Collaboration: »Die Telekom ist zu teuer«

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Der Trend zur Online-Zusammenarbeit boomt und Citrix übernahm in diesem Rahmen den deutschen Marktführer Netviewer. ITespresso.de befragte Robert Gratzl, Vice President und Managing Director für Citrix online EMEA, was aus dem erfolgreichen deutschen Produkt wird. Dabei erklärte Gratzl auch, dass Citrix Online eigentlich aus einem deutschen Startup in den USA hervorging – und wie er sich die Zukunft des  geplanten Partners Skype nach dessen Übernahme durch Microsoft vorstellt.

ITespresso.de: Das US-Unternehmen Citrix Online kaufte in letzter Zeit eíne ganze Menge Firmen, etwa Netviewer. Welche Motive sind damit verbunden?

Robert Gratzl: Ja, Sie hatten ja auch den Artikel geschrieben, dass Citrix die Konkurrenz vom Markt wegkauft. Ganz so ist es nicht. Die Netviewer GmbH, gegründet 2001 in Deutschland, existiert und lebt. Sie hat sich erst in Deutschland, dann im DACH-Raum, Spanien und anderen europäischen Ländern erfolgreich ausgebreitet. Citrix Online hatte sich dagegen im englischsprachigen Bereich gut verbreitet, hatte aber immer Probleme, in Kontinentaleuropa Fuß zu fassen. Jetzt haben sich die beiden sozusagen zusammengetan und wollen damit Gesamteuropa abdecken. Dass das kein Merger sondern ein Kauf war, ist an der Größe der Unternehmen klar zu erkennen.

ITespresso.de: Nun macht Citrix einiges mehr als nur das, was Netviewer entwickelt hat. Wie wächst das zusammen?

Robert Gratzl: Ja, Citrix macht ein bisschen mehr, besonders Citrix Systems. Die Citrix Online machte letztes Jahr 360 Millionen Dollar Umsatz, 90 Prozent davon aber in den USA. Europa ist nun mal der nächste große Wachstumsmarkt für den Bereich Web Collaboration. Wir sind in Europa etwa vier bis fünf Jahre hinter dem US-Markt »hintendran«. So traurig das ist: Der Auslöser war »Nine Eleven«. Die Leute hatten plötzlich Angst, ins Flugzeug einzusteigen und suchten neue Kommunikationsmöglichkeiten. Das war der Zeitpunkt, als WebEx in den USA richtig groß geworden ist und Citrix Online erst angefangen hatte.

ITespresso.de: In den USA ist WebEx ja schon fast ein Verb. So wie wir »googeln« für die Suche sagen, wird dort »gewebext«. Hat Citrix online in dieser Situation noch Marktchancen?

Robert Gratzl: Citrix Online ist hervorgegangen aus der Expert City in Santa Barbara, gegründet von drei Deutschen. Die Firma wurde von Citrix Systems übernommen und in Citrix Online umbenannt. Zwei dieser Deutschen sind tatsächlich noch bei Citrix Online, einer davon ist der CTO. Sie sind 2004/2005 eingestiegen, als WebEx schon sehr verbreitet war. WebEx hat etwa 40 Prozent Marktanteil in den USA, Citrix Online etwa 14 und ist damit deutlich kleiner, aber: Bei den Top5 im Collaboration-Markt wie WebEx, Citrix Online, Microsoft, Adobe, und […den fünften Namen habe ich vergessen…. ] ist Citrix online der Einzige, der Marktanteile gewonnen hat.

ITespresso.de: Wie will jetzt Citrix Online weiterverfahren, denn es wurden sehr viele verschiedene Technologien an unterschiedlichen Standorten entwickelt und zugekauft?

