webOS war von Anfang an zum Scheitern verurteilt

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Hewlett-Packard gibt das vieldiskutierte mobile Betriebssystem webOS auf oder plant seinen Verkauf. Ein Analyst bei Gartner meinte jedoch, dass webOS niemals eine Chance hatte. Ein vorauseilender Nachruf von Nicholas Kolakowski.

Weniger als zwei Jahre ist es her, dass Hewlett-Packard Palm für 1,2 Milliarden US-Dollar (rund 800 Millionen Euro) kaufte, und erst vor einigen wenigen Monaten stellte HP ehrgeizige Hardware-Pläne rund um Palms webOS vor. Doch nun kündigt HP an, sich von dieser Strategie zu verabschieden – und zwar zu 100 Prozent.

Wenn webOS einen langsamen Tod stirbt oder von einem anderen Unternehmen gekauft wird, das die Software nicht auf den neuesten Stand bringt und in neue Geräte integriert, hat dies für eine Reihe von Firmen handfeste Vorteile. Apple hätte sich damit einen Konkurrenten für seine iPad- und iPhone-Produkte bereits im Anfangsstadium vom Hals geschafft. Microsoft müsste nicht länger bangen, dass ein anderes Betriebssystem versucht, Windows das Revier streitig zu machen. Research In Motion und Google könnten sich über einen potenziell größeren Kundenkreis für ihre jeweiligen Tablet- und Smartphone-Produkte freuen.

HP hat das Nachsehen
HP schien große Pläne für webOS zu haben. Aber zumindest ein Analyst glaubt, dass das Betriebssystem nie eine echte Chance gegen seine größten Mitbewerber hatte, besonders Apple.

»Sie versuchten, auf den Zug aufzuspringen«, schrieb Mark Margevicius, Analyst bei Gartner, in einem Bericht. »Bei Apple versuchten sie, auf den ICE aufzuspringen. Ein unmögliches Vorhaben.«

Die webOS-Implosion kam für viele überraschend.

»HP plant, anzukündigen, dass die Aktivitäten um webOS-Geräte, namentlich das Touchpad [Tablet] und webOS-Handys, eingestellt werden«, lautete eine Mitteilung, die vor der Bekanntgabe der Geschäftszahlen veröffentlicht wurde. »HP wird weiterhin nach Möglichkeiten suchen, den Wert der webOS-Software zu optimieren.« Die Kosten für den Restrukturierungsprozess und das Stilllegen der webOS-Produktion gehen zu Lasten des Nettogewinns des vierten Quartals 2011.

Das Unternehmen teilte nicht mit, ob die Besitzer von TouchPads und webOS-Smartphones weiterhin Support für ihre Geräte erhalten werden. Sicherlich sind die Entwickler für die webOS-Plattform nicht wenig besorgt um die Zukunft des Betriebssystems. In den letzten paar Monaten ist HP offensiv mit einem Zukunftsplan für webOS an die Öffentlichkeit getreten, der vorsah, das Betriebssystem nicht nur auf Tablet-PCs und Smartphones zu etablieren, sondern auch auf Laptop- und Desktop-Rechnern.

Hoffnung auf Lizensierung begraben
HP-Chef Leo Apotheker hatte bereits vorher keinen Hehl aus seinen Plänen gemacht, webOS zukünftig an andere Hersteller zu lizenzieren. Er teilte in einem Bloomberg-Bericht vom 9. März mit, dass ein solcher Schritt dazu beitragen könne, eine »umfassende Software-Plattform« zu schaffen. In jenem Monat kündigte das Unternehmen an, dass es 2012 auf allen Desktopcomputern und Notebooks webOS installieren würde. Und noch diese Woche teilte ein Mitglied der HP-Geschäftsleitung dem Wall Street Journal mit, dass das Betriebssystem auch in Haushaltsgeräten und Autos Einzug halten könnte.

»Wir wollen unsere Basis verbreitern und der webOS-Gemeinde ein Ökosystem zur Verfügung stellen, das die Entwickler begeistert«, gab Stephen DeWitt, Leiter der webOS-Sparte, gegenüber dem Wall Street Journal bekannt, wobei er allerdings keine konkreten Namen von Fertigungspartnern nannte.

Es gab auch Anzeichen dafür, dass webOS und die damit verbundenen Geräte unter schwerwiegenden Absatzproblemen litten. Eine ungenannte Quelle, die mit Arik Hesseldahl von der Webseite AllThingsD sprach, behauptete: »An Best Buy wurden 270.000 TouchPads ausgeliefert, und bislang wurden dort nur 25.000 verkauft«. Angeblich soll diese Quelle Zugang zu betriebsinternen HP-Berichten haben.

HP prüft auch »strategische Alternativen für seinen Bereich Personal Systems Group (PSG)«, die PC-Abteilung, darunter auch die Option, die Abteilung auszulagern. Das, zusammen mit dem jähen Ende des webOS-Ökosystems, scheint der Anfang eines Plans zu sein, die Aktivitäten des Unternehmens zu konsolidieren, wobei Dienstleistungen und Software im Mittelpunkt stehen. Damit schlägt HP in vieler Hinsicht denselben Weg ein, den IBM schon vor einigen Jahren beschritt.

Noch vor ein paar Tagen bekräftigte ein Mitglied der HP-Geschäftsführung, dass webOS ein ernsthafter Rivale sei. Nun wird das Unternehmen zweifellos versuchen, die Plattform an eine andere Firma in diesem Marktsegment zu lizenzieren oder zu verkaufen.