Neue Top-Level-Domains: Das eigene Stück Internet

Allgemein

Nachdem die ICANN die Einführung neuer Top-Level-Domains beschlossen hat, ist der Weg frei für Hunderte neuer Domain-Endungen. Für Unternehmen tun sich spannende Perspektiven auf, können sie sich doch ein eigenes Stück Internet sichern, in dem sie die Regeln machen.

Neben den 22 generischen TLDs wie .com und .org und den rund 250 länderspezifischen TLDs wie .de und .fr werden bald zahlreiche weitere Domain-Endungen das Internet bevölkern. Denn Ende Juni machte die ICANN nach jahrelangem Ringen den Weg für neue Top-Level-Domains frei – beliebige Endungen sind künftig möglich, die nicht nur ASCII-Zeichen enthalten können, sondern alle, die auch bei Internationalized Domain Names (IDN) zum Einsatz kommen dürfen.

Welche neuen Top-Level-Domains letztlich von der ICANN akzeptiert werden, bleibt abzuwarten, einige Endungen gelten jedoch als sehr wahrscheinlich. Dazu zählen geografische Regionen (.berlin oder .bayern), generische Endungen (.hotel oder .music) und Markennamen (.microsoft oder .canon).

Vom 12. Januar 2012 bis zum 12. April 2012 können sich Firmen und Organisationen für eine neue TLD bewerben. Prinzipiell steht eine Bewerbung zwar auch Privatleuten offen, doch wie Markus Eggensperger von United Domains gegenüber ITespresso.de erklärt, dürfte es realistischerweise kaum dazu kommen. Schließlich wird eine Bewerbungsgebühr von 185 000 Dollar fällig, es müssen diverse Prüfberichte vorgelegt werden und schließlich bedarf es auch einiger technischer Voraussetzungen, um eine TLD zu betreiben. Die Kosten für den Betrieb einer neuen TLD schätzt Eggensperger auf einen mittleren sechsstelligen Betrag im ersten Jahr und einen hohen fünfstelligen bis niedrigen sechsstelligen Betrag in den folgenden Jahren.

Starke Community oder starke Marke

Was die neuen TLDs für Firmen so attraktiv macht, ist die Tatsache, dass sie als Betreiber einer TLD auch die Regeln für die Vergabe von Adressen unterhalb dieser TLD festlegen können. Man sei »Herrscher über einen mehr oder weniger kleinen Teil des Internets«, wie Eggensberger es ausdrückt. Er hat auch einen passenden Vergleich parat: »Wenn Domains die Grundstücke im Internet sind, dann sind TLDs die Staaten.« Statt sich wie bisher nur einzelne Grundstücke zu sichern, erhielten Unternehmen einen eigenen Staat, in dem sie die Vergabe der Grundstücke regeln. Das sei eine »wahrscheinlich einmalige Gelegenheit«.

Wer nun allerdings fürchtet, einige Unternehmen könnten sich unzählige generische Begriffe sichern, um sie exklusiv zu nutzen, der kann beruhigt sein. Denn gerade bei generischen Begriffen wie .reise oder .shop ist davon auszugehen, dass es mehrere Bewerber gibt. Diesen obliegt es dann, darzustellen welche Community hinter der TLD steht, denn die ICANN bevorzugt starke Communities. Einfach gesagt: je restriktiver die Vergabe der Domains unterhalb einer TLD erfolgen soll, desto kleiner die Community und desto kleiner damit auch die Chancen, eine TLD zugesprochen zu bekommen – vorausgesetzt, es gibt andere Bewerber.

Da während der Bewerbungsphase nicht öffentlich gemacht wird, wer sich um welche TLD bewirbt, muss jeder Bewerber selbst abschätzen, wie stark er auf eine mächtige Community angewiesen ist. Schließlich könnten sich auch mehrere Firmen in einem Konsortium zusammentun, um ihre Chancen zu steigern. Ringen Bewerber mit ähnlich starken Communities um eine TLD, wird laut Eggensperger eventuell sogar per Auktionsverfahren über die Vergabe entschieden.

