightech-Industrie im Vergleich zu den europäischen Ländern gesprochen wird, dauert es nicht lange, bis man über die den Amerikanern zur Verfügung stehenden Finanzierungsmodelle schwärmt – allen voran die Risikolust der Venture-Capital-Gesellschaften. Diese pumpen Millionen in Start-ups. Und sobald das Unternehmen Erfolg hat, machen sie und die meist jungen Firmengründer Kasse: Google, Amazon, Facebook, Yahoo, Netscape oder Sun – alle fingen mit ein paar Dollar Venture-Kapital an und bescherten ihren Investoren und Gründern in wenigen Jahren viele Milliarden.

Die erfolgreichsten Venture-Gesellschaften im Silicon Valley sind Kleiner Perkins und Sequoia. Beide hatten ihre größten Erfolge mit Google. 1999 kauften sie einen Anteil von 20 Prozent für 25 Millionen Dollar. Als Google 2004 an die Börse ging, war der Marktwert mit 23 Milliarden Dollar fast das Tausendfache dessen von 1999.

Soweit zu den Erfolgsgeschichten, die alle wahr sind und die in der Tat viele Millionäre und Milliardäre produziert haben. Doch nicht aus allen Start-ups werden Googles oder Facebooks. Laut dem US-Verband der VCs sind 30 bis 40 Prozent aller finanzierten Start-ups ein Totalausfall. Weitere 30 bis 40 Prozent zahlen immerhin das eingesetzte Kapital zurück. Aber nnur magere 10 bis 20 Prozent entwickeln sich so gut, dass sie ordentliche Kapitalgewinne ausschütten können.

Doch inzwischen mehren sich die Hinweise darauf, dass die Ausfallrate bei den VC-Investitionen wesentlich höher ist. So kommt eine von der Harvard Business School durchgeführte Untersuchung zu dem Ergebnis, dass von rund drei Viertel des in Start-ups investierten Kapitals nicht ein einziger Cent zurückgezahlt wird. Das entspricht einer Totalausfallrate von 75 Prozent, also etwa das Doppelte von dem, was die Branche selbst veröffentlicht. Auch bei den anderen beiden Kategorien gibt es große Differenzen. So liege die Erfolgsrate – also der Teil der Start-ups, die in der Lage sind, das eingesetzte Geld plus einer ordentlichen Verzinsung zurückzuzahlen – bei höchsten 5 Prozent.

“Es gibt eine erschreckend große Diskrepanz zwischen dem, was uns die VCs erzählen und dem aktuellen Marktgeschehen”, sagt Harvard-Professor Shikhar Ghosh über das Ergebnis seiner Untersuchung. Für seine Studie hat er das Schicksal von 2000 Start-ups unter die Lupe genommen, in die mindestens eine Million Dollar investiert wurden. Außerdem untersuchte er die veröffentlichten Investment-Portfolios der größten VCs.

(Grafik: Statista / http://de.statista.com/themen/700/linkedin/infografik/766/aktienkursentwicklung-der-boersenneulinge-unter-den-tech-unternehmen/)

Für die Mehrzahl der großen Webfirmen, Unternehmen, die 2011 und 2012 an die Börse gegangen sind, war es ein schwieriges Jahr. Die Aktien von Zynga und Groupon befinden sich seit dem Frühjahr auf Talfahrt. Auch der Börsengang von Facebook erwies sich schnell als Reinfall – zumindest für die Anleger: Gegenüber dem ersten Handelstag verlor das soziale Netzwerk zwischenzeitlich 50 Prozent seines Börsenwerts, entwickelt sich aber immerhin aktuell wieder positiv. Einziger deutlicher Gewinner ist LinkedIn, das derzeit fast 75 Prozent mehr wert ist als Anfang 2012 (Grafik: Statista)

Die Gründe für die großen Unterschiede sind seiner Ansicht nach rein emotional: “Die Beerdigung eines Unternehmens geht schnell und ohne viel Aufhebens – andererseits wird jede Erfolgsgeschichte lauthals in die ganze Welt hinaus posaunt.” Folglich bleiben bei den VCs die Erfolge besser im Gedächtnis haften als die Verluste, was dann zu völlig falschen Einschätzungen führt.

“Die Pleite eines Start-ups ist für alle Beteiligten eine riesengroße Enttäuschung und niemand will darüber reden, doch die Realität ist, dass es weitaus mehr Versager als Erfolgreiche gibt”, sagt David Cowan von Bessemer Ventures. Er meint im Übrigen, dass das zur Natur des VC-Geschäftes gehört. “Wer hohe Ausfallraten nicht verkraften kann, sollte die Finger von diesem Business lassen”, ist sein Rat an alle, die meinen, dass man mit derartigen Investitionen sicher und schnell Geld verdienen kann.

Eine weitere Ursache für die hohe Ausfallrate ist, dass es keine objektiven Maßstäbe gibt, mit denen man die Erfolgsaussichten eines jungen Unternehmens vorhersagen kann. “Unsere Anfangsinvestitionen sind reine Bauchentscheidungen, ich schaue mir praktisch nur die Leute und deren Business- und Management-Verstand an – das ist viel wichtiger, als jede Produkt- und Marktanalyse”, sagt Anne Johnson, Partnerin bei Cunning Systems im Silicon Valley. Ihr Unternehmen ist auf die Anfangsfinanzierung von ganz jungen Hightech-Schmieden spezialisiert, wo man noch mit Einzelbeträgen von unter 100.000 Dollar auskommt. Und wenn die weg sind, dann zwickt es zwar einmal kurz im Bauch, aber das Leben geht weiter – zumindest für den VC.

(Grafik: Statista / http://de.statista.com/themen/700/linkedin/infografik/779/tech-unternehmen-im-vergleich/)

Für sein Jahresranking der Technologiefirmen hat Statista eine einfache Methodik gewählt: Für jede der drei Kategorien (Gewinn, Umsatzwachstum und Börsenentwicklung) wurden ein bis zehn Punkte vergeben und am Ende alle Punkte addiert. Dass ist natürlich keine hochwisenschaftliche Methode und darauf weist der Statistikdienst auch selbst deutlich hin – interessant ist der so entstandene Vergleich aber allemal (Grafik: Statista).

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