Cloud Computing: Ab in die Kiste!

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Tim Cole über einen verbalen Schlagabtausch zwischen Oracle-Chef Larry Ellison und Salesforce.com-Chef Marc Benioff zur Frage, was Cloud Computing nun eigentlich ist und was nicht.

Larry Ellison ist ein Mann, der keinem Konflikt freiwillig aus dem Weg geht. Deshalb sind seine Keynote-Ansprachen auf der Oracle Open World, der Hausmesse seines Firmenimperiums, in aller Regel auch von hohem Unterhaltungswert. 2010 war keine Ausnahme, denn Larry hatte sich in der vollbesetzten Halle des Moscone Center in San Francisco eine andere schillernde Figur der IT-Szene sozusagen als verbalen Sparringpartner ausgesucht: Marc Benioff, Gründer und CEO von Salesforce.com, einem der weltweit führenden Anbieter von Cloud Computing.

Das heißt: Wenn man Larry Ellison glaubt, dann macht Salesforce.com gar kein Cloud Computing. »Die sind nur ein paar Anwendungen, die irgendwo auf einem Server laufen«, höhnte er. Richtiges Cloud Computing gehe anders. Und er sagte auch gleich dazu, wie:
Cloud sei eine Plattform, auf der Anwendungen entwickelt und ausgeführt werden können. Virtualisierung sei ein prägendes Merkmal von Cloud Computing, ebenso die schnelle Erweiterbarkeit – Larry nennt das »elastic«, ein Begriff, den er ganz offen bei Amazons Elastic Cloud Computing (EC2) abgekupfert hat. Und drittens wird in der Cloud nur für das bezahlt, was man auch verbraucht. Punktum!

Und Larry führte auch gleich vor, wie er sich die Cloud vorstellt. Sie ist eine große, graue Kiste, übermannshoch und trägt den etwas sperrigen Namens »Exalogic Elastic Cloud«. Im Grunde ist es eine großgeratene Mittelware-Station, vollgepackt mit 30 parallelgeschalteten Hochleistungs-Servern sowie gleich zwei Betriebssysteme (Solaris für die Hardware und Linux für die Software) nebst dazugehöriger VM-Software und allem, was Oracle sonst unter dem Dachnamen »Fusion Middleware« an Nützlichem anzubieten hat. »Auf zwei dieser Kisten könnte Facebook den kompletten Traffic seiner 500.000 Benutzer abwickeln«, brüstete sich der Oracle-Chef. Und das Schönste: »Sie können das Ding hinter Ihrer Firewall laufen lassen, dann brauchen Sie sich keine Sorgen mehr wegen Sicherheit zu machen.«

Schon vor Ellisons Auftritt in San Francisco kursierten Gerüchte, er wolle eine »private cloud in a box« vorstellen. Und das wiederum fand Marc Benioff ziemlich komisch. »Larry«, sagte er in einem Fernsehinterview, »du kannst eine Wolke nicht in eine Kiste sperren – das läuft nicht.«

Sowas lässt ein Larry Ellison natürlich nicht auf sich sitzen. Und so holte er wie Wotan auf der Bühne aus, um Donnerblitze auf Benioff zu schleudern: »Salesforce läuft auf 1.500 Dell-Servern. Das sind Kisten, nur eben kleine!« Womit sich die ganze Cloud-Diskussion auf die alte Frage reduzieren ließ: Wer hat den größeren?

Dass Salesforce übrigens ein guter Kunde von Oracle ist, machte das ganze Theaterspiel nur noch spannender. Aber eines ist klar: Hier prallen nicht nur zwei Alphamännchen aufeinander, sondern Welten. Es geht um die längst überfällige Frage: Was ist Cloud Computing überhaupt, und wird es sich durchsetzen?

Fragt man deutsche CIOs, dann ist die Antwort klar: »Kommt mir nicht ins Haus.« Kein anderes Thema lässt solche Leidenschaft bei ansonsten eher emotionsgedeckelten IT-Entscheidern diesseits des Atlantiks aus. Dass sie längst IT-Outsourcing betreiben, dass im Grunde jeder bessere Mail-Server, der bei einem Provider steht, bereits den Tatbestand des Cloud Computing erfüllt, wird in der Regel ausgeblendet. Und dass in den Fachabteilungen womöglich längst mit Salesforce.com gearbeitet wird, wissen sie wahrscheinlich gar nicht – oder wollen es nicht wissen.

Ganz anders in Amerika. Dort wird längst nicht mehr über das »Ob«, sondern nur noch über das »Wie« geredet – wie der stellenweise wirklich recht witzige Dialog zwischen Ellison und Benioff beweist. Und noch eines wird daraus klar: Es gibt, wie meistens in der IT, mehr als einen Weg ans Ziel.

Ob Plattform oder ein Bündel von Anwendungen irgendwo auf einem fremden Server: Die Zukunft der IT liegt in der Wolke. Das sollten auch deutsche IT-Verantwortliche begreifen – und danach handeln.

Tim Cole ist Mitbegründer der Analystengruppe Kuppinger Cole, die sich auf Themen rund um digitales Identity Management, Governance, Risk und Compliance, sowie Cloud Computing spezialisiert hat.