Robert Gratzl: Als wir die beiden Unternehmensteile zusammengebracht haben – Citrix Online hatte in Europa etwa 50 Mitarbeiter, Netviewer etwa 200, die Citrix online schwerpunktmäßig im Bereich Marketing und Sales in UK, die Netviewer nahezu ausschließlich in Karlsruhe. Als wir die Organisationen zusammengeschoben haben, ist hier in Karlsruhe letztendlich das Headquarter für Citrix online EMEA entstanden. In diesem Zusammenhang sind einige redundante Funktionen im Marketing weggefallen. Im Großen und Ganzen sind aber so gut wie keine Arbeitsplätze verlorengegangen. Wir haben aber einen klaren Wachstumsfokus – vor dem Verkauf waren wir 250, jetzt sind wir 270. Der Techniker entwickeln heute von Karlsruhe aus die Citrix-GoTo-Produkte.

ITespresso.de: Was passiert mit der Technologie von Citrix und Netviewer?

Robert Gratzl: Wir hatten weitestgehend adäquate Produkte in den Bereichen Online-Meeting/Collaboration und dort wo es um Remote Support und Remote Access geht, Da wurde nun eine Entscheidung getroffen, dass wir strategisch mit der Plattform von Citrix Online weitermachen und unsere zukünftigen Entwicklungskapazitäten darauf konzentrieren.

ITespresso.de: Ist die Hauptaufgabe der Entwickler in Karlsruhe also, die eigenen Entwicklungen in die Citrix-Produkte zu integrieren oder sie über APIs zu verbinden?
Robert Gratzl: Ich würde es so sagen: Es besteht keine Notwendigkeit, insbesondere bei GoToMeeting, Produkte zu verbinden. Es ist schlichtweg so, dass die Kunden ihre Netviewer-Produkte noch nutzen können, das letzte kam noch 2011 heraus, aber jetzt laufen alle Weiterentwicklungen auf die GoToMeeting hinaus.

ITespresso.de: Die Updates der Netviewer-Produkte werden dann alle auf die Goto-Produkte hinauslaufen?

Robert Gratzl: Genau. Wir wollen dem Kunden einen sanften Überlauf von Netviewer Meet zu Goto Meeting darstellen. Sie sollen also »fühlen«, dass Citrix GoTo Meeting das Nachfolgemodell der letzten Netviewer-Version ist. Denn eine doppelte Entwicklung von zwei Plattformen macht auch wirtschaftlich keinen Sinn.

ITespresso.de: Es gibt noch andere Mitbewerber wie etwa die Deutsche Telekom, die in ihrer neuen Lösung alle bisherigen anderer Hersteller integrieren will. Sind die Citrix-Produkte dabei?

Robert Gratzl: Ich muss gestehen, dass ich deren Dienst VideoMeet noch gar nicht angesehen habe, weil sie erst in den letzten Tagen damit auf Roadshow gegangen sind. Aber zur Telekom: Wir haben unsere Lösungen dort integriert im Bereich Mehrwertdienste. Wenn Sie also heute bei der Deutschen Telekom eine Telefonkonferenz mit angeschlossenem Onlinemeeting abhalten, dann steckt da Netviewer drin. Daneben gibt es die neue Lösung VideoMeet. Der Charme an dieser Lösung ist, dass die klassischen Kommunikationssysteme wie die von Polycom oder Tandberg mit den neuen wie Skype verbunden werden. Die WhiteLabel-Lösung, die die Telekom zugekauft hat, trifft viele Kunden, die sie einbindet und sichert die beträchtlichen Investitionen mancher Firmen im Telepresence-Bereich. Vom Pricing her erscheint mir diese Lösung extrem teuer, schon fast am Markt vorbei. VideoMeet ist zu teuer – da reden wir von Faktor 3, 4 oder 5 vom Marktpreis.

ITespresso.de: Haben Sie vor, etwas Ähnliches zu liefern, um verschiedene Systeme abzugleichen?

Robert Gratzl: im Grundsatz haben wir eine ähnliche Strategie: jedem Kunden eine Telepresence zu ermöglichen. Aber nicht in teuren Systemen wie Tandberg und Polycom, sondern in webbasierten Lösungen, die Sie letztendlich über handelsübliche Geräte in der entsprechenden Qualität verwenden können. Wir stellen unsere Produkte so modular auf, dass sie integriert werden können – über APIs. Wir bieten Partnern an, sich anzudocken.

