Palms kleiner Tod

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Der Smartphone-Hersteller Palm ist gerettet. Für 1,2 Milliarden US-Dollar übernimmt HP das krisengeschüttelte Unternehmen. eWEEK-Autor Mehmet Toprak sagt, warum das nur die zweitbeste Lösung ist und wer der große Verlierer des Deals ist.

Die Übernahme von Palm durch HP ist eine gute Nachricht. Nur sehr übelwollende Zeitgenossen verspüren kein Gefühl der Erleichterung darüber, dass der angeschlagene PDA-Pionier Palm nun gerettet ist.

Eigentlich ist die Übernahme durch HP nur die zweitbeste Lösung. Denn unter den Fittichen des IT-Giganten wird Palm zwangsläufig auch einen Teil seiner kreativen und intellektuellen Eigenständigkeit verlieren.

Jede Firmenübernahme ist auch ein kleiner Tod und deshalb nur die zweitbeste Lösung.

Der Firmensitz von Palm im kalifornischen Sunnyvale. 1,2 Milliarden Dollar bezahlt der PC-Gigant für die Übernahme. (Foto: Palm)

Analysten und das Totenglöckchen
Die beste Lösung wäre deshalb gewesen, wenn Palm aus eigener Kraft aus der Verlustzone herausgekommen wäre. Nach Lage der Dinge war das aber unwahrscheinlich. Nach elf Quartalen im Minus war das Unternehmen doch schon ziemlich in die Bredouille geraten.

Zuletzt hatte man noch auf die neuen Modell Palm Pre und Pixi sowie das bedienfreundliche Betriebssystem Web OS gesetzt. Doch die Verkaufszahlen des Palm Pre haben die Hoffnungen enttäuscht, da half auch das viel gelobte Web OS nicht mehr. Viele Analysten und Branchenexperten haben in den letzten Wochen schon mal nach dem Totenglöckchen gekramt.

Der Exitus von Palm wäre dann sozusagen die drittbeste Lösung gewesen.

Palm gewinnt Zeit
Die jetzt gefundene zweitbeste Lösung mit HP als Schutzpatron eröffnet für die Marke Palm eine neue Welt. Palm hat nicht nur einen finanzstarken Sponsor, der die Weiterentwicklung neuer Geräte und Formate unterstützt. Palm gewinnt Zeit. Damit ist nicht nur die Zeit gemeint, die man braucht, um neue Produkte zu entwickeln, sondern auch die Zeit, die der Markt braucht, um ein neues Mobil-Betriebssystem aufzunehmen.

Palms neue Smartphones Pre Plus und Pixi Plus sind seit Ende April in Deutschland bei O2 und Vodafone erhältlich. Das Pre Plus kostet (ohne Vertrag) 580 Euro, das Pixi Plus 400 Euro.

Der Smartphone-Markt wird derzeit von den großen Playern wie Apple, Nokia, Samsung, HTC und Google (Android) gut abgedeckt. Da hatte Palm es bisher schwer, ein Plätzchen zu finden. Doch der Markt wächst rasant, nicht nur nach Stückzahlen und Volumen, es kommen auch immer neue Anwender und Zielgruppen hinzu. Genau hierin liegt die Chance für die Entwickler. Neue Plattformen wie das Web OS werden hier ihre Käufer finden. Käufer möglicherweise, die Apple und Google nicht mögen, weil sie zu viel Macht haben.

Neue Zielgruppen entdecken
Mit HP im Rücken hat Palm endlich genug Zeit, sich auf neue Zielgruppen einzustellen, und diese wiederum haben die Zeit, Palm als Top-Marke zu akzeptieren. Das hängt natürlich auch davon ab, ob HP die Marke Palm bestehen lässt oder ob HP einfach nur die Technik und das Web OS nimmt und völlig neue Produktfamilien daraus generiert.

Was HP und Palm jetzt besser machen können
Die Übernahme durch HP ist aber noch keine Gewähr für reißenden Absatz der Smartphones. Schließlich sind die iPaqs bei HP auch nicht der Publikumsrenner. Die Produktmanager sollten sich überlegen, warum die Telefone mit Web OS in den letzten Monaten nicht richtig eingeschlagen haben.

Meiner Ansicht nach liegt dies zum großen Teil am Preis. Palm-CEO Jon Rubinstein hatte früher mal bei Apple gearbeitet und mag zur Ansicht gekommen sein, dass gute Geräte auch schön teuer sein müssen. Doch was bei Apple oder bei Bang & Olufsen funktioniert, muss bei Palm noch lange nicht funktionieren. Die praktischen, aber nüchtern gestalteten Telefone sind einfach zu teuer.

Das Palm Pre Plus kostet in Deutschland knapp 600 Euro – ohne sinnvolles Zubehör wie die Ladestation, die das Gerät ohne Kabel auflädt. Dafür bekommt man schon ein superschickes HTC mit 3,7-Zoll-Display. Oder ein iPhone 3G. Oder fast jedes andere Edel-Handy.

Die Schlussfolgerung: Die Smartphones von Palm müssen billiger werden – oder viel edler aussehen.

Auch Business braucht Lifestyle
Eine andere Fehleinschätzung der Palm-Manager war möglicherweise, dass man die Bedeutung von Design und Lifestyle vernachlässigt hat. Vor zwei Jahren noch konnte man ein Business-Handy leicht von einem Consumer-Handy unterscheiden. Das mit den vielen Tasten war Business, das mit dem MP3-Player war Consumer.

