Aus der Traum mit der Handybezahlung?- Anbieter blockieren sich gegenseitig

Elektronisches BezahlenMarketingMobile

Zahlreiche Anbieter wollen am mobilen Payment teilhaben – Jahre nach den ersten NFC-Tests scheint durch Pläne von Google und anderen endlich etwas voranzugehen. Doch derzeit gilt noch: Zu viele Köche verderben den Brei. Ein Blick auf die Misere der mangelnden Standards.

ISIS gegen Google

Alle wollen einen Teil des Kuchens für mobile Bezahlung abbekommen – und so kämpft derzeit das Projekt ISIS der Telekommuikationsbetreiber gegen die Nutzung von Google Wallet, erklärt die Washington Times den aktuellen Vorfall im US-Drahtloszahlgeschäft. Im Dezember hätte in den USA Verizon Wireless Google dazu gebracht, seine Walletfunktion aus dem neuen Google-Smartphone Galaxy Nexus Prime zu entfernen.

Das von Samsung hergestellte Mobiltelefon greift bei den Bezahlfunktionen auf den NFC-Chip des Gerätes zu – und das ist Verizon Wireless wohl nicht nicht ganz geheuer. Verizon ist Mitglied der ISIS-Vereinigung, doch das Super-Nexus wird inzwischen auch von Sprint Nextel verkauft – und dieser Wireless-Anbieter wiederum ist kein ISIS-Mitglied und arbeitet lieber mit Google. Fließen also Google-Bezahlungen über das Verizon-Netz, werden sie nicht anerkannt. Verizon-Sprecher Nelson erklärte der Washington Times – nein, man blocke nicht die Software von Google; Google Wallet aber sei eine Ausnahme, weil es auf einen NFC-Chip zugreife.

ISIS agiert als eigene Payment-Applikation ähnlich wie Google Wallet. Die Terminals der Verkäufer sind jedoch nicht kompatibel zueinander – wahrscheinlich absichtlich. Damit rücken die Ermittlungen der US-Regulierugsbehörden wieder in den Mittelpunkt des Interesses – zahlreiche Telekommunikationsunternehmen wurden schon untersucht, weil sie Applikationen anderer unterbanden. Anfangs hatte so etwas Ähnliches auch schon in Deutschland stattgefunden: T-Mobile etwa blockte Chat-Progranme, weil man mit SMS viel mehr verdient hatte. Mittlerweile gehören solche Blockaden hierzulande der Vergangenheit an – beim Chatten, aber vielleicht noch nicht bei der Bezahlung.

Bankensektor will mitmischen

Auch die Kreditkartenunternehmen VISA und Mastercard haben eigene Pläne mit wieder anderer eigener Technik. Doch immerhin sei sie auch zu Google Wallet kompatibel – erste Testprojekte starteten bereits im März.

Selbst die deutschen Banken wollen bei den Smartphone-Einkäufen ein Wort mitreden. Deren Zahlungsprojekt Giropay, das sich schon einigen Mitbewerbern wie sofortueberweisung.de erwehren muss (ein Anbieter, der zur besseren Durchsetzung seines Direktabbuchungssystems sogar eine »echte«Bank erwarb und somit allen deutschen Bankgesetzen entsprechen will – ein Rechtsstreit dazu ist allerdings noch immer im Gange), möchte ebenfalls ins Mobilgeschäft investieren. Das Projekt benötigt durch die üblichen politischen Querelen im deutschen Bankensystem sicherlich noch eine Weile dafür und wird vermutlich letztendlich das System der Kreditkartenunternehmen unterstützen – denn am Geschäft mit ihnen verdienen die deutschen Banken schon kräftig mit.