Etwas klarer ist alles bei Markennamen: hier hat der Markeninhaber die besten Aussichten, selbst wenn er die Vergabe von Domains später restriktiv handhabt oder die neue TLD allein nutzt. Voraussetzung ist allerdings eine starke Marke – niemand wird beispielsweise Microsoft eine mögliche TLD .microsoft streitig machen können. Schwieriger ist es bei schwachen Marken, wenn diese Gattungsbegriffen entsprechen oder es in anderen Wirtschaftsbereichen Marken des gleichen Namens gibt. Hier wird es spannend zu sehen, wer von der ICANN den Zuschlag erhält. »Je stärker die Marke, desto klarer die Zuteilungschance und desto weniger muss sich der Bewerber bei den Registrierungsrichtlinien festlegen«, fasst Eggensperger zusammen.

(Quelle kleines Bild oben: phecsone – Fotolia.com)


Laut Eggensperger gehen Insider davon aus, dass es rund 500 neue TLDs geben wird – bei dieser Marke lägen wohl die Prüfressourcen der ICANN. Ob die ICANN mit Bewerbungen geflutet werde, sei noch nicht abzuschätzen. Falls ja, gäbe es in ein paar Jahren wahrscheinlich weitere Bewerbungsrunden.

Registrierung ab 2013, Vorregistrierung schon jetzt

Die Allgemeinheit kann Domains mit den neuen Endungen voraussichtlich ab Anfang 2013 registrieren – die meisten dürfte es ganz normal bei Hosting- und Domain-Providern geben, so sich die Betreiber der TLDs nicht für eine restriktive Vergabe oder gar eine exklusive Nutzung entscheiden. Bei United Domains rechnet man mit Preisen zwischen 20 und 70 Euro pro Jahr und Domain. Beim Domain-Spezialisten lassen sich ebenso wie bei InterNetX bereits unverbindlich Domains mit einigen neuen TLDs vorbestellen. Wenn dann später die Registrierungsregularien und Preise feststehen, kann der Kunde die Vorbestellung bestätigen und der Anbieter versucht, die Domain zu registrieren. Dass er letztlich zum Zuge kommt, kann er allerdings nicht garantieren, denn auch von anderen Providern wird es Versuche geben, die Domains für ihre Kunden gewinnen. Immerhin kann man sich jedoch durch die Vorbestellung bereits einen Platz ganz vorne in den Warteschlangen sichern.

Laut United Domains stoßen die neuen TLDs auf großes Interesse: in den USA hat man bereits über 400 000 Vorbestellungen erhalten, in Deutschland knapp 300 000. Gegenüber ITespresso.de betonte Markus Eggensperger, wie wichtig es für Firmen sei, sich bereits jetzt eine klare Domain-Strategie zu überlegen. Es gehe nicht nur darum, ob man eine eigene TLD wolle, sondern auch welche Domains man mit den neuen TLDs später registriere und welche Inhalte man dort anbiete. Mit den neuen TLDs habe man die Chance, sehr gezielt Kunden anzusprechen.

Konferenz zu neuen TLDs mit ICANN-Chef Crocker

Mehr Informationen zu den neuen Top-Level-Domains wird es am 26. und 27. September 2011 in München auf der Veranstaltung »newdomains.org – The Munich Conference on new TLDs« geben. Sie bringt nicht nur zahlreiche internationale Experten nach München, sondern auch den neuen ICANN-Chef Stephen Crocker, der die Eröffnungskeynote halten wird.

Mit ITespresso.de können Sie sich zu vergünstigten Konditionen für die Konferenz registrieren. Am 27. September wird dort von 14:45 bis 15:55 Uhr ein Diskussionspanel zum Thema »Apps & Facebook vs. Domains« stattfinden, bei dem Experten, darunter auch ITespresso.de-Redakteur Manfred Kohlen, darüber diskutieren, inwieweit proprietäre Systeme und geschlossene Infrastrukturen dem klassischen Web Konkurrenz machen.