Von Windows XP auf Windows 7 migrieren

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Nachdem Unternehmen den glücklosen XP-Nachfolger Windows Vista weitestgehend verschmäht haben, geraten sie langsam unter Druck. Denn für neue Hardware gibt es immer öfter keine XP-Treiber mehr, und auch das Ende des offiziellen Supports steht mit dem 8. April 2014 fest. Die Tragweite eines Migrationsprojekts sollte man jedoch keinesfalls unterschätzen.

Bei Migrationsprojekten werden häufig dieselben Fehler gemacht – oft, weil man einfach nicht weiß, in welche Fallen andere schon getappt sind. Denn die werden sich in den meisten Fällen hüten, ihre Missgriffe an die große Glocke zu hängen. Aagon Consulting hat als Softwarehersteller und Dienstleister Einblick in zahlreiche Migrationsprojekte – und kennt daher die Fallstricke. In diesem Expertenbeitrag hat Aagon-Geschäftsführer Wilko Frenzel die sieben wichtigsten Tipps für eine erfolgreiche Migration von Windows XP auf Windows 7 zusammengestellt.

1. Migrationsstrategie wählen

Für die Migration von XP auf Windows 7 gibt es verschiedene Strategien. Die problemloseste, aber mit Abstand auch teuerste Vvariante, ist die Einführung von Windows 7 zusammen mit neuer Hardware – sprich neuen PCs. Der Vorteil: Alte und neue Rechner können im Notfall eine Weile parallel betrieben werden und die Client-Landschaft ist mit einem Schlag sowohl auf Hardware- als auch auf Software-Seite homogen – was auch im Helpdesk viel Arbeit spart.

Wer sich diese Investition nicht leisten kann oder will, hat auch die Möglichkeit, Windows 7 Schritt für Schritt einzuführen. Sollen bestehende Rechner auf Windows 7 migriert werden, empfiehlt sich eine abteilungsweise Umstellung mit dem Ziel, nach einigen Monaten das alte Betriebssystem komplett im Unternehmen abgelöst zu haben.

Ist auch das nicht möglich, gibt es noch die natürliche Migration, bei der neue PC-Hardware nur bei Bedarf beschafft und dann entsprechend mit Windows 7 ausgestattet wird. Auch wenn dies von den Investitionskosten her die günstigste Variante ist, sollte man dabei unbedingt die höheren Support-Kosten bedenken, die eine parallele Unterstützung von zwei Betriebssystemen zwangsweise mit sich bringt.

2. Hard- und Software inventarisieren

Wilko Frenzel, der Autor dieses Expertenbeitrags für ITespresso, ist Geschäftsführer von Aagon. Das Unternehmen ist Softwarehersteller und Dienstleister mit Schwerpunkt auf den Bereichen Client Management Services und Security Management Services (Bild: Aagon).

Wer bestehende PCs auf Windows 7 migrieren will, muss zunächst prüfen, ob die Hardware für das neue Betriebssystem überhaupt leistungsstark genug ist. Hierzu stellt Microsoft für Einzelplatzrechner den Windows 7 Upgrade Advisor zur Verfügung. Komfortabler und schneller geht es bei vielen Rechnern mit einer automatischen Inventarisierung deren Hardware. Hierzu gibt es ebenfalls Gratis-Tools, etwa das Microsoft Assessment and Planning Toolkit oder den “Windows 7 Check”-Report für die kostenlose Version von ACMP von Aagon.

Bei der Hardware-Inventarisierung sollte man beachten, dass diese möglichst nicht über die Windows-Verwaltungsinstrumentation (WMI) sondern über einen dedizierten Agenten erfolgt. Denn die WMI-Implementation von Windows XP ist recht fehlerbehaftet und liefert oft falsche Daten. Ein Inventarisierungsagent muss nicht zwangsweise fest auf den zu untersuchenden Rechnern installiert werden, sondern kann auch einmalig nach einem Rechnerstart laufen.

Im nächsten Schritt ist es notwendig, sämtliche im Unternehmen installierte Software zu inventarisieren. Denn Voraussetzung für die Migration eines Rechners von Windows XP auf Windows 7 ist eine Neuinstallation des Betriebssystems und aller Anwendungen. Microsoft selbst bietet hier kein kostenloses Tool zur Softwareinventarisierung an. Wer sich diese Arbeit einfach machen will, greift auch hier auf die Inventarisierungsfunktion entsprechender Clientmanagement-Systeme zurück.

3. Anwendungen testen und Abhängigkeiten prüfen

Wenn man dann weiß, welche Software aktuell im Unternehmen auf den Arbeitsplätzen läuft und welche auch zukünftig laufen soll, kann man mit den Tests dieser Anwendungen unter Windows 7 beginnen. Dies ist der wohl wichtigste Teil eines Migrationsprojekts- und zwar unabhängig von der gewählten Migrationsstrategie.

Diese Tests sollten auf keinen Fall nur von den IT-Administratoren durchgeführt werden. Denn diese können zwar beurteilen, ob sich eine Anwendung unter Windows 7 problemlos starten lässt. Doch weiß nur derjenige Anwender, der täglich mit einem Programm arbeitet, ob auch wirklich alle benötigten Funktionen einer Applikation unter dem neuen Betriebssystem erwartungsgemäß arbeiten. Je exotischer eine Software ist, desto wichtiger ist der ausgiebige Test durch die jeweiligen Benutzer. Und auch bei weit verbreiteter Standardsoftware wie MS Office oder dem Adobe Reader sind solche Tests hilfreich – beispielsweise wenn bestimmte Abteilungen auf ein spezielles Makro oder Plug-in angewiesen sind.

