Europas unbekannte IT-Standorte: Bukarest

In Rumänien wird bereits von “Silicon Bukarest” gesprochen: Gerade Software-Unternehmen boomen in der lauten und hektischen Metropole. Und eines können die Bukarester: weltweit ihr Know-how verkaufen.

von Manfred Kohlen 0

Die Hauptstadt Rumäniens mit 1,7 Millionen Einwohnern und rund 2,2 Millionen Bewohnern im gesamten Großraum der zehntgrößten EU-Stadt verfügt über mehrere Universitäten und Hochschulen und ist so ein Zentrum für innovative Ideen geworden. Was die Rumänen den westlichen Ländern voraushaben ist vor allem eines: sie sind nicht an alte Technik gebunden und können gleich mit modernen Mitteln loslegen.

Der rumänische Verband für Elektronik und Software “ARIES” (“Asociatia Romana pentru Industria Electronica si Software”) vertritt die Unternehmen der IT-Branche in Rumänien. Mit seiner Arbeit, die Firmen Rumämiens zu vernetzen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu fördern, hat es ARIES nach eigenen Worten zum größten IT-Verband Südosteuropas gebracht.

Alexandru Borcea vertritt mit seinem Verband ARIES vor allem Software-Unternehmen aus Bukarest und dem “Speckgürtel” außenherum.

Alexandru Borcea vom Verband hat bereits ein Papier über “Silicon Bukarest” verfasst, weil es in dem rumänischen Ort nur so sprudelt von aktiven IT-Unternehmen. Der Verband vertritt die lokalen IT-Experten auf weltweiten Messen, um das Know-how auch in die Welt zu tragen. So waren die Teilnehmer 2012 das erste Mal auf dem Mobile World Congress in Barcelona mit von der Partie.

Zu den rumänischen IT-Größen zählt zweifellos der Sicherheitsanbieter “Bitdefender”, dessen Antiviren-Engine in zahlreichen Security-Programmen ihren Dienst tut. Sicherheit ist auch das Geschäft des Herstellers CyberGhost, der mit seinem kostenfreien iOS-Browser das Internet-Surfen mit iPhone und iPad anonymisiert.

In diesem Jahr zeigten 16 rumänische IT-Unternehmen auf der CeBIT in Hannover, was sie noch so alles können – sie waren vor allem mit Softwareprodukten präsent. Die Vereinigung “Romania IT” brachte sie nach Deutschland, wo sie die Expertise der Rumänen zeigen konnten.

Nach den offiziellen Prospekten hatte sich die Menge der Unternehmen in der lokalen  IT-Industrie in den letzten zehn Jahren auf über 11.000 verdreifacht. Alleine auf den Softwarebereich seien 2010 schon über 60.000 Arbeitsplätze entfallen, Tendenz steigend. 2011 sei ein wahres Boom-Jahr gewesen – strukturierte Unterstützung durch die anderen europäischen Staaten habe auch die IT in Rumänien vorangebracht.

Das “Offshoring” von Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung nach Rumänien  bringe auch diesen Sektor schnell voran. Auch für 2013 planen die Unternehmen aus dem Herkunftsland Draculas, sich wieder in Deutschland zu präsentieren – ganz ohne Blutsaugen, denn die EU-Förderungen scheinen gewirkt zu haben und das “Turnover” der IT-Unternehmen um 10 bis 15 Prozent gesteigert zu haben – das jedenfalls behauptet Romanian IT. Zu den Top-Auftraggebern der Rumänen zählen wenig überraschen Deutschland und Österreich und – das ist dann doch eine kleine Überraschung – Finnland.

Die größte südosteuropäische Konferenz rund um innovative Internet-Projekte, die “HowtoWeb”, findet in Bukarest statt

Erst Anfang November fand mit der Konferenz Howtoweb die wichtigste IT-Konferenz in Südosteuropa in Bukarest statt. Dort ergriffen zahlreiche Gründerfiguren aus Rumänien, Estland, Polen und anderen aufstrebenden Ländern wie Kroatien und Slowenien das Wort. Gastredner aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Kanada gesellten sich dazu.

Der “Spirit” der Veranstaltung schien dem der westlichen IT-Messen der frühen 90er-Jahre zu entsprechen: Hip und manchmal etwas abgefahren. So bezeichnet ein Rumäne im Twitter-Forum zur Veranstaltung seine Idee für ein Reservierungsportal für Plätze auf Friedhöfen als zukunftsweisend und Venture-Capital-würdig – nun gut, der demographische Wandel muss irgendwann eben auch von der IT aufgegriffen werden.

Einige Unternehmen wie Bitdefender und Gecad sind mittlerweil schon recht groß geworden. GeCAD, wie Bitdefender mit Security-Software aufgewachsen, hat mittlerweile mehrere Spin-Offs ausgegründet und Unternehmen zugekauft. Seine 1994 gestartete Sicherheits-Technik RAV hat es 2003 an Microsoft verkauft.

Unter den neuen Aktivitäten GeCADs finden sich das ePayment-System PayU Romania, der Personal-Management- und Buchhaltungs-Outsourcer SmarTree, der Speicherdienst Phoenix (der wiederum Amazons-S3-API nutzt, um das Management hybrider und hochperformanter Speicher-Umgebungen zu regeln), das Verkaufs-Partner-Managment-System Avangate (eine Mischung aus Onlineshop und Affiliate-Marketing-Verwaltung) sowie zahlreiche weitere Unternehmungen.

Zu den Größen im Offshoring, also der IT-Dienstleistungs-Auslagerung, gehört die Firma Pentalog  – die in etwa für Europa das tut, was indische IT-Outsourcer in den letzten Jahren für britische, US-amerikanische,  deutsche und andere Unternehmen erledigten. Pentalog ist inzwischen so weit, selbst nach Asien auszulagern, wie es auf seiner deutschen Website heißt. Im rumänischsprachigen Blog der Firma wirbt sie allerdings damit, dass die Dollar/Euro-Kurs-Entwicklung so vorteilhaft für die rumänische Firma sei, dass sie inzwischen billiger sein könne als die asiatischen Anbieter. Und weil die preiswerten Angebote im Kapitalismus immer die Oberhand behalten, stehen die Zeichen für weitere IT-Expansion der Rumänen mitten in Europa gut.


ITespresso-Serie: Europas unbekannte IT-Standorte

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