
Das digitale Frühwarnsystem
Business-Netzwerke wie Xing helfen, neue Geschäftskontakte zu knüpfen. Sie funktionieren aber auch als Frühwarnsystem, beispielsweise, um vor schwarzen Schafen zu warnen. Allerdings bringt das auch die Gefahr des Rufmords mit sich, erklärt der Autor und Branchenexperte Tim Cole.
Das Wort »linken« hat in den letzten Jahren eine seltsame Metamorphose durchgemacht. Früher beschrieb es ein zutiefst unehrenhaftes Verhalten, im Sinne von »jemanden übers Ohr hauen.« Doch dann kam Google und erklärte das Linken, also das Setzen von Hyperlinks, zum Maß aller Dinge im Suchmaschinen-Ranking: Je häufiger jemand auf meine Website verlinkt, desto weiter oben stehe ich, wenn jemand meinen Namen eingibt. Ein ganzer Industriezweig, nämlich die Suchmaschinen-Optimierer, leben im Grund davon, die Leute zu linken, und wir empfinden das als durchaus positiv.
Wir treten auch fleißig irgendwelchen sozialen Netzwerken bei, weil wir dadurch auf einen Schlag mit Tausenden von potenziellen Kunden oder Partnern verlinkt sind und per Mausklick mit ihnen Kontakt aufnehmen können. »Empfehlungs-Netzwerke« nennen sich denn auch die großen Business Networks wie Xing oder LinkedIn, und irgendwie gehen alle offenbar davon aus, dass sich dort nur Ehrenmänner tummeln. Obwohl wir doch eigentlich alle ganz genau wissen, dass dort, wo viele sich versammeln, mit Sicherheit auch ein paar Stinkstiefel dabei sein müssen, weil das in der Natur des Menschen liegt. Und das Internet soll da anders sein? Wohl kaum.
Empfänger verzogen
Nehmen wir zum Beispiel Ralf H. Er ist ein netter junger Mann, sogar ein Berufskollege. Er hat sich irgendwann selbstständig gemacht und eine Agentur gegründet, die Konferenzen zum Thema Web 2.0 und Empfehlungsmarketing organisierte. Nur gingen die Geschäfte offenbar schlecht, und als ein großer Kunde eine Rechnung nicht bezahlte, war Ralf H. plötzlich pleite.
Leider schuldete er mir selbst noch Geld. Wir hatten einen Vertrag, weil ich als Moderator auf einem seiner Konferenzen aufgetreten war. Auch diese Rechnung wurde nie bezahlt, woher auch? Und der junge Herr H. tat das, was viele Schuldner tun: Er antwortete nicht mehr auf meine Mails, das Telefon blieb stumm und Mahnungen kamen zurück mit dem Vermerk »Empfänger unbekannt verzogen«. Es war ja nicht sehr viel Geld, aber ein paar Tausender waren es schon. Dafür muss eine alte Frau lange stricken, und so begann ich, mich über Ralf H. zu ärgern.
Herr H. hat wohl gehofft, er könne mir entkommen. Aber da hat er die Rechnung ohne das Internet gemacht. Als ich nämlich irgendwann bei Xing nach »Ralf H.« suchte, fand ich sein Profil mit Foto und allen möglichen Angaben, aus denen hervorging, dass er ein Ehrenmann sei, mit dem man doch bitteschön Geschäfts machen solle. Von seiner Pleite stand da nichts, auch nichts von unbezahlten Rechnungen. Ist ja klar: Wer sich selbst in einem solchen Business-Netzwerk darstellt, versucht sich in ein möglich gutes Licht zu stellen.
Empfehlung auf Gegenseitigkeit
Solche Netzwerke funktionieren nach dem schönen Prinzip der Gegenseitigkeit: Empfiehlst du mich, empfehle ich dich. Und am Ende haben dann alle etwas davon. Das setzt aber voraus, dass sich wirklich nur Leute dort präsentieren, die empfehlenswert sind. Und was ist mit den faulen Äpfeln?
Ralf H. und ich sind über Xing mit einer Menge Menschen verbunden, die einen sehr honorigen Eindruck machen: ein Professor am Fraunhofer-Institut, zwei Verlagsgeschäftsführer, drei PR-Agenturchefs, eine Handvoll freier Journalistenkollegen und jemand vom Bundeswirtschaftsministerium. Einige von ihnen haben auch schon Geschäfte mit Herrn H. gemacht, und wenn er in Zukunft wieder welche machen will, dann wird er vermutlich auf diese Kontakte angewiesen sein.
Das wird aber für ihn nicht mehr ganz so einfach sein, denn ich habe mir die Mühe gemacht, unsere gemeinsamen Bekannten alle anzuschreiben. Nein, ich habe ihn nicht als einen Betrüger oder Gauner beschimpft. Ich habe nur ganz harmlos nachgefragt: »Weiß eigentlich jemand, wo der junge Herr H. abgeblieben ist? Er schuldet mir nämlich leider noch Geld.«
Ruf ist nachhaltig ruiniert
Ein paar Mausklicks haben also genügt, um seinen Ruf nachhaltig zu ruinieren. Gut, er ist ja selber schuld. Hätte er mich damals angerufen und gesagt: »Mensch, Cole, tut mir leid, aber ich habe Pech gehabt und ich kann Ihre Rechnung nicht bezahlen«, dann wäre ich wahrscheinlich der Letzte gewesen, der ihn ins Messer hätte laufen lassen. Ich hätte vermutlich mit den Zähnen geknirscht und die Rechnung ausgebucht. Das Leben geht weiter, und irgendwann hätte er die Sache ja vielleicht wieder gut machen können, wenn er wieder auf die Füße gekommen wäre. Ich war aber sauer, weil er einfach abgetaucht ist, und so habe ich auch keine Gewissensbisse gehabt, andere vor ihm zu warnen.
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