ITespresso.de: Wie geschieht das?

Robert Gratzl: Die Produktarchitektur ist so modular, dass ein Partner nur die Audio-Bridge von GoToMeting, Video- oder Screensharing-Komponente und bald auch die Filesharing-Komponente nehmen kann und das in die eigene Applikation einzubauen, also die klassische OEM-Variante. Oder aber auch, dass sich beliebige Produkte mit GoToMeeting »verheiraten« lassen. Solche Produkte könnten dann auch Zugangslösungen zu Telekom-Presence-Angeboten etwa von Telekommunikationsnbietern sein.

ITespresso.de: Dann haben Sie damit also mehr Marktchancen als die Telekom mit ihrer teuren Lösung?

Robert Gratzl: Ja. Ich hätte da ein bisschen Bedenken – wenn ich der Telekom einen Rat geben darf in Bezug auf das Pricing… (Gratzl spricht den Satz nicht weiter)
Aber wenn die Telekom mit entsprechendem Marketing auf Webconferencing hinweist, haben alle was davon. Unser größter Wettbewerber ist in Deutschland ist nicht WebEx, Adobe, Microsoft oder die Telekom, sondern die Tatsache, dass der Markt nicht »educatet« ist. Wenn Sie heute mit dem typischen Mittelständler reden, wissen die meisten noch nicht, dass es entsprechende bezahlbare Lösungen gibt und dass keine teure Telepresence-Lösungen mehr nötig sind. Diese Erziehung des Marktes muss jetzt erfolgen

ITespresso.de: Viele kleine Unternehmen gehen jetzt zum völlig kostenlosen Skype über. Wenn Skype sich etwas von dem einfallen lässt, das man bisher in Ihrer Lösung findet, haben Sie einen starken Konkurrenten.

Robert Gratzl: Auch dazu eine Anekdote! Es gab vor etwa 8-10 Monaten eine Pressemitteilung über eine Kooperation zwischen Skype und Citrix online – als Skype bemüht war, seine Lösung businessfähig zu machen, aber festgestellt hatte, dass Skype im Bereich Screensharing aber auch im Bereich Audio an die Grenzen stößt. Da ist dann technologisch ab einer bestimmten User-Anzahl Schluss, weshalb sich Skype einen Partner suchte, der diese Komponenten zuliefern könnte – also Screensharing und die Audio-Bridge. Man ist dabei auf den Partner Citrix Online gestoßen, der Skype diese Komponenten mitliefern wollte – für ein kostenpflichtiges Produkt im Unternehmensbereich.

ITespresso.de: Wenn Skype also an Unternehmenskunden geht, steckt Citrix drin?
Robert Gratzl: Im Moment noch nicht, denn Skype ist übernommen worden von Microsoft und wir wissen alle nicht so genau, wo da die Reise hingeht und ob Skype ganz tief integriert wird in Microsoft. Die Zusammenarbeit ist jetzt »on hold«, bis Skype wieder so weit ist, dass sie sich wieder selber orientiert haben. Vom Grundsatz her gibt es diese Kooperation nach wie vor und wir würden uns freuen, wenn sie wieder zum Leben erweckt wird.

ITespresso.de: Sie hoffen also, dass Citrix quasi zum Lieferanten für Microsoft wird?

Robert Gratzl: So weit würde ich nicht gehen, denn ist ja ja so, dass Microsoft sowohl in seinem Produkt Lync als auch in Office 365 eine Kollaborationskomponente eingebaut hat. Insofern werden die das schon selber machen. Ich kann mir eher vorstellen, dass Skype nie wieder ein Unternehmensprodukt anbieten wird, also die Komponenten, die da noch Sinn machen, im entsprechenden Windows-Produkt aufgehen werden. Da muss man schon realistisch bleiben! MS und Citrix online sind hier schon Wettbewerber – obgleich Citrix Systems einer der größten Partner von Microsoft ist. Also ist das eine Art »coopetition«. Die Microsoft-Lösung wird immer mehr oder weniger im Intranet-Bereich genutzt werden und weniger die externe Kommunikation abdecken.

