Das Erdbeben in Japan könnte die Halbleiter-Branche verändern

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Das Erdbeben in Japan sowie der darauf folgende Tsunami und die Störfälle im Kernkraftwerk Fukushima könnten für Umwälzungen in der Halbleiter-Branche sorgen.

Das gewaltige Erdbeben und der Tsunami, die Japan am 11. März erschütterten und deren Auswirkungen auch für die Pazifik-Anrainerstaaten spürbar waren, könnten laut Analysten kurzfristig beträchtliche Auswirkungen auf die Halbleiter-Branche haben.
Ein Großteil der globalen Halbleiterproduktion ist in Japan und Taiwan angesiedelt. Analysten haben in verschiedenen Berichten mitgeteilt, dass selbst die geringsten Ausfallzeiten großen Einfluss auf die Chip-Produktion und -Preise haben können.

Das Erdbeben mit einer Stärke von 8,9, das vom Japanischen Wetterdienst als das größte in der japanischen Geschichte bezeichnet wurde, traf die Region am 11. März. Das gewaltige Erdbeben löste eine Reihe von Nachbeben aus, manche davon hatten eine Stärke bis zu 6,6, sowie einen Tsunami, der das Inselvolk mit voller Wucht traf und dessen Auswirkungen noch in abgeschwächter Form an der Westküste der USA spürbar waren.

Die Abschätzung der Schäden ist immer noch im Gange; die Technologieunternehmen sind derzeit angeblich hektisch darum bemüht, die Betriebsschäden an ihren Fabriken in der Region zu bewerten.

Erdbeben: Ein schwerer Schlag für die Halbleiter-Branche

Laut Jim Handy, Analyst beim Markforschungsunternehmen Objective Analysis, das sich auf die Halbleiter-Branche spezialisiert hat, werden mehr als 40 Prozent aller NAND-Flash-Speicherchips und zirka 15 Prozent des Weltbedarfs an DRAM in Japan gefertigt. Das Land ist zugleich einer der wichtigsten Lieferanten von Halbleiterelementen, die zur Herstellung von stark nachgefragter Verbraucherelektronik wie Smartphones, Tablet-PCs und PCs benötigt werden.

»Ein zweiwöchiger Ausfall würde bedeuten, dass ein großer Teil der genannten Speicherbausteine nicht für die Produktion zur Verfügung steht«, schrieb Handy in einem Bericht. »Die Preise steigen schon bei geringen Produktionsausfällen dramatisch an. Wir von der Firma Objective Analysis sagen voraus, dass es als Folge dieses Erdbebens starke Preisschwankungen und kurzfristige Verknappungen geben wird.«

Doch nicht nur die Anbieter der Branche würden an den Folgen des Bebens leiden, behauptete Handy, und fügte hinzu: »Die Nachfrageseite wird ebenfalls betroffen sein, da viele Hersteller der Elektronikbranche in Japan angesiedelt sind und sie keinen Bedarf an Halbleiterelementen haben werden, bis die Erdbebenschäden beseitigt sind.«

Unterbrechungen der Lieferkette könnten von Bedeutung sein

Analysten von IHS iSuppli teilten im Gegensatz zu ihren Kollegen mit, dass die Auswirkungen der Katastrophe nicht die Halbleiterproduktion, sondern hauptsächlich die Lieferkette betreffen werden.

»Die Zulieferbetriebe werden voraussichtlich Schwierigkeiten haben beim Bezug der Rohmaterialien, beim Vertrieb und bei der Logistik«, teilte das Unternehmen in einem Bericht mit. »Dies wird voraussichtlich in den nächsten beiden Wochen zu Störungen bei der Versorgung mit Halbleiterleiterelementen aus Japan führen, beruhend auf der vorläufigen Einschätzung der Situation seitens IHS iSuppli.«

Laut dem Marktforschungsunternehmen könnte jede Unterbrechung von Bedeutung sein. Japan besitzt einen großen Anteil am weltweiten Markt für DRAM-Produktion; die zwei größten DRAM-Fabriken des Landes, deren Besitzer die US-Firma Micron beziehungsweise das japanische Unternehmen Elpida sind, trugen keine direkten Schäden davon.

Außerdem haben laut IHS iSuppli japanische Unternehmen, allen voran Toshiba, einen Anteil von 35 Prozent am weltweiten Umsatz mit NAND-Flash-Speicherbausteinen.

