HP vs. Oracle: Der Gewinner heißt IBM

CloudKomponentenNetzwerkeServerWorkspace

Laut Einschätzungen von Analysten wird wahrscheinlich IBM von der Auseinandersetzung zwischen Oracle und HP profitieren, denn das Unternehmen kann bei Großkunden mit Stabilität punkten.

Hewlett-Packard hat vor kurzem Klage gegen Oracle eingereicht wegen der Entscheidung des Software-Giganten, die Unterstützung für Intels Itanium-Plattform auslaufen zu lassen. HP hat diese Entscheidung offiziell zum zynischen Schachzug seitens Oracle erklärt, um Kunden auf diese Weise zum Umstieg auf SPARC-Hardware zu zwingen, deren Absatz derzeit eher schleppend läuft.

Die Klage ist nur der letzte Schritt in einem sich schon länger hinziehenden Drama, in dessen Zentrum die zerrüttete Beziehung der beiden ehemaligen Geschäftspartner steht. Die Querelen begannen, als Oracle letztes Jahr für rund 7,4 Milliarden US-Dollar Sun Microsystems übernahm. Für weitere Spannungen sorgte das Bäumchen-wechsle-Dich in den Vorstandsetagen – der frühere HP-Chef Mark Hurd ging zu Oracle, der frühere Oracle-Manager Ray Lane wechselte in den Vorstand von HP, und Léo Apotheker, Oracles Erzfeind aus seiner Zeit als Chef von SAP, trat als Nachfolger von Hurd an die Spitze von HP.

Oracles Entscheidung gegen die Itanium-Plattform, die im März bekannt gegeben wurde, und HPs darauf folgende Reaktion trübten die Stimmung nur noch weiter.

Der Streit zwischen HP und Oracle vergrätzt Kunden

Wer steht nun in diesem Schlagabtausch zwischen diesen beiden High-Tech-Titanen am Ende als Gewinner da? Laut der Einschätzung zweier Analysten sei dies angeblich IBM. Big Blue konnte bereits Unix-Kunden von HP und Oracle davon überzeugen, auf seine hauseigene Power-Serie umzusteigen, dank seiner aggressiven Migrationsangebote. Die Analysten glauben, dass sich angesichts der gescheiterten Geschäftsbeziehungen zwischen HP und Oracle ein Gefühl der Unsicherheit bezüglich der beiden Firmen eingestellt habe, das durchaus dazu geeignet sei, Großkunden zu vergrätzen, denen es angesichts der unklaren Situation etwas mulmig geworden sei.

»Anstatt Oracle einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, wie es wohl die Hoffnung des Datenbankspezialisten gewesen war, hat der Streit mit HP IBM die beispiellose Gelegenheit verschafft, HPs und Oracles Großkunden mit Migrationsangeboten ins Visier zu nehmen, die zum Ziel haben, für immer das Gefühl der Unsicherheit und die Gefahren aus der Welt zu beseitigen, die dann entstehen, wenn Hersteller ihre Kleinkriege offen austragen und damit die Sicherheit von geschäftskritischen Rechensystemen aufs Spiel setzen«, teilte Rob Enderle, Chefanalyst von The Enderle Group, am 22. Juni mit.
Roger Kay, Chefanalyst bei Endpoint Technologies Associates, stimmt dieser Einschätzung zu. »Diese Auseinandersetzung war ein Glücksfall für IBM. Das Unternehmen kann nun die Unsicherheit bezüglich der Zukunft der Itanium-Plattform ausnutzen und reihenweise Kunden von HP und Oracle (früher Sun) abwerben«, schrieb Kay am 22. Juni in einer Kolumne auf Forbes.com.

»IBM hat diesen Prozess in feste Formen gegossen und den daraus entstandenen Ansatz STG Power Migration Factory genannt; das Ziel der Migration Factory ist es, die Kunden von Wettbewerbern zum Umstieg auf Power-basierte Serversysteme zu bewegen. IBM konnte seinen Vorsprung im UNIX-Servermarkt in den letzten paar Jahren stetig ausbauen und hat damit Hunderte von Mitbewerber-Systeme pro Jahr ausgeschaltet. Selbst wenn Oracle nachgeben und den Support [für die Itanium-Plattform] weiterführen sollte, wird bei den Kunden ein mulmiges Gefühl zurückbleiben und sie werden sich fragen, wie es mit der Supporttiefe bestellt sein wird. Und selbst wenn die Klage wirklich zu einem Prozess führen und HP diesen Prozess gewinnen sollte, wird die Unterstützung zu spät kommen. Großkunden mögen keine unsicheren Verhältnisse.«

Stellt Intel die Itanium-Plattform ein?

Oracle ließ im März verlauten, dass man keine Software mehr für Intels Itanium-Plattform entwickeln würde, da man glaube, dass Intel die Weiterentwicklung der umstrittenen Chiptechnologie zugunsten seiner x86-basierten Xeon-Prozessoren einstellen würde. Damit ist Oracle nach Microsoft und Red Hat der dritte große Softwarehersteller, der die Itanium-Plattform nicht mehr unterstützt.