ITespresso.de: Also intern mit Microsoft und extern mit Citrix online kommunizieren?

Robert Gratzl: Wir machen viele Meetings mit unserer eigenen Lösung auch intern. Der klassische Weg ist jedoch, dass etwa ein Sales-Mitarbeiter mit dem Kunden letztendlich Online-Konferenzen durchführt. Sie können auch Webinars oder Trainings im HR-Bereich anbieten oder Erstgespräche mit Bewerbern abhalten. Da brauchen Sie die Flexibilität, dass jeder in eine Konferenz einteigen kann.

ITespresso.de: Zurück zum Einstieg von Citrix in Netviewer – damit haben Sie sicherlich auch noch Marktexpansionspläne. Was planen Sie denn zu investieren?

Robert Gratzl: ich will keine absoluten Zahlen nennen, aber Sie müssen sich vorstellen, dass das Marketingvolumen, das wir jetzt ausgeben, ungefähr das Vierfache von dem ist, das Netviewer bisher ausgegeben hat. Wir reden da schon über einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr.

ITespresso.de: Wird auch mehr in die Produktentwicklung gesteckt?

Robert Gratzl: Wir entwickeln hier die Citrix-Online-Produkte und dabei gerade Goto Assist – das ist das Citrix-Support-Flaggschiff im Bereich Helpdesk und Callcenter. Und dann hatte Citrix Online bereits vor zwei Jahren in eine kleine Firma aus Dresden investiert, die VITsoft, und diese entwickelt die Videokomponente innerhalb von Goto Meeting. Da sehen Sie, wie die vielen Entwicklungen ineinander übergreifen.

ITespresso.de: Wenn wir von »ineinander-übergreifen« reden – wie greifen Citix Systems, diwe mehr oder weniger im Thinclient-Geschäft aktiv ist und Citrix Online ineinander über?

Robert Gratzl: In der Vergangenheit war Citrix Systems schon im Enterprise-Bereich verbreitet und Citrix online hatte immer schon seinen Fokus auf den Mittelstandsbereich. So haben diese Unternehmensbereiche nebeneinander her existiert, ohne in größerem Maße zusammenzuarbeiten. Mittlerwise wachsen die Ziele bei beiden immer mehr zusammen. Die Nachfrage von beiden Kundenkreisen ist inzwischen so, dass die Mitarbeiter auch mit ihren eigenen Geräten auf die Firmeninfrastruktur zugreifen wollen – die Botschaften, die beide Unternehmensteile jetzt aussenden, werden immer mehr zusammenwachsen.

ITespresso.de: Bei Collaboration werden deutsche Unternehmen ungern über das angreifbare Internet gehen. Haben Sie für Ihre Kommunikationsdienste ein deutsches Rechenzentrum, um den Kunden Rechtssicherheit zu gewährleisten? Können Sie garantieren, dass alle Daten innerhalb von Deutschland bleiben?

Robert Gratzl: In dem Sinne muss man feststellen, dass wir keine Daten zwischenspeichern, sondern nur eine verschlüsselte Verbindung aufbauen. Wir haben Rechenzentren in der ganzen Welt, auch in Frankfurt; diese brauchen wir überall, damit wir Verbindungen mit guter Qualität ohne hohe Latenzzeiten aufbauen können. Man kommt im Kommunikationsbereich nicht darum herum, in jedem Land eine Infrastruktur vorzuhalten.

ITespresso.de: Aber wenn Sie nicht speichern, kann ich Konferenzen wohl nicht aufzeichnen.

Robert Gratzl: Die Software kann sie lokal aufzeichnen – bei Ihnen. Für die Rechtssicherheit für den Umgang damit sind also Sie selbst verantwortlich.

ITespresso.de: Herr Gratzl, danke für das Gespräch.

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