Europas unbekannte IT-Standorte: Skolkovo

Am Rande Moskaus entsteht eine neue Hightech-Stadt: In der Vorstadt Skolkovo verzeichnet man nun schon über 800 Start-ups, der Großteil davon kommt aus der IT-Branche. Die neue, sich mit Energie selbst versorgende Uni ist vor Ort fast fertig, Geld strömt aus der ganzen Welt, auch Siemens und Intel gehören zu den Unterstützern.

von Manfred Kohlen 0


Mitte Dezember verkündeten Siemens-Chef Peter Löscher, Intel-Mitgründer Craig Barrett und das versammelte “Council” des Skolkovo-Technoparks, dass die Bau- und Investitions-Maßnahmen rund um das neue Technikzentrum südöstlich von Moskau fast abgeschlossen sind. “In nur zwei Jahren haben wir hier erreicht, wofür das Silicon Valley 40 Jahre gebraucht hat”, erklärte Barrett auf einer Veranstaltung im Siemens-Forum in München. “Wir hatten in Kalifornien das richtige Umfeld. Universitäten, junges Talent und eine Menge Risiko-Kapital. Das haben wir versucht, in Russland neu aufzubauen”.

Viktor Wechselberg, Präsident der Skolkovo-Stiftung, Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender von Siemens und Intel-Mitgründer Craig Barret (von links nach rechts) ziehen stolz Bilanz: In nur zwei Jahren habe man ein neues Silicon Valley nahe Moskau erschaffen (Bild Skolkovo Stiftung).

Skolkovo sei nur ein gelungener Modellversuch für 40 solche Innovationszentren, die von den Geldgebern weltweit geplant seien, erklärte Siemens-Chef Löscher dazu. Beteiligt seien zahlreiche weitere Geldgeber und Gründungsväter aus aller Welt, die sich in einem Seed-Forum zusammengeschlossen hatten. Dazu gehören unter anderem das Fraunhofer-Institut, die Max-Planck-Gesellschaft und Siemens als erster deutscher Geldgeber.

Weitere Investoren sind zum Beispiel Boeing, EADS, Ericsson, General Electric, fast seit Anfang an Nokia und SAP. Cisco gehört ebenfalls dazu: Der Netzwerkkonzern hat dort schon über 100 High-Tech-Stellen geschaffen und fertigt dort die Hardware für seine auf dem russischen Markt verkauften VPN-Produkte.

Mit einem Erst-Investment von rund 550 Millionen Dollar und einem Budget von 820 Millionen am Anfang sowie Steuererleichterungen für die Geldgeber ist Russland überzeugt, hier ein neues Technologiezentrum von weltweiter Bedeutung aus dem Boden stampfen zu können. Inzwischen ist die Investmentsumme auf 1,5 Milliarden Dollar gestiegen und Förderungen für die Jung-Unternehmer von bis zu 10 Millionen wurden schon zugesagt.

Kürzlich hat auch Samsung ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Skolkovo eröffnet – vorerst für Biomedizin und Energieffizienz, aber da kann ja noch mehr draus werden (Bild: Skolkovo Stiftung).

Obwohl eine Aufteilung von 50/50 zwischen Staat und Privat-Investoren geplant ist, so Viktor Wechselberg, Präsident der Skolkovo-Stiftung, laufe alles wie in der reinen Privatwirtschaft ab. Im Gespräch mit ITespresso.de widerspricht der russische Journalist Nikolay Podorvanyuk von gazeta.ru: “Bei uns ist alles korrupt. Das ist die russische Mentalität.” Obwohl es viele gute Leute mit tollen Ideen gäbe, sei dadurch letztendlich der Fortschritt gebremst: “Wir wären schon viel weiter, wenn dem nicht so wäre”.

Die von Journalisten geäußerten Bedenken werden von den Vortragenden abgelehnt: Weil man es so schnell geschafft habe, so viele Start-ups  in so kurzer Zeit anzusiedeln und die neue Universität fast fertig gebaut zu haben, ist man guter Dinge. Die Firmengründungen hat man in “Cluster” organisiert, darunter Biomedizin, Energie, Nuklearforschung, Telekommunikation und – als Größten – den IT-Cluster.

Unter den IT-Unternehmen findet sich zum Beispiel “RuChip”, ein Hersteller von kleinen Prozessoren mit ARM-Kern für das “Internet der Dinge” sowie Netzwerkschaltungen mit automatischen Verbindungsoptionen der Geräte. Der Open-Source-Chip “Goya” enthält alle Komponenten auf kleinstem Raum. Hauptsponsor ist das amerikanische LANDesk – früher einmal Teil von Intel.

Anfang November war Microsoft CEO Steve Ballmer nach Russland gereist, um bei der Erweiterung des dort vom US-Konzern unterhaltenen Softwareentwicklungszentrums dabei zu sein. Gearbeitet wird vor allem an ERP-Lösungen für KMU (Bild: Skolkovo Stiftung)

Das Unternehmen Vizerra arbeitet an dem einfachen Cloud-Kollaborations-Tool “Revizto” für Grafik- und CAD-Arbeiten. Auch Hersteller von Switches für 100-Gigabit-Netze finden sich auf dem Campus. Ein Hoster von Java oder PHP in der Cloud – samt Datenbanken für die Zugriffe der Programmiersprachen – ist die Firma Jelastic, die auch bereits mit deutschen Hosting-Anbietern kooperiert.

Eine Liste aller Start-ups aus dem Technik-Camp findet sich in russischer Sprache hier. Selbst eine eigene Technikveranstaltung namens TedX betreibt die Stiftung rund um den Hightech-Custer – Vorbild ist die US-Veranstaltung “Disrupt”. Und disruptive Technik ist aus Skolkovo in rauhen Mengen zu erwarte: Forscher arbeiten dort auch an Quantencomputern oder an einem künstlichen Rechen-”Grid”, das sich aus allen online verbundenen Mobilgeräten zusammensetzt.

Aber nicht nur Start-ups zieht es nach Skolkovo: Auch die großen der Branche sind da: Samsung seit kurzem mit einem Forschung- und Entwicklungszentrum für Biomedizin und Energieeffizienz, Microsoft schon seit anderthalb Jahren mit Entwicklern, die die ERP-Angebote des Konzerns für den Mittelstand verbessern und cloud-fähig machen sollen. Ebenfalls seit gut einem Jahr ist IBM mit einem Science and Technology Centre dabei, dass inzwischen über 150 Mitarbeiter beschäftigt.

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