IBM-Bereichsleiter Kurt Rindle über dynamische Infrastrukturen
»Dynamische Infrastruktur zu Ende gedacht mündet in Cloud Computing«

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Cloud Computing sei das Ziel einer langen Reise, meint Kurt Rindle, verantwortlich bei IBM für das »Innovations- und Wachstumssegment« (so IBM) Dynamische Infrastrukturen, und noch seien längst nicht alle angekommen, die das Buzzword in den Mund nähmen. Häufig würden nur Bestandteile eines ganzen Konzepts verkauft, für Rindle aber ist Cloud Computing weit mehr. Was es damit auf sich hat und wie man über die »Dynamic Infrastructure« letztendlich am Ziel ankommt, erklärt uns Rindle im Interview.

IRP und die Wolken

itespresso: Herr Rindle, Sie haben das Glück, IBMs »Querdenker« Professor Gunter Dueck als Chef zu haben – aber auch das Leid, seine Visionen umzusetzen.

Rindle: Ich bin glücklich, mit Gunter Dueck arbeiten zu können. Er ist ein Visionär mit sehr viel Ausstrahlung und Empathie, mit der er sein immenses Wissen wunderbar anschaulich und unterhaltsam transportieren kