»Ohne Open Source kein Internet«

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Open-Xchange-Chef Rafael Laguna über die Bedeutung von Open Source im Cloud Computing, Microsofts Windows Azure und wie Unternehmen vorgehen sollten, die beim Einsatz von Open-Source-Lösungen keine böse Überraschung erleben wollen.

Das Top-Produkt des Unternehmens Open-Xchange ist die gleichnamige E-Mail- und Groupware-Lösung. Die Linux-basierte Software wird als Software-as-a-Service und als installierbare Version zum Betrieb in Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Behörden angeboten. Ein Interview mit Rafael Laguna, CEO von Open-Xchange.

eWEEK: Was leistet Open Source im Cloud Computing?
Laguna: Cloud-Computing ist eigentlich nichts anderes als die Gruppierung von bereits länger vorhandenen Internettechnologien. Diese sind im wesentlichen: Infrastruktur (der LAMP-Stack), Virtualisierung, Management und Anwendungen. Besonders auf der Infrastrukturebene findet man dort praktisch ausschließlich Open Source-Komponenten, dito bei Virtualisierung.

Weiter oben im Stack, bei Anwendungen und auch im Management wird es zwar etwas weniger, aber selbst hier ändert sich das Verhältnis zugunsten von Open Source-Software – z.B. Open Xchange vs. Exchange, SugarCRM vs. Salesforce.com. Kurz: Ohne Open Source kein Cloud Computing.

Welche Plattformen aus den Bereichen Public, Private oder Hybrid Cloud haben schon die Marktreife erreicht?
Sicher haben die Public Clouds einen Vorsprung, die gibt es bereits am längsten, wie zB. Amazon EC2. Vor einem Jahr hat Sun die Sun Open Cloud angekündigt, hier können alle Szenarien mit derselben Technologie zum Einsatz kommen. So etwas halte ich am sinnvollsten, denn so hat der Anwender die Wahl. USA hat sicher ein bis zwei Jahre Vorsprung, wie so oft in der IT.

Welche Einsatzbereiche und Anwendungsszenarien im Businessumfeld sind aus Sicht der freien Community besonders fortgeschritten?
Messaging und Groupware, CRM, Content Management, Social Software wie Wikis und Mobile Device Sync.

Die Groupware-Software Open X-Change gibt es als Appliance-, Hosting und Server Edition.

Welche Kostenvorteile bietet die Open Source basierte Cloud gegenüber gängigen meist proprietären Konzepten?
Proprietäre Cloud Lösungen wie Google AppEngine und MS Azure sind genaugenommen der Albtraum der Open Source-Welt und der Anwender, denn hier wird nicht nur die Software eingesperrt, sondern die Daten gleich mit. Man muss sich nur den Zirkus um die Facebook AGB anschauen, um solche Auswüchse live zu erleben.

Sollte sich ein proprietäres Cloud Angebot durchsetzen können, werden wir noch erheblichere Auswirkungen auf die Preise dieser Dienste erleben, als es bei den Software-Monopolen der Fall ist.

Open Source steckt in praktisch allen Cloud-Angeboten drin, ist die Grundlage. Leider kommt häufig eine proprietäre Schicht darüber, die eine einfache Portierung von einer Cloud-Infrastruktur zur anderen verhindert. Der Internet-Boom ist durch Einfachheit, Offenheit und Interoperabilität auf Basis von Open-Source Software entstanden. Dies hatte niedrige Preise und somit hohe Verbreitung zur Folge. Wir hätten heute keine 1,6 Milliarden gehostete Mail Accounts und 180 Millionen Websites, wenn das teuer wäre.

Cloud Computing beruht genau auf diesen Technologien und geringen Kosten. Hersteller versuchen nun, einen Lock-in zu erreichen. Cloud Computing wird seinen Siegeszug nur fortsetzen können, wenn die Prinzipien des Internets weiterhin konsequent zur Anwendung kommen. Sonst wird es schlicht zu teuer und für Anwender zu unflexibel.

Hat die Wirtschaftskrise die Nachfrage der Unternehmen nach offenen, skalierbaren und flexiblen Konzepten beeinflußt?
In solchen Zeiten wird natürlich viel genauer auf den Preis geschaut und auch eher mal ein alter Zopf abgeschnitten. Dies hat einen Boom in Richtung Cloud-Angebote ausgelöst, besonders in den leicht zu migrierenden Bereichen wie Messaging und Collaboration. Hier können, im Vergleich zum Inhouse-Betrieb leicht 90 Prozent der Kosten gespart werden. In Krisenzeiten ein Muss.

Kann die Community die hohen Ansprüche bereits erfüllen, wo liegen die Chancen und Grenzen?
Sie erfüllt sie, natürlich gesponsort von der Industrie, schon lange. Ohne Open Source-Software kein Internet. Punkt.

Gibt es spezielle Branchen, die das abrechnungs- oder transaktionsorientierte Nutzungsmodell über webbasierte Anwendungen besonders intensiv nutzen?
Natürlich zuerst einmal IT-/Web-Firmen selber, die sind immer frühe Akteure. Dann die kleinen, kommerziellen Anwender, die keine eigene Infrastruktur haben oder auch gar nicht wollen. Die können damit schnell am meisten sparen, weil sie keine Skaleneffekte haben.

