HPs Panikreaktion kommt nicht gut an

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In der vergangenen Woche gab HP plötzlich seinen Plan bekannt, aus dem Endkundenmarkt auszusteigen. Was denkt sich das Unternehmen dabei nur?

HP teilte am 18. August mit, aus dem Geschäft mit Privatkunden auszusteigen, indem man die neu aufgestellte Mobile-Abteilung auflöst und versucht, die PC-Abteilung zu verkaufen. Man fragt sich unweigerlich, wie überlegt das Management diesen Schritt anging. Die plötzliche Ankündigung fühlt sich nach einer Panikreaktion an, die aufgrund kurzfristiger Marktmisserfolge entstand.

Noch am Tag vor der Ankündigung warb HP für sein neues TouchPad und schrieb, wie toll die webOS-Welt sein wird und wie das Betriebssystem in allen Geräten – angefangen vom Handy bis hin zu Kühlschränken – integriert wird.

Dann beendete HP das Unterfangen auf einmal fristlos. Der Richtungswechsel kam so schnell, dass noch E-Mails von HP mit TouchPad-Verkaufsofferten verschickt wurden, als schon alles vorbei war. Offensichtlich hat sich HP entschieden, den gleichen Weg wie IBM zu gehen und sich auf Rechenzentren, Unternehmenssoftware sowie Server und Speichersysteme zu spezialisieren. Verständlich, da es sich dabei um margenstarke Märkte handelt und HP findet wie jedes Unternehmen an so etwas Gefallen. Aber ist das die richtige Herangehensweise?

Parallelen zu IBM?

Viele Analysten haben HP in die Richtung von IBM gerückt, die das Privatkundensegment vor einigen Jahren ebenfalls verließen. Aber es gibt deutliche Unterschiede in der Art und Weise, wie das bei IBM geschah und wie HP jetzt mit der Situation umgeht.

Zuerst einmal war IBMs Schritt sehr gut geplant und wohl überlegt. Das PC-Geschäft wurde auf Lenovo übertragen, die seit Jahren ThinkPads und IBM PCs bauten. Der Übergang wurde von einem 5-Jahresplan begleitet, der immer noch in Gange ist. Wer technische Unterstützung für sein ThinkPad sucht, kriegt sie immer noch von IBM.

Im Gegensatz dazu steht HPs Verhalten. Es gibt keinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan. Kein Unternehmen, das die HP-Notebooks und Desktops übernimmt. Es ist nicht sicher, welche Produktlinien eingestampft werden, welche an andere Hersteller verkauft werden und was mit den Kunden und ihrem Bedarf nach technischer Unterstützung passiert.

Es gibt keine Informationen darüber, was mit webOS oder den Touchpads geschieht, die die Kunden bereits erworben haben im guten Glauben, dass HP Support leistet und die App-Entwicklung unterstützt.

»Ich schätze, dass sie sich entschieden haben, die nächste Innovationswelle in einem schönen klimatisierten Rechenzentrum abzuwarten«, sagte Carl Howe von der Yankee Group. Der Schritt sei reaktionär gewesen, meint Howe und verweist darauf, dass er schwere Auswirkungen auf den PC-Markt und den für mobile Endgeräte haben wird. »Der Markt für mobile Betriebssysteme wurde stark konsolidiert. Wir haben nun anstelle von sechs Smartphone-OS nur noch vier.«

Ausstiegsstrategien

Howe merkte an, dass die Schließung der Mobile-Abteilung heftige Auswirkungen auf die Patentsituation haben wird, die sowieso schon ins Chaos abgeglitten ist. Palm hielt mehr als 1500 Patente in diesem Bereich und dazu kommen noch die Patente von HP und Compaq. »Ich würde mir das Patentportfolio sehr genau ansehen«, meinte Howe.

HP sollte auch auf seine Kunden achten. IBMs gut geplante Abwicklung des PC-Geschäfts sollte eine Panik verhindern. Die Kunden wussten weit im Voraus, was passieren würde. Ihnen war bekannt, dass die Produkte die gleichen bleiben werden, auch wenn sich das Logo ändert und dass IBM alles weit im Voraus geplant hat. Sogar die Kunden, die keine ThinkPads kauften, waren zuversichtlich, dass IBM jedes erdenkliche Problem damit aus dem Weg räumen wird.

HP scheint im Gegensatz dazu die Unsicherheit eher zu fördern. Einen solchen Schritt ohne exakte Planungen zu unternehmen, kommt dem Kapitän eines Öltankers gleich, der bei voller Fahrt seinem Steuermann befielt, das Ruder herumzuwerfen. Jeder der sich mit der Seefahrt auskennt, weiß, dass das keine gute Idee ist. Und genau so ist es mit HP.

Schlimmer noch: Als CEO Leo Apotheker den plötzlichen Richtungswechsel anordnete, war er noch von den Überbleibseln seines Vorgängers Hurd umgeben. Auch wenn die Übernahme von Autonomy augenscheinlich in HPs langfristige Pläne passt, lässt die Aufgabe des Mobile-Bereichs und der geplanten Veräußerung der PC-Sparte Anteilseigner und Kunden daran zweifeln, ob sie ihr Geld richtig investiert haben oder HP überhaupt den richtigen Mann für die Führung ausgewählt hat.

Vertrauensbruch

HPs Börsenwert ist mittlerweile stark gesunken und entspricht nur noch etwa dem Fünffachen eines Jahresumsatzes. Das ist extrem wenig und ein historischer Tiefstand für die Aktie. Der Wertverlust hat sich auf über 20 Prozent aufsummiert, seitdem die neuen Pläne veröffentlicht wurde. Man kann nur ahnen, was HPs Investoren denken, aber vielleicht gehört dazu auch das Bedauern, sich überhaupt an HP beteiligt zu haben.

Man darf sich auch fragen, was die Kunden wohl denken. Im Gegensatz zu IBMs Maßnahmen, die Gewissheit brachten, müssen sich HPs Kunden fragen, ob die Produkte, die sie seit Jahren kaufen, nun plötzlich ohne Warnung über Bord geworfen werden.

Seien wir ehrlich: Wenn man eine Anschaffung plant, würde man dann jetzt HP-Hardware kaufen, ohne zu wissen, ob das Produkt nicht zusammen mit dem Support an eine unbekannte Firma ausgelagert oder im schlimmsten Falle ganz aufgegeben wird? HP hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht und sollte nun auch die Konsequenzen tragen, inklusive einer Rückerstattung für alle, die im guten Glauben HP-Produkte erworben haben.