Im weltweiten Vergleich standen Unternehmen mit Sitz in Japan 2010 auf Rang drei bei der Halbleiterproduktion. An erster Stelle stand der asiatisch-pazifische Raum außerhalb Japans, gefolgt vom amerikanischen Kontinent. Von den weltweit 300 Halbleiterlieferanten, die IHS iSuppli im Visier hat, haben 39 ihre Firmenzentrale in Japan.

Die Auswirkungen könnten gewaltig sein

Malcolm Penn, Geschäftsführer von Future Horizons, einer in Europa ansässigen Markforschungsfirma im Bereich Halbleiter, teilte in einem Interview mit Electronics Weekly mit, dass die Naturkatastrophe gewaltige Auswirkungen auf die Branche haben könnte.

Darüber hinaus kritisierte er scharf die Führungsmannschaften von Technologieunternehmen, die ihre Produktionsstätten überwiegend in der Region konsolidierten, um Einspareffekte zu erzielen und dabei die Vorteile von Streuungseffekten, von der geografischen Lage bis hin zu den Zulieferern, ignorierten.

»Es handelt sich dabei einfach um [noch ein weiteres] Alarmzeichen: ‘Man soll nicht alles auf eine Karte setzen’«, sagte Penn.
»Wie oft muss Alarm geschlagen werden, bevor diese Geschäftsführer und Finanzchefs, die nur auf die Bilanz schielen, reagieren? Man kann mit den Zahlen auf der Geschäftsbilanz nach Herzenslust herumjonglieren, doch am Ende gilt: Wenn man die Wafer nicht geliefert bekommt, gibt es auch keinen Verkauf; der Zusammenhang ist einleuchtend. Und wenn jedes Unternehmen bei derselben Quelle (mit nun begrenzten Kapazitäten) einkauft, wird das Risiko, das ein Problem auftritt, immer höher.«

Kleinere Erdbeben führten früher bereits zu Produktionsstopps

Er sagte, Japan zeichne verantwortlich für ein Viertel der weltweiten Produktion von Halbleiterelementen und für bis zu 50 Prozent der NAND-Chips. Er merkte an, dass andere Länder in der Region ebenfalls hohe Produktionsraten im Halbleiterbereich aufwiesen. Aus Korea stammten beinahe 60 Prozent der weltweiten Produktion von Siliziumbausteinen sowie ein Großteil des DRAM-Angebots, während sich Taiwan hauptsächlich auf die Herstellung von Advanced-Logic-Bausteinen und SoCs (Systems on a Chip) spezialisiert hätte.

Sollte Taiwan von einer ähnlichen Naturkatastrophe betroffen sein, »dann würde dies das Ende aller Unternehmen ohne eigene Produktionsstätten bedeuten: Qualcomm, Broadcom, Marvell, MediaTek, Nvidia, Xilinx, etc.«, warnte Penn.

Jim Handy vom Marktforschungsinstitut Objective Analysis gab zu bedenken, dass bereits kleinere Erdbeben als dasjenige, das den Norden Japans erschüttert hatte, zu Produktionsstopps geführt hätten.

»Nur zum Vergleich, das Erdbeben in Taiwan von 1999, das beträchtliche Schäden in Taipeh verursachte und die Produktion in den Fabriken von Hsin Chu zum Erliegen brachte, hatte eine Stärke von 7,6, weniger als ein Zehntel des japanischen Erdbebens«, schrieb er. »Das Erdbeben von Loma Prieta von 1989, dass zu Produktionsausfällen im Silicon Valley führte, hatte eine Stärke von 6,9, ein Hundertstel der Stärke des kürzlich stattgefundenen Erdbebens.«

In Japan wurden in den vergangenen Jahren bereits Erdbeben mit einer Stärke zwischen 5,9 und 6,8 verzeichnet, was den Halbleiterherstellern Anlass zur Besorgnis gegeben hatte. Malcolm Penn von Future Horizons teilt die Meinung, dass die Halbleiterindustrie äußerst empfindlich ist gegenüber Störungen.

»Kurz vor Weihnachten hat ein Stromausfall von einer Mikrosekunde Dauer die Produktion in einer Toshiba-Fabrik lahmgelegt«, sagte er. »Ein längerer Produktionsstopp würde den Markt für NANDs zum Erliegen bringen, besonders, da heutzutage niemand mehr Lagerhaltung betreibt. – ‘Zu teuer‘ krakeelen die Erbsenzähler an der Wall Street – solange, bis die Versorgung zusammenbricht.«