Aber wir erleben jetzt auch Großfirmen, die diesen Schritt gehen. Die Konsumenten sind in Sachen Mail, Chat, Photo usw. dank der Web 2.0-Dienste und der Angebote der Hoster und Telcos schon lange da.

Wie geht ein Unternehmen die Implementierung und Verschmelzung unterschiedlicher Konzepte unter Einbindung offener Lösungen am besten an?
Einfach auf Offenheit der Angebote achten: Sind sie Open Source-basiert? Gibt es auch eine Inhouse-Lösung vom selben Softwarehersteller? Dann von unten nach oben schauen – nicht zuerst die tief integrierten Anwendungen (z.B. ERP), sondern erst einmal Dinge wie Website, E-Mail, Groupware – dann CRM, HR-Management – dann Finanzen.

Offene Systeme sind auch über Rechenzentrumsgrenzen hinweg leicht integrierbar. Die Verfügbarkeit der Software auch zum Inhouse-Betrieb ermöglicht den Weg zurück und die Cloud-Anbieter-Unabhängigeit.

Wo setzt man im Unternehmen strategisch am besten an?
Mit Cloud-Angeboten zieht auch der Web-Browser als primäres Frontend zu den Anwendungen ein. Dies sollte man konsequent betreiben, denn so kann man am meisten Geld sparen. Ansetzen sollte man bei den horizontalen Anwendungen, denn diese sind in der Regel als ausgereifte Cloud-Angebote verfügbar. Grüne Wiese gibt es meist nicht mehr. Hier gilt es manchmal, einfach alte Gewohnheiten und Datenbestände einzumotten, um einen einfachen Umstieg zu ermöglichen.

Laut Gartner unterschätzen viele Unternehmen gerade bei Linux & Co. die nachgelagerten Kosten für Service und Wartung. Wie kann man gerade bei pflegeintensiven Open-Source-basierten Cloud-Lösungen hohe Folgekosten vermeiden?
In Cloud-Angeboten wird die Pflege und der Betrieb ja vom Anbieter übernommen. Dieses Risiko schließt man damit praktisch aus. Man sollte nur auf die Service Level Agreements beim Support achten, was Reaktionszeiten und die Erreichbarkeit angeht.

Wie gut sind oder müssen OSS-Cloud-Lösungen mit Blick auf die Serverinfrastruktur und Bandbreiten sein?
Hier ist ja in Sachen Internet und SaaS reichlich geübt worden. Man sollte sich einfach einen Anbieter aussuchen, der schon eine Zeit lang im Geschäft ist, dann muss man sich diesbezüglich keine Gedanken machen.

»Cloud-Angebote werden ein integrativer Teil der Unternehmens-IT.«
Rafael Laguna, CEO von Open-Xchange

Worauf müssen die Netzwerkspezialisten bei der Verzahnung der Konzepte an den Schnittstellen besonders achten? Oder werden die jetzt durch die Cloud arbeitslos?
Wenn das Netz der Computer wird, ist die Qualität desselben besonders wichtig. Natürlich bekommen einige durch Cloud Computing erst einmal weniger zu tun. Besonders kleine Systemintegratoren, die viele kleine Unternehmen betreuen, sollten lieber Cloud-Angebote verkaufen als sie zu bekämpfen, denn gegen diese Preise kann man einfach nichts entgegensetzen. So etwas hat bis jetzt immer neue Chancen erzeugt. Weniger zu tun hatte die IT-Ind
ustrie eigentlich noch nie. Eher sind diese disruptiven Angebote die Grundlage für große Entwicklungssprünge.

Welche neuen Aufgabenprofile und To-do´s stellen sich also?
Cloud-Angebote werden ein integrativer Teil der Unternehmens-IT. Ob eine Vernetzung nur inhouse stattfindet oder auch nach draußen geht, ist technisch eher zu vernachlässigen. Vielmehr ist das Auswählen von Cloud-Angeboten und die Support-Integration ein Thema. Hier müssen, ähnlich wie beim Entstehen der PC-Industrie, erst einmal Erfahrungen gemacht werden, um zu verstehen, was wichtig ist.

Welche Anbieter werden den Markt mit welchen Konzepten in der nächsten Zeit erfolgreich beackern?
Der Acker wird gerade erst bestellt. Eigentlich schade, dass Sun gekauft wird, denn die sind gleich mit einer Open Cloud an den Markt gegangen. Amazons EC2/S3 sind auch recht offen. Am anderen Ende des Spektrums sind Google und Microsoft, die sehr proprietär sind. Wenn man sich – besonders in den USA – umhört, dürften noch einige Anbieter dieses Feld betreten. Besonders die klassischen Softwareriesen wie SAP, Oracle, Symantec, IBM Software Group und viele andere werden wir da bald einreihen dürfen. Das Spiel ist eröffnet – wer gewinnt, weiß ich nicht – aber es muss eine Open Cloud sein.
(mt)

Weblinks
Open Xchange