Diplom nicht nötig: IT-Unternehmen suchen Talent in Hacker-Veranstaltungen

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Die aktuelle Personalsuch-Aktion von Facebook in den USA zeigt: Auch heute noch ist ein Quer-Einstieg in die IT-Branche möglich, denn es gibt noch immer viele Fähigkeiten, die nicht an Universitäten gelehrt und dennoch in der Industrie benötigt werden.

Papiere und Studienabschlüsse sind inzwischen auch in der IT wichtig – doch das Innovationsrad dreht sich hier so schnell, dass Uni-Papiere oft schon nichts mehr wert sind, wenn die Studenten ihre Diplome in der Hand halten. Und so machten sich einige Personaler des größten sozialen Netz-Anbieters Facebook auf den Weg – nicht zu Universitäten oder traditionellen Stellenmärkten, sondern dorthin, wo die wahren Talente lauern: Auf Hacker-Veranstaltungen.

“Weiße Hacker” sind gesucht

Die Wirtschaftsredakteure von Bloomberg schwärmen davon, dass insbesondere in Europa die Chance recht hoch ist, auf so einer Veranstaltung ein Job-Angebot zu bekommen. Trotz der relativ hohen Arbeitslosenrate in vielen europäischen Ländern seien die Aussichten gerade für Sicherheitsexperten hier sehr hoch – insbesondere nach den großen Daten-Skandalen wie die bei LinkedIn und Sony.

Facebook habe etwa auf einem Hacker-Event in Paris “Wanted”-Schilder ausgehängt. “Es gibt kein Diplom für Hacker”, zitiert der Wirtschaftsdienst den 29jährigen Guillaume Vassault-Houliere, der im Juni 2012 ein Hacker-Hangout für 1200 Teilnehmer in Paris organisiert hatte. “Die Recruiter kommen vorbei um nach Talent zu suchen, das man in der Schule einfach nicht erlernen kann”.

Junge Computertalente im britischen “Young Rewired State” (Quelle: Matt Lucht, FlickR.com)

Die Jagd nach frischem Computertalent ist in Großbritannien inzwischen so weit, dass die Suche nach den “Geeks” schon bei den ganz Jungen beginnt: Im August 2012 soll dort das Festival “The Young Rewired State” stattfinden, an dem Unter-18-Jährige kostenlos teilnehmen können und dort sogar mit Pizza und kameradschaftlichem Flair versorgt werden sollen. Zur Übernachtung sei nur ein Schlafsack nötig, schreiben die Veranstalter in ihren Aufruf zum Mitmachen.

Im vierten Jahr des Events, das mit mal eben drei Teenage-Computerfreaks begann, hätten sich nun bereits über 500 junge Teilnehmer angemeldet, berichtet Arstechnica . Mit von der Partie seien Vertreter von Industrie und Politik, heißt es – die aber werden ganz bestimmt nicht ihren Schlafsack mitnehmen, sondern eher darauf achten, wen sie mit Stipendien und möglicherweise beruflichen Zukunftsperspektiven ködern können.

Arstechnica-Autor Liat Clark zitiert Erziehungs-Expertin und Veranstaltungsgründerin Emma Mulqueeny: “Zwingt die Kinder nicht; lasst sie einfach kommen”. Manchmal habe man von Schulen den Ausspruch gehört, die Hacker-Kids seien einfach zu intelligent, als dass man ihnen noch das Programmieren beibringen könne. Sie selbst habe die ersten 50 Teilnehmer ausgewählt und sogar jemanden “aus dem tiefsten dunklen Schottland” holen können – für ein paar Tage lehren (statt lernen), Code-Schreiben und Einfallsreichtum zeigen – “Das waren gelangweilte isolierte Kinder, die etwas tun wollten” und so richtig aufgeblüht seien, erklärt Mulqueeny ihre erfolgreiche Talentförderungs-Aktion.

Anders geht Google zur Sache, wenn auch erst ab 18 Jahren aufwärts: In seinem “Summer of Code”, den es auch in Deutschland gibt, werden Programmier-Stipendien ausgeschrieben. Die Ergebnisse treffen hin und wieder auf Aufmerksamkeit bei Software-Firmen, Venture-Capital-Vertretern oder sogar Google selbst. Und wenngleich sich die Aktion vor allem auf Programmierung rund um Google und Open-Source-Projekte bezieht, sind auch hier die Chancen nicht schlecht, durch die Teilnahme auf Headhunter oder zumindest Kooperationspartner im Software-Business zu stoßen. Nötig sind hier nicht Diplome oder Doktortitel, sondern vor allem handfeste Projekte.

Beim deutschen Brancheverband Bitkom ist man erst einmal der (Großanbieter-)Industrie verpflichtet und beklagt sich offiziell nur über den Fachkräftemangel – was die Mitglieder des Verbandes selbst tun, ist aber deren Sache. Derzeit scheinen keine besonderen Aktionen geplant zu sein, um neues Talent heranzuzüchten: Der IT-Jobmotor laufe hierzulande derzeit recht gut, verlautbarte der Verband schon Mitte Juni.

Tatsächlich sind die Bildungsinstitute und die Industrie weit besser vernetzt, als viele trotz der “Wolkenkuckucksheime” vieler Professoren glauben – wie etwa das “Software-Cluster” im Südwesten der Bundesrepublik beweist.

Für den aufkommenden Fachkräftemangel der Zukunft indes scheint auch der Bitkom keine schnelle Antwort zu wissen: Unsere Bitte um einen Rückruf zu dem Thema wurde mit “ich bin nicht zuständig” und später einem nicht erfolgten Anruf eines angeblich zuständigen Verbandsvertreters abgewehrt.

Self-Learning als Karrierestart

Zu empfehlen ist daher das, womit sich die IT-Branche auch bisher als Wachstumsmotor gegenüber herkömmlichen konservativeren Branchen herausgehoben hat: Wer sich selbst informiert und auf dem neuesten Stand der Technik hält – und sich selbst beibringt, damit umzugehen – hat durchaus Chancen, im IT-Markt unterzukommen oder sogar selbst zum Arbeitgeber zu werden.  Nicht Papiere, sondern konkrete Projekte oder Fortbildungen überzeugen die Unternehmen – insbesondere die innovativen kleinen Firmen.

Für Unternehmen auf Talentsuche gilt, sich selbst mehr auf entsprechenden Computrfreak-Veranstaltungen zu zeigen und dort Begabte gezielt anzusprechen – statt wie gewöhnlich Stellen auszuschreiben und  dann zwischen viel zu vielen Bewerbern auswählen zu müssen und die Stecknadel im Heuhaufen zu finden.

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