Das geht heute nicht mehr so leicht – Handys für Privatanwender können fast alles, was ein Profi-Handy kann und die Profi-Handys haben auch Entertainment-Funktionen hinter dem schicken Touchscreen. So wird Design als Unterscheidungsmerkmal immer wichtiger.

Jon Rubinstein ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender und CEO bei Palm. Vorher war er bei Apple und federführend an der Entwicklung des iPod beteiligt. Allerdings ist es ihm nicht gelungen, Palm schnell zum Erfolg zu führen. Trotzdem soll Rubinstein auch nach dem Kauf durch HP im Amt bleiben. (Bild: Palm)

Social Media und der Handy-Lifestyle
Hinzu kommt, dass der Business-Trend zur Nutzung der sozialen Netzwerke wie Facebook die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben immer mehr verwischt. Das hat auch Folgen für das Design der Geräte, die für beides genutzt werden. Die Palm-Smartphone sind zwar von den Funktionen her erstklassig, doch es fehlt einfach der Lifestyle-Faktor. Wer heute 500 oder 600 Euro für ein Handy ausgibt, will auch den »Wow!«-Faktor haben. Und in der Nische, die die PDAs des Unternehmens früher besetzt hatten – funktionelles Arbeitswerkzeug für Profis – sitzt jetzt Research in Motion mit den Blackberrys.

Die Schlussfolgerung: Die Smartphones mit Web OS brauchen ein neues unverwechselbares Designkonzept – oder viel Zeit, bis sich genügend Anwender für das unprätentiöse Konzept der Palms begeistern können.

HP könnte Tablet-PCs oder Netbooks mit Web OS bauen
Die Vorteile, die der PC-Gigant HP aus der Übernahme des Smartphone-Spezialisten zieht, sind relativ offensichtlich. Der Vollsortimenter im IT-Bereich bekommt jetzt die beiden Dinge, die ihm noch gefehlt haben: Mobiltechnik-Know-how (mit vielen Patenten) und eine Betriebssystem-Plattform, die den Branchenriesen iPhone OS und Android endlich Paroli bieten kann.

HP ist damit für den in alle Richtungen wachsenden Mobilfunkmarkt bestens gerüstet und kann damit auch neue Formate und Anwendungen entwickeln. Wahrscheinlich werden wir demnächst einen Tablet-PC von HP mit Web OS sehen. Das könnte eine starke Konkurrenz zu Apples iPad werden. Wie gesagt:

Es gibt Anwender, die sich einen Tablet-Rechner kaufen würden, wenn er nicht von Apple ist. Auch ein Netbook mit Web OS wäre denkbar und würde damit Netbooks mit Googles Android Konkurrenz machen.

Der Palm Pre Plus hat alles, was der mobile Profi braucht: ausziehbare Tastatur, 3,1-Zoll-Touchscreen und das bedienfreundliche Betriebssystem Web OS, das sich mit Apps beliebig erweitern lässt. (Bild: Palm)

Wie HP noch alles kaputt machen kann
Die Spielwiese für kreative Entwickler bei HP und Palm ist groß, das Publikum wartet auf neue Ideen. HP kann es eigentlich nur dadurch verderben, wenn das Management der Versuchung unterliegt, die Palm-Mitarbeiter bis zur Unkenntlichkeit ins eigene Unternehmen zu
integrieren und ihnen damit den kreativen Spielraum zu nehmen.

Microsoft und Nokia sind die Verlierer
Der große Verlierer des HP-Palm-Deals ist das Unternehmen, das bisher noch nicht genannt wurde, nämlich Microsoft und sein Windows Phone 7. Nein, Microsoft wird auf dem Handy-Markt nicht untergehen. Doch Windows Phone 7, das irgendwann im Herbst dieses Jahres fertig sein soll, wird es schwer haben, mit iPhone OS, Android und vielleicht bald schon Web OS mitzuhalten. Dazu ist es wahrscheinlich einfach nicht innovativ genug.

Über das Betriebssystem Web OS haben Geschäftsanwender auch Zugriff auf Microsoft Exchange sowie Ihre persönlichen E-Mails, Kontaktdaten und Kalendereinträge.

Zudem könnte Microsoft bald in die Lage geraten, sich für seinen angekündigten Tablet-Rechner einen anderen Hardware-Partner suchen zu müssen, falls HP sich dazu entschließt, sich bei Tablets auf Web OS zu beschränken. Selbst wenn HP bei den Tablet-Betriebssystemen zweigleisig fährt, hat Microsoft starke Konkurrenz.

Was wird aus Nokia?
Und Nokia? Egal, was der Mobilfunkriese mit Symbian oder der Linux-Mobilvariante Maemo in petto hat – die Tatsache, dass die Entwickler des neuen Betriebssystems Web OS plötzlich die Marktmacht des größten PC-Herstellers der Welt hinter sich haben, ist für Nokia keine gute Nachricht.

Die Anwender schließlich haben etwas, worauf sie sich freuen können. Die Marke des PDA-Pioniers Palm bleibt erhalten und mit Web OS gibt es eine vielversprechende neue Plattform, aus der in Zukunft möglicherweise eine ganze Reihe neuer Mobilgeräte und guter Ideen entstehen. So gesehen, ist also auch die zweitbeste Lösung gar nicht so schlecht.
(Mehmet Toprak)
Einen weiteren Bericht zur Übernahme von Palm finden Sie auf ITespresso.de (siehe Weblinks).

Weblinks
Palm Web Os
Palm, Deutschland
HP Handhelds
ITespresso.de