Ebenfalls wichtig zu prüfen sind Abhängigkeiten bestimmter Programme untereinander. So bietet es sich zwar an, im Zuge einer OS-Migration alle Anwender auch auf die neueste Version des Adobe Readers zu aktualisieren. Doch wenn eine Anwendung dann eine bestimmte ältere Version voraussetzt, sind hier wieder Probleme vorprogrammiert. Am besten sucht man sich pro Fachbereich mindestens einen repräsentativen Power-User mit einer komplexen Arbeitsplatzumgebung, der übergangsweise einen zweiten Rechner mit Windows 7 und allen seinen Anwendungen zum Test erhält.

4. Voraussetzungen auf Serverseite schaffen

Eine Migration von XP auf Windows 7 hat nicht nur Auswirkungen auf lokal installierte Anwendungen, sondern betrifft auch weitere Systeme im Unternehmen. So ist es beispielsweise erst mit den Gruppenrichtlinien des Windows Server 2008 möglich, die Windows-Firewall von Windows 7 richtig und umfassend zu administrieren. Daher empfehlen wir, vor einer Client-Migration auf Windows 7 zumindest alle Domänen-Controller mit dem Active Directory auf den Windows Server 2008 zu migrieren – was in den meisten Fällen bereits ein eigenes Projekt für sich darstellt.

In der Praxis haben viele Unternehmen damit bereits begonnen und so die Voraussetzungen für die Einführung von Windows 7 schon geschaffen. Wer dies noch nicht getan hat, sollte jetzt damit beginnen.

5. Benutzereinstellungen mitnehmen

Da die Migration von XP auf 7 eine Neuinstallation des Betriebssystems und aller Anwendungen erfordert, gehen dabei zwangsweise alle lokalen Einstellungen und Dateien verloren. Wenn man diese nicht verlieren möchte, müssen die Daten vor der Migration an zentraler Stelle gesichert und nach der Installation eines neuen Rechners wieder zurückgespielt werden.

Hierfür bietet Microsoft mit dem User State Migration Toolkit ein kostenloses Werkzeug an, was allerdings nur umständlich über die Kommandozeile zu bedienen ist. Beim Umzug der Einstellungen sollten man beachten, Startmenü und die Desktop-Icons nicht mitzusichern. Denn da alle Anwendungen unter Windows 7 neu installiert werden, wären diese Einträge dann doppelt vorhanden und würden zum Teil ins Leere laufen.

Zudem sollte man daran denken, ausreichend Ressourcen für die Sicherung der Nutzerdaten bereitzustellen. Nutzen Anwender beispielsweise lokale Postfächer in Outlook oder sind große Dateien lokal gespeichert, kann allein die Sicherung dieser Daten das Netzwerk sowie die Speichersysteme stark belasten. Die Zeit für die Sicherung der Benutzerdaten im Vorfeld abzuschätzen ist zwar möglich, aber meist zu aufwändig. Besser ist es, während der Migration genügend Puffer im Zeitfenster dafür einzuplanen. Auch bei der Übernahme der Benutzerdaten gilt dasselbe wie bei den Anwendungen: vor der Migration intensiv testen.

6. Migrationswerkzeug auswählen

Theoretisch ist die Migration auf Windows 7 allein mit kostenlosen Bordmitteln von Microsoft möglich. Hierzu zählen unter anderen das Microsoft Deployment Toolkit, Windows Automated Installation Kit, Application Compatibility Toolkit, Microsoft Desktop Optimization Pack, Microsoft Assessment and Planning Toolkit, User State Migration Toolkit, Windows Deployment Services sowie Windows Image (WIM). In der Praxis wird jedoch nur derjenige ein Projekt mit diesen separaten und nicht integrierten Werkzeugen angehen, dessen IT-Abteilung über zu viel Personal und zu wenig Arbeit verfügt.

Wer mit möglichst wenig personellem und zeitlichem Aufwand möglichst viel erreichen will, greift lieber auf ein Clientmanagement-System zurück, das auch die Migration auf Windows 7 unterstützt. Doch Vorsicht: Einige Systeme erlauben nur eine automatische Windows-7-Migration, wenn bereits das alte Windows XP und alle Anwendungen mit demselben Werkzeug installiert wurden. Zudem haben die MS-Bordmittel (und auch einige Tools von Drittherstellern) den Nachteil, dass man das Betriebssystem selbst mit Hilfe von Images installieren muss. Flexibler und sauberer ist hier ein so genanntes Unattended Setup, bei dem die Installation automatisch, aber wie von Hand abläuft.

7. Helpdesk verstärken und Benutzer schulen

Für die Zeit während der Migration sowie mindestens zwei Monate nach deren Abschluss sollte man den Helpdesk idealerweise mit zusätzlichem Personal verstärken. Denn oft scheint zunächst alles glatt gelaufen zu sein – bis plötzlich – etwa zu einem Monatswechsel – an vielen Stellen massive Probleme auftreten. Diese sind dann nur mit ausreichend personellen Ressourcen befriedigend zu bewältigen.

Um den Helpdesk weiter zu entlasten, bietet es sich zudem an, ein oder zwei Power-User pro Abteilung im Vorfeld intensiver zu schulen. Diese können dann bei kleinen Problemchen ihren Kollegen direkt Hilfestellung leisten und dem Helpdesk den Rücken für größere Fälle freihalten. Auch eine Schulung der Anwender im Vorfeld – am besten direkt an einem Rechner mit dem neuen Betriebssystem – trägt dazu bei, die Akzeptanz zu erhöhen und die Zahl der Supportanfragen zu senken.