Kommt jetzt der Cloud-Intellect?

Software und das Internet können langfristig Menschen ersetzen, trommelt US-Professor Kris Hammond für seinen “künstlichen Reporter”. Einerseits begeistert er mit seiner Arbeit die Technikbranche und ausgabenscheue Verleger, auf der anderen Seite jedoch empört er die Journalisten. Ein kurzer subjektiver Rundgang durch das, was Hammonds Software wirklich kann und welche Trends für und gegen seine Theorien sprechen.

von Manfred Kohlen 0

Im Science-Fiction-Kurzroman “Killdozer!” von Theodore Sturgeon unterhalten sich zwei Bauarbeiter über die Unnötigkeit des menschlichen Gehirns – man käme auch gut ohne zurecht. Tom jedenfalls benötigt es nicht und benutzt Chub als “Faksimilie” für den eigenen Intellekt. So etwas kann tatsächlich im eigenen Leben funktionieren – und mit Hilfe der vielen Kontakte in sozialen Netzwerken kommen PC-Nutzer heutzutage sehr leicht an diesen “externen Intellekt”. Vielleicht wird diese – noch immer mit Menschen verbundene “Denk-Energie” – demnächst nicht mehr benötigt und kann als Cloud-Service gebucht werden.

Prozessor-Power wandert bereits zu Amazon Web Services, Netzwerke werden virtualisiert (Hintergrundbericht hier) und stückchenweise zu externen Diensten verlegt – und nun auch noch das: Texte entstehen neuerdings ohne menschliches Zutun!

Eine Software soll Reporter ersetzen, vorliegende Daten automatisch in lesbare Texte umwandeln – und Nutzermeinungen sollen für die Verbreitung und Zugriffe aus dem Internet sorgen. Die auf diese Weise technisch und durch Online-Leserreaktionen automatisch erzeugte Werbefläche würde den Online-Verlegern leicht verdientes Geld einbringen. Erschreckend: In vielen Bereichen funktioniert dies bereits – die Software von Narrative Science, die den Journalisten ersetzen soll, ist bei Fernsehsendern und Onlinediensten schon einige Zeit im Einsatz.

Zweifel an den Algorithmen

Ganz so einfach ist das nicht, kommentiert Wired-Autor Steven Levy die gefeierte und zugleich gehasste Entwicklung. Das Programm könne zwar die Live-Einspielungen von Sport-Ergebnissen und ähnlich “mechanische” Journalismus-Arbeiten in durchaus gutem Englisch vornehmen – einen echten Autoren könne es jedoch nie ersetzen.

Levy beschreibt Beispiele zu Football-Spielen, die ein ungeübter Leser nicht mehr von den Arbeiten “echter” Reporter unterscheiden könne – und endlich sei es auch möglich, Infomationen über Drittligaspiele zu produzieren, ohne die hohen Kosten für Journalisten vor Ort aufzubringen

Zusammenhänge erkenne die Software jedoch nicht: Formulierungen, die etwa die Umgebung oder menschliche Verhaltensweisen rund um die beschriebene Sache beschreiben, kämen in den “Outputs” kaum noch vor, die Technik würde sich auch nicht darum scheren, dass etwa bei Sportveranstaltungen nur noch Sieger oder Fehler genannt würden.

Technikchef Kris Hammond (mehr über Hammond in Crunchbase), der hinter der Software steht, deren Grundlagen ausgerechnet einer Journalistenschule entstammen, macht mit Algorithmen strukturierte Daten zu lesbaren Texten. Künstliche Intelligenz, gepaart mit linguistisch zusammengesetzten englischsprachigen Textbausteinen, setzt Daten in lesbaren Text um – wie etwa Spielberichterstattungen zu Sportveranstaltungen oder Finanzberichte.

Das könnte über kurz oder lang auch in anderen Sprachen funktionieren – unlogische und komplizierte Wendungen wie im Deutschen oder im Russischen brauchen sicher noch ein bisschen Zeit, und Algorithmen für asiatische Sprachen müssten völlig neu gebaut werden.

Hammond ist sich sicher: Demnächst werden 90 Prozent der Zeitungsberichte automatisch entstehen. Schwieriger jedoch ist es, die Bedeutung und Einordnung verschiedener Themen den passenden Lesergruppen zu vermitteln. Techies wissen auch hier eine Lösung: Die Leser selbst setzen im Web 2.0 fest, was wichtig ist. Wirklich?

Web2-Mechanismen reichen nicht

Selbst die Theorie hinter den Web-Erfolgen durch Weiterempfehlungen ist zweifelhaft. Zwar hilft ein Facebook-”Like” durchaus, um mehr Leser für die gleiche Story zu interessieren, doch mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass viele der empfohlenen Links zu Phishing- und Malware-Seiten führen, wie etwa die neueste Kooperation von Trend Micro und Facebook zeigen und die gemeinsame Security-Aktion von Sophos und Facebook just zum gleichen Zeiztpunkt belegt.

Die Nutzung von Twitter mit gekürzten URLs tritt genau in die gleiche Bresche. Und selbst, wenn Web-2.0-Werbeprofis behaupten, die Bedeutung einer verlinkten Story könne durch “Retweets” oder Weiterleitungen festgelegt werden, spricht dies noch immer nicht für die Qualität der Arbeit. Egal, ob tatsächliche geschriebene oder nur “generierte” Stories hinter dem genannten Link stecken, und ob zusätzlich mit Google News, Google +1 oder vielen weiteren externen Verlinkungen – das Ergebnis ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen großen Zeitunge wie Bild, die die Massen ansprechen muss und kleineren spezialisierten Zeitungen, die sich auf die Erklärung von Hintergründen spezialisieren – etwa die “Zeit”. Doch eines ähnelt sich bei Print und Online: So muss etwa ein Bildzeitungs-Journalist hochintelligent sein, um die Dummheit richtig an den Mann zu bringen. Das kann auch eine Software nicht.

Je verbreiteter die Internet-Nutzung ist, desto mehr orientiert sich das Angebotene am Massengeschmack. Die viel umschwärmte “Weisheit der Massen” ist zwar fragwürdig – Tausend Fliegen können nicht irren; sie fliegen trotzdem immer um den gleichen Kot herum. Wer sich die Top-Stories in Massendiensten wie Yahoo, AOL oder GMX ansieht, weiß sofort, was ich meine. Aber ein Algorithmus für die Qualitätsfindung wird irgendwann auch noch entstehen.

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