Open Source: Mainstream und trotzdem noch Innovationstreiber

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Offene Software ist inzwischen nicht mehr nur die “freie” Kopie bestehender Anwendungen. Sie gibt inzwischen den Ton bei der Evolution und Revolution von Unternehmens-Anwendungen an.

Vor fünf Jahren fing ich bei dem Startup Talend an, das versprach, Integration via Open-Source zu demokratisieren. Zu der Zeit versuchten Open-Source-Firmen typischerweise das zu kopieren, was proprietäre Anbieter taten oder woran sie gescheitert waren. Der Anspruch war ganz einfach: Open-Source-Firmen sagten, sie seien wie der proprietäre Anbieter X, aber offener, ausbaufähiger und günstiger. Deutlich wird das, wenn man sich ein paar der Erfolgsträger aus den späten 2000ern anschaut und womit sie verglichen wurden: MySQL (Oracle), JBoss (WebSphere), Jaspersoft (BusinessObjects), Talend (Informatica) oder SugarCRM (Siebel).

Für Kunden waren die Vorteile leicht zu verstehen: Sie konnten High-End-Technologie zu einem Bruchteil der Kosten einsetzen, die sie bei proprietären Akteuren hätten aufbringen müssen. Kleinere Unternehmen oder Projekte ohne riesige Budgets mussten keine Zeit in die Neuentwicklung bereits bestehender Funktionen investieren. Und für alle Anwender hatte die Offenheit den Vorteil, dass sie die Lösung nach Bedarf anpassen und erweitern konnten. Hinzu kam die Community, die sowohl bei Problemen hilft als auch neue Treiber und Konnektoren in einer bisher nicht gekannten Geschwindigkeit bereitstellt.

Auf dem Weg zum Erfolg

Aus dem Außenseiter Open-Source wurde schneller ein Erfolg als man erwarten konnte. Das erste “Billion Dollar Baby” im Open-Source-Bereich war MySQL, als Sun das Unternehmen für 1 Milliarde Dollar kaufte. Damals titelte Techcrunch “Open-Source ist ein legitimes Geschäftsmodell”. Und in der Tat bedeutete 2008 einen Wendepunkt für Open-Source: Immer mehr Installationen bei Unternehmen; Übernahmen wie in der “echten” Unternehmenswelt; immer mehr Kapitalausstattung.

Ankunft im Mainstream

Aktuell ist Red Hat gerade zum zweiten “Billion Dollar Baby” bei Open-Source geworden – allerdings, und das ist beachtlich, beim Umsatz. Das macht deutlich: Open-Source ist mittlerweile durchaus Mainstream und ein nachhaltiges und skalierbares kommerzielles Open-Source-Geschäft ist machbar.

Als die Open-Source-Anbieter zum Mainstream wurden, haben sie natürlich begonnen, etwas von ihrem Unterscheidungsmerkmal (ihrem Flair) zu verlieren. Heute kann man immer noch ein Geschäft skalieren, indem man lediglich die “Open-Source-Alternative zu X” ist. Aber die klassischen Software-Anbieter haben die Bedrohung erkannt und reagieren darauf. Proprietäre Anbieter haben gelernt, sich mit Open-Source auseianderzusetzen. Die ersten, die von dieser Reaktion profitiert haben, waren die Kunden. Sie hatten jetzt einen Hebel, um über Preise und Konditionen zu verhandeln.

Offene Standards als Differenzierung

Wenn Open-Source-Anbieter weiter mithalten und nicht zu klassischen Anbietern mutieren wollen, müssen sie sich auch in Zukunft markant vom Wettbewerb unterscheiden. Die primitive Open-Source-Strategie auf Basis von “FUD” (Fear, Uncertainty & Doubt) aus der Vergangenheit haben wir dabei zum Glück hinter uns gelassen. Heute ist Innovation ein Weg, auf dem Open-Source diese Unterscheidung erreicht. Im Vergleich zu ihren proprietären Widersachern sind Open-Source-Anbieter jüngere und dynamischere Unternehmen. Vor allem aber nutzen sie offene, auf Standards basierende Technologie-Stacks.

Ein Blick auf die großen IT-Evolutionen der letzten Jahre macht dies deutlich (Ich mag den Begriff “Revolution” nicht. Nach meiner Auffassung sind die meisten Veränderungen in der IT evolutionärer Natur und diese Evolution verläuft ganz einfach mal schneller und mal langsamer):

  • Cloud Computing – Open-Source treibt die Cloud an. Die meiste Cloud-Infrastruktur basiert auf dem Open-Source LAMP-Stack (Linux Apache MySQL PHP). Das liegt nicht nur daran, dass Open-Source in diesem Kontext gut funktioniert. Das Open-Source-Lizenzmodell macht es Cloud-Providern auch leichter, ihre Infrastruktur zu skalieren. Die wichtigste Nicht-Open-Source-Cloud ist Microsoft Azure. Hier glaube ich aber nicht, dass sie Lizenzprobleme mit sich selbst bekommen.
  • Big Data – Auch wenn alle Anbieter versuchen, auf den fahrenden Big-Data-Zug aufzuspringen, ist der wichtigste Technologie-Stack für Big-Data, Hadoop, vor allem ein Open-Source-Projekt, verwaltet von der Apache Software Foundation. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie konkurrierende Anbieter von Hadoop-Distributionen am selben Projekt arbeiten und Funktionen bauen, von denen auch die anderen profitieren. Natürlich ist das in der Open-Source-Welt nichts Neues (man schaue sich all die ESBs an, die auf demselben Apache-Projekt aufbauen). Aber möglicherweise ist es das erste Mal so strategisch.
  • Mobile – möglicherweise ist der Open-Source-Einfluss beim Mobile-Computing nicht so offensichtlich. Googles Android wird als Open-Source betrachtet, auch wenn es um die Art und Weise, wie Google Quellcode veröffentlicht, Kontroversen gibt. Und auch wenn Apples iOs ganz klar kein Open-Source ist, teilt es sich doch meistenteils das Framework und Komponenten des darunter liegenden Betriebssystems mit Apples Desktop-Software OSX. OSX und iOS bauen auf mehr als 200 Open-Source-Projekten auf und der Kernel basiert auf einem Open-Source-Kernel namens Darwin.

Immer noch Innovationstreiber

Heute wäre die Gründung einer Open-Source-Firma ohne klaren Innovationspfad, der einen wirklichen Technologiewandel bewirkt, zum Scheitern verurteilt. Die „alte“ Generation von Open-Source-Anbietern muss zum Innovationstreiber werden, wenn sie weiterhin im Wettbewerb bestehen will. Dazu wächst eine “neue” Generation heran, zu der Anbieter von Cloud-Stacks wie Openstack oder Eucalyptus, Hadoop-Anbieter wie Hortonworks, Cloudera oder MapR und viele mehr zählen. Das Schöne ist: Beim Erfolg geht es heute nicht mehr darum, sich und das Thema Open-Source zu beweisen oder gar Mainstream zu werden. Es geht schlicht und einfach um die nächste Generation von Innovation.

Der Autor:
Yves de Montecheuil ist Marketingleiter bei der OpenSource-Integrations-Firma Talend. Er ist Moderator, Autor, Blogger und Social-Media-Enthusiast und gibt regelmäßig über seinen Twitter-Account @ydemontcheuil Neuheiten aus dem Unternehmenseinsatz offener Software bekannt.