Intel-Vertreter haben angesichts der Behauptungen von Oracle schnell abgewiegelt und erklärt, dass die es eine langfristige Entwicklungsplanung für den Itanium gebe, die mehrere Jahre abdecke. HP, der bei weitem größte Abnehmer von Itanium-Prozessoren, kritisierte Oracle heftig und warf dem Unternehmen vor, die IT-Infrastruktur von Kunden zu gefährden mit der Absicht, dadurch das schwächelnde SPARC-Hardware-Geschäft anzukurbeln, das der Datenbankriese bei der Übernahme von Sun geerbt hat. Zirka 140000 Großunternehmen sind sowohl bei HP als auch bei Oracle Kunde, und viele davon nutzen Oracle-Datenbanken. In der Klageschrift, die am 15. Juni eingereicht wurde, wirft HP Oracle vor, dass die Entscheidung, die Itanium-Plattform nicht länger zu unterstützen, einen Vertragsbruch darstelle.

Enderle scheint sich eher auf der Seite von HP zu schlagen, da er sagt, dass »die Tatsache, dass Oracle den Itanium fallen lässt… einen Bruch mit der gängigen Praxis im Enterprise-Bereich darstellt, dass ein Hersteller dieses Kalibers eine Technologie üblicherweise 10 Jahre lang nach ihrem Auslaufen weiter unterstützt – IBM und HP tun dies routinemäßig. Oracle hätte seine Unterstützung fünf Jahre nach der Abkündigung der Itanium-Plattform durch HP und Intel einstellen können, aber dies zu tun, bevor eine entsprechende Entscheidung offiziell bekannt gemacht oder getroffen wurde, ist so noch nie dagewesen und vermittelt den Eindruck, dass Oracle unter Umständen nicht mehr zum Kreis der echten ‚Enterprise’-Hersteller zählt.«

Kay ist sich da nicht so sicher. Seit der erste Chip aus der Prozessorfamilie namens Merced 2001 mit dreijähriger Verspätung auf den Markt kam, ist die »Itanium-Plattform ein Schandfleck, die Zielscheibe von Witzen in der IT-Branche und hat bei den Analystenfirmen, die dem Prozessor ein großes Marktpotenzial bescheinigt hatten, für ein peinliches Erwachen gesorgt«, so Kay. »Die Prognosen wurden nie erfüllt und allmählich entzog die Branche ihre Unterstützung.«

Intel muss den Itanium wegen HP weiterentwickeln, aber angesichts der High-End-Features seiner neuesten Xeon-Prozessoren ist klar, das Intel zukünftig auf die x86-Prozessoren setzen wird. »Obwohl sein Ende schon häufig vorhergesagt wurde und er bisher trotzdem überlebt hat, wird der Itanium irgendwann über die Klinge springen«, schreibt Kay. »Es wäre unklug von Oracle, wertvolle Ressourcen zu vergeuden, um diese Plattform weiterhin zu unterstützen.«

IBM ist der lachende Dritte

Unabhängig davon, welcher Hersteller nun in dieser Auseinandersetzung das Rennen machen wird, kommen sowohl Enderle als auch Kay zu dem Schluss, dass Großkunden am Ende zu der Überzeugung gelangen könnten, dass sie von dem Drama um HP und Oracle genug haben und sich IBM und seiner Power-Plattform zuwenden könnten. »Obwohl HP den Streit nicht angefangen hat, wirken sich die fortdauernden Reibereien mit Oracle zugunsten von IBM aus und lassen das Unternehmen als den reifsten und stabilsten Enterprise-Hersteller erscheinen«, schreibt Enderle.

Und der Unix-Markt ist von hoher Relevanz. Obwohl der x86-Servermarkt am schnellsten wächst, sind Unix-Server weiterhin gefragt. Der Umsatz bei Unix-Servern wuchs im ersten Quartal um 12,5 Prozent auf 2,6 Milliarden US-Dollar an, dies entspricht laut den Zahlen des Marktforschungsunternehmens IDC 21,8 Prozent des gesamten Umsatzes im Server-Segment.

Zusätzlich weist eine Umfrage der Gabriel Consulting Group vom Juni darauf hin, dass die meisten Unternehmen Unix-Server unterschiedlicher Hersteller im Einsatz haben. Nur 20 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf einen einzigen Hersteller als Standard setzen würden.

»Die drei großen Hersteller – HP, IBM und Oracle – versuchen stets, Kunden davon zu überzeugen, ihr jeweiliges Unix-Derivat als Standard im Unternehmen einzuführen, aber bislang haben diese Anstrengungen noch keine große Wirkung gezeigt«, teilt Dan Olds, Chefanalyst bei Gabriel Consulting, in einer Pressemitteilung mit. »Die meisten Kunden haben wenigstens zwei Unix-Varianten in ihren Rechenzentren im Einsatz, und beinahe die Hälfte setzen alle drei ein.«