Office 365: Microsoft am Scheideweg

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Office 365 ist Microsofts erster Vorstoß in den Bereich Cloud Computing und birgt beträchtliche Risiken für das Unternehmen, meint Nicholas Kolakowski.

Schon seit einiger Zeit setzen Microsoft-Chef Steve Ballmer und seine Führungsmannschaft alles auf die Cloud. Diese Strategie sieht einen allmählichen Umstieg von Desktop-basierter Software hin zu Online-Abonnementdiensten vor, bei denen Unternehmen einen festen monatlichen Betrag zahlen, um Daten zu speichern und auf Anwendungen, die auf den Microsoft-Servern installiert sind, zugreifen zu können. Theoretisch heißt dies, dass Unternehmen dadurch keine lokalen Server und andere IT-Infrastrukturkomponenten mehr benötigen (und ihnen dadurch die manchmal mühselige Update-Prozedur erspart bleibt, da die Updates nun über die Cloud erfolgen). Für Microsoft hat dieses Modell den Vorteil, dass Kunden dadurch in Abonnenten umgewandelt werden, die jeden Monat ihren Beitrag zahlen, wodurch ein steter Einnahmestrom entsteht.

Collaboration für KMU

Die Endfassung von Office 365 wurde Ende Juni vorgestellt und stellt Microsofts bislang wagemutigsten Versuch dar, diese Strategie in die Tat umzusetzen. Die Redmonder haben die BPOS (Business Productivity Online Suite) in Office 365 umbenannt und verbinden mit diesem Produkt Microsoft Office, SharePoint Online, Exchange Online und Lync Online zu einer Plattform, die zwischen 5,25 und 25,50 Euro pro Monat kostet, je nach Funktionsumfang. Integriert in diese Suite ist Office 365 Marketplace, in dem eine Vielzahl von Apps zur Produktivitätssteigerung sowie professionelle Dienste angeboten werden.

Am 28. Juni betrat Ballmer eine Bühne in New York, um dort die Endfassung von Office 365 vorzustellen. »Wir glauben, dass zu einer effektiven Zusammenarbeit bei einem Projekt mehr gehört als günstige Gruppendynamik«, teilte er dem Publikum mit, das aus Pressevertretern, Analysten und Unternehmern bestand. »Es geht um den unmittelbaren Zugriff auf die nötigen Informationen … und dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit das Richtige tun.«

Die Launch-Veranstaltung und das Pressematerial vermitteln den Eindruck, dass Microsoft Office 365 primär als Lösung für kleine und mittlere Unternehmen positionieren will. Sollte dies zutreffen, befände sich dieser neue Dienst auf Kollisionskurs mit Google Apps, für die KMU als Hauptzielgruppe gelten.

Die Frage ist, ob Microsoft seine langjährige Präsenz im Business-Umfeld dazu nutzen kann, um Googles Vorstöße in den Bereich Produktivitätssoftware ins Leere laufen zu lassen. Analysten halten dies für unwahrscheinlich, zumindest kurzfristig.

»Obwohl Microsoft Google mit Office 365 einen erbitterten Kampf angesagt hat«, schrieb Matthew Cain, Analyst bei Gartner, am 28. Juni in einer E-Mail an die Redaktion, »stellt diese Software-Suite keine echte Gefahr für Google dar, da Microsoft damit das Modell, das Google mit Google Apps als erstes Unternehmen in den Markt eingeführt hat, im Prinzip anerkennt.«

Er deutete ebenfalls an, dass Office 365 erst die Aufmerksamkeit auf Google Apps als echte Alternative lenken könnte. Aber selbst dann könnte es noch einige Zeit dauern, bis Unternehmen sich mit dem Cloud-Produktivitäts-Modell stärker anfreunden. »Was Unternehmen brauchen, um Cloud-basierte Produktivitäts- und Collaboration-Tools in vollem Umfang für sich zu entdecken, ist vor allem eines: Zeit«, schrieb Cain.

Umerziehung des Marktes

Laut einem anderen Analysten muss Microsoft jedoch in Sachen Cloud schneller Nägel mit Köpfen machen.

»Microsoft tut sich schwer, Mehrwert zu demonstrieren angesichts der Tatsache, dass Google sich das Motto ‘kostenlos’ auf die Fahnen geschrieben hat«, teilte Rob Enderle, Chefanalyst bei Enderle Group, der Redaktion am 27. Juni per E-Mail mit. »Sie müssen ihren Markt umerziehen, und zwar schnell. Aber [sie] betrachten dies nicht als Marketing-Problem, sondern als Problem des Produktes – – daraus ergibt sich, dass sie sich Googles Spielregeln zu eigen gemacht haben.«

Microsofts angestammte Geschäftsbereiche laufen relativ gut, Office 2010 und Windows 7 tragen entscheidend zum Unternehmensumsatz bei. Es gibt jedoch in der Leistungsbilanz der Firma kaum Hinweise darauf, dass die Cloud-Initiativen kurzfristig beträchtlichen Umsatzzuwachs erwirtschaften werden.

Microsofts Führungsmannschaft hat bislang noch keine belastbaren Zahlen bekanntgegeben bezüglich Akzeptanzraten der Cloud-Technologie im Business-Bereich. Sollte sich Office 365 als Erfolg herausstellen, könnte dies für Microsoft der ersten Schritt in die Gewinnzone bei seinen Cloud-Produkten und -Dienstleistungen sein – und gleichzeitig würde es den Beweis liefern, dass das Unternehmen mit seiner »Alles auf die Cloud«-Strategie richtig liegt.