Das Unwort des Jahres 2012

CloudVirtualisierung

Es bezeichnet den Fetisch der IT-Branche. Es steht für ein echtes Problem, aber durch dauernde Wiederholung ist es schon ganz hohl geworden. Keiner weiß mehr, was es bedeutet. ITespresso-Redakteur Mehmet Toprak enthüllt das schreckliche Wort.

Das Unwort des Jahres 2012 steht für mich heute schon fest. Die ersten Wochen des neuen Jahres haben es klar und deutlich zu Tage gebracht. Es tauchte in praktisch jeder Pressemitteilung, jeder CeBIT-Vorschau und jedem Branchenreport auf, die über meinen Bildschirm liefen. Nein, ich kann das Wort nicht mehr hören. Innovation, das ist für mich jetzt schon das Unwort des Jahres 2012.

So wie es übrigens auch mein persönliches Unwort der Jahre 2011, 2010, 2009, 2008 und aller zurückliegenden Jahre seit Erfindung des HTML-Codes war.

Fetisch der Hightech-Branche

Innovation – der Begriff ist zu einer Art Fetisch geworden. Kein Hersteller kann mehr irgendwas verkaufen ohne das Etikett »innovativ« darauf zu pappen. Nicht mehr zu zählen sind die Innovationspreise und Förderprogramme, mit denen sich CeBIT, Bitkom, Wirtschaftsministerium und andere gegenseitig überbieten. Das nervt irgendwann.

Warum reden wir in Deutschland ständig über das Thema? Haben wir vielleicht ein Problem damit?

Natürlich sind Innovationen zunächst Mal eine gute Sache. Sie machen den technischen Fortschritt überhaupt erst möglich, den Unternehmen helfen sie den Absatz zu steigern und der Kunde bekommt immer bessere Produkte.

Doch der Begriff wird dermaßen inflationär benutzt, dass er seinen eigentlichen Kern verloren hat. Das liegt daran, dass der globale Wettbewerb in der Hightech-Branche inzwischen so intensiv geworden ist dass Hersteller und Anbieter sich nicht mehr damit begnügen können, auf die Qualität ihrer Produkte oder Dienstleistungen zu verweisen. Stattdessen müssen sie ständig Neues kreieren, ständig neue Features einbauen.

Innovations-Spirale dreht sich zu schnell

Infolgedessen dreht sich die Spirale der Innovationen immer schneller und zwar schneller als für den nützlichen und wirtschaftlichen Einsatz sinnvoll sein kann. Entwickler und Unternehmer müssen in jede neue Produktgenerationen irgendwelche Pseudo-Features einbauen, die das Marketing dann als »innovativ« anpreisen kann.

Auch für Endverbraucher und IT-Manager hat das Nachteile. Sie werden ständig mit neuen, vermeintlich noch besseren Produkten konfrontiert. Einen Kaufzwang gibt es natürlich nicht, aber es gibt doch einen gewissen Druck, sich mit dem neuesten Trend oder der aktuellen Produktgeneration auseinandersetzen zu müssen. Die Hightech-Welt wird von einer Art Herdentrieb gesteuert. Die Angst, man könnte eine entscheidende Entwicklung verpassen oder den Anschluss (an die Herde) verlieren, hat die ganze Branche im Griff.

Ein Trugschluss ist es auch zu glauben, ein Unternehmen könne durch die Nutzung neuer Techniken wie Cloud Computing, Virtualisierung oder Mobilgeräte seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und die Konkurrenz hinter sich lassen. Da alle anderen diese Techniken dummerweise auch nutzen, kann das einzelne Unternehmen damit höchstens genauso schnell sein wie die anderen (aus der Herde).

Der E-Schrott-Berg wächst

Gerade im Bereich der Mobilgeräte hat die Innovationshysterie auch üble Nebeneffekte. Millionen von Anwendern, die sich alle zwei Jahre ein neues Smartphone oder Netbook anschaffen und die alten Geräte entsorgen, helfen mit, dass der Berg an Elektroschrott wächst.

Fairerweise muss man hinzufügen, dass die Produktinnovationen auch eine positive Seite für die Umwelt haben. Schließlich sorgt neueste Technik auch dafür, dass PCs oder Server stromsparend arbeiten und jede neue Produktgeneration ist ein Stück umweltfreundlicher als die vorhergehende und sei es nur, weil der Hersteller mit noch weniger Verpackungsmaterial auskommt.

Zugegeben sei auch, dass das schnelle Entwicklungstempo, beispielsweise in der Chip-Technik, ja nicht nur dazu geführt hat, dass die Verbraucher schnellere Multimedia-PCs bekommen haben, sondern auch die Entwicklung der Rechenkapazität der Supercomputer gefördert hat. Und Supercomputer sind bei zentralen Menschheitsprojekten wie Medizin und Umweltschutz unverzichtbar.

Keine echten Innovationen aus Deutschland

Trotzdem oder gerade deswegen, es wird Zeit langsam aufzuhören mit dem sinnlosen Hype um den Begriff Innovation. Und sich wieder darauf zu besinnen, was eine Innovation eigentlich sein soll, welchen Wert und Nutzen sie hat.

Dann könnte man sich auch wieder auf ein Problem konzentrieren, das gerade in Deutschland besteht. Hierzulande wird vermutlich deshalb so viel über Innovationen geredet, weil es eigentlich zu wenige davon gibt.

Vor allem im Hightech-Bereich ist Deutschland nicht besonders innovativ. In Forschung und Technologie ist Deutschland Spitze, versichern uns alle Experten. Doch wenn es darum geht, all die kühnen Ideen in marktreife Produkte oder Dienstleistungen zu verwandeln, dann hakt es plötzlich.

In dieser Hinsicht sind immer noch die Amerikaner weit vorne. Praktisch alle wirklich neuen Produkte und Internetdienste der letzten zehn Jahre kommen aus Silicon Valley.

Insofern gibt es also gute Gründe, über das Thema Innovationen nachzudenken, mal ganz unabhängig von dem ganzen Hype  …