Erst einmal versucht sich das von Sparkassen, Raiffeisen-, Volks-und anderen Banken unterstützte Giropay noch im stationären Onlinehandel durchzusetzen. Ob und wie NFC-Technik der Mobiltelefone genutzt wird, wollte jedoch bei Nachfragen von itespresso.de noch niemand offiziell sagen. Hinweise über Mobilbezahlpläne, die ein Sparkassen-Verantwortlicher gegenüber itespresso erwähnte, konnte jedoch niemand bestätigen. In einem offiziellen Statement reagierte schließlich Giropay Geschäftsführer Joerg Schwitalla: »Wir sind davon überzeugt, dass sich Mobile Payment in den nächsten Jahren etablieren wird. giropay als Bezahlverfahren im E-Commerce beobachtet die Entwicklung sehr genau. Ob sich die aktuell angestrebte Lösung auf NFC-Basis tatsächlich durchsetzen wird, hängt maßgeblich davon ab, ob der Handel entsprechende Investitionen in die NFC-Infrastruktur zu tätigen bereit ist und ob eine ausreichende Verbreitung von NFC-fähigen Endgeräten auf Verbraucherseite vorliegt.« – Kurz und gut: Das Unternehmen ragiert abwartend. »Da dies zum heutigen Zeitpunkt noch offen ist, ist giropay im Hinblick auf diese Lösung noch zurückhaltend. Eine mobile Anwendung von giropay muß sowohl den hohen Sicherheitsstandards gerecht werden als auch Convenience in der Handhabung bieten. Unser Ziel ist es, die Entwicklung eines solchen Verfahrens in 2012 konsequent voranzutreiben.« Indirekt gibt Schitalla damit zu, dass man erst daran arbeiten will, wenn die kritische Masse erreicht ist.

(Bild: QR-Code. Quelle: Wikipedia Commons, Immanuel Giel, UTC)

Paypal setzt auf QR-Codes – NFC kommt später

Zu den besonders aktiven Mitspielern im Kampf um das mobile Payment zählt auch Paypal – hier entsteht ein eigenes System, das eng an den Paypal-Online-Account gebunden ist. Allerdings hat das Payment von Paypal weniger mit einer Verbindung mit einem NFC-Chip zu tun – die Meldungen, die bisher von Paypal offiziell verteilt werden, setzen eher auf einen QR-Code, der über die Handy-Kamera eingelesen wird. Der Code wird von einer App in Daten für die Abrechnung mit Paypal umgewandelt und über die derzeit aktive Internetverbindung an den Paypal-Account weitergeleitet.

Google Wallet ist ein „Mittler“ zwischen Banken und Geschäften – und zieht dazwischen seine Prozente ab. Einklinken können sich alle Geldhäuser auf der einen und verschiedene Händler auf der anderen Seite  – wenn sie sich an das vereinbarte Zahlungssystem von Google Wallet halten.

Das Sales-Terminal nimmt die Signale von Google Wallet direkt auf – über den Near-Field-Communication-Chip. Das Terminal bestätigt die Zahlung, und Google Wallet leitet die Daten an Geldhäuser weiter – und vermutlich auch an sich selbst, um Daten über Einkaufsgewohnheiten zu sammeln.

Ähnlich will Paypal als Mittler fungieren, und auch die bisherigen Zahlungsysteme für Onlineshops wie giropay und sofortüberweisung arbeiten nach diesem Prinzip – doch wie die ebay-Zahlungstochter später mit NFC-Daten umgehen wird, steht noch nicht fest. Dass Paypal bald auf NFC setzt, ist unwahrscheinlich. Schließlich ist das Bezahlen mit QR-Codes weniger abhängig von neuen Chips und weiteren Mittelsmännern, die alle ihren Anteil verdienen wollen.

Der Kampf um den lukrativen Markt wird also noch weitergehen – und bis sich alle einigen, muss sich noch ein offener aber sicherer Standard entwickeln – Das PCI-Standard-Council für Zahlungssicherheit erwähnt NFC-Technik derzeit gerade mal als Übertragungsweg für verschlüsselte Daten in einem Papier zu »emerging technologies«(PDF hier ).

 

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen