Viel heiße Luft um Google+

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Kritiker unken, dass Google+ eines Tages eine Geisterstadt sein wird. Clint Boulton glaubt, das dieses Urteil weit überzogen ist.

Man braucht entweder gehörig Mumm oder eine Glaskugel, um den Tod eines mehrere Millionen schweren Software-Projekts zu verkünden, das von einer der führenden Internetfirmen der Welt auf die Beine gestellt wird.

Ehre, wem Ehre gebührt: Der amerikanische Technikjournalist Farhad Manjoo hat in seiner Kolumne im US-Onlinemagazin Slate genau das getan.

Voll mit heißer Luft

Manjoo war seit jeher pessimistisch bezüglich Google+ und will die Blase aus heißer Luft zum Platzen bringen, die Google+ von Anfang an Auftrieb verschaffte: Angefangen vom Feldversuch, der am 28. Juni mit einer begrenzten Benutzergruppe begann, bis zur öffentlichen Beta-Version, die Mitte Oktober folgte und die Nutzerzahlen auf 40 Millionen hochtrieb. Google schaffte all das mithilfe cleveren Marketings und unter Aufbietung von über 120 neuen Features in weniger als fünf Monaten.

Ich wage zu behaupten, dass Google in fünf Monaten in Sachen Funktionalität mit Google+ mehr auf die Reihe bekommen hat als Facebook in seinen sieben Jahren.

Aber egal, wie Manjoo schreibt: Obwohl Google darauf erpicht scheint, ständig neue Features hinzuzufügen, hege ich den Verdacht, dass das Unternehmen damit wohl kaum verhindern kann, dass Google+ zu einer Geisterstadt wird. Google mag dies noch nicht realisiert haben, aber von außen betrachtet wird deutlich, dass der Todeskampf von G+ schon begonnen hat – das soziale Netzwerk wird noch ein Jahr durchhalten, vielleicht zwei, aber irgendwann wird Google ihm den Gnadenschuss geben müssen.

Manjoo argumentiert weiter, dass die Tatsache, dass Google anfangs keine Firmen- und Markenseiten angeboten hat – diese wurden erst am 7. November hinzugefügt -, einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen hat und das Unternehmen sich deswegen den Zorn seiner Anwender zugezogen hat. „Und in der Social-Networking-Branche ist ein schlechter erster Eindruck gleichbedeutend mit einem Todesurteil“, schrieb Manjoo.

Ich bin anderer Meinung. Natürlich kann man die Auffassung vertreten, dass JEDES Produkt oder JEDE Dienstleistung, das oder die unter den Erwartungen bleibt, einen schlechten ersten Eindruck erwecken kann. Und es gibt eine Vielzahl von Produkten, die zum Zeitpunkt der Markteinführung Macken aufweisen und erst im Laufe der Zeit verbessert werden. Dies trifft in der Tat auf die meisten Google-Produkte zu.

Und wenn man Manjoos Metapher auf das Alltagsleben ausdehnen will – Menschen hinterlassen andauernd schlechte erste Eindrücke. Solche Unzulänglichkeiten helfen nicht gerade bei der Jobsuche, aber sie bedeuten auch nicht, dass man sich von einer Klippe stürzen oder den Laden dichtmachen muss. Die soziale Netzwerkwelt ist kein Nullsummenspiel.

Aber wenden wir uns den praktischen Fällen zu. Sicher, Google hat Mashable, Search Engine Land, Ford und mehreren anderen kräftig ans Bein gepinkelt, indem es ihre Unternehmensprofile gelöscht hat. Aber manche, darunter Search Engine Land and Mashable, haben sich davon nicht abschrecken lassen und haben nun Unternehmensseiten auf Google+ gestartet. Das Spiel geht weiter.

Die Unternehmensseiten sehen recht professionell aus, und ich verwette einen Haufen Geld darauf, dass viele Tausende anderer Firmen diesem Beispiel nacheifern werden, genauso wie dies bei Facebook und Twitter geschehen ist.

Unternehmensseiten sind nicht alles. Trip Chowdry, Analyst bei Global Equities, glaubt, dass Google+ Seiten, Google+ Hangout Video-Chats und  der einfache Zugang zu Google+ über Google.com die Mitgliederzahlen von Google+ dieses Quartal auf bis zu 60 Millionen anwachsen lassen wird, falls dies nicht schon geschehen ist.

Man möge es mir also nachsehen, wenn ich etwas skeptisch bin, was die Skepsis bezüglich Google+ betrifft. Google macht seine Zukunft vom Erfolg seiner Marke Google+ abhängig, zumindest laut dem langjährigen Google-Beobachter John Battelle. Google wird Google+ nicht kampflos sterben lassen.

Und in der Tat teilte mir ein Google-Sprecher gestern Abend mit: “Erst vor knapp über vier Monaten haben wir Google+ vorgestellt und bis jetzt sind wir von der Resonanz und dem Nutzeraufkommen begeistert. Die Plattform steckt noch in den Kinderschuhen, aber unser Ziel ist es, das gesamte Google-Nutzererlebnis zu transformieren, es einfach und ansprechend zu gestalten, da wir wissen, was Nutzer wollen und sofort entsprechende Ergebnisse liefern können. Das bedeutet, dass Nutzeridentität und das Teilen von Inhalten fester Bestandteil unserer Produkte ist, so dass wir eine echte Beziehung zu unseren Nutzern aufbauen können.”

Schließlich werden Sie auf Google+ nicht nur Kontakte knüpfen und pflegen können und dabei Informationen austauschen. Sie werden Angebote von Google Offers wahrnehmen und weiß Gott was sonst noch alles tun können. Google+ wird zu einer zentralen Drehscheibe für Suche, Soziale Netzwerke und E-Commerce werden.

Google+ läuft sich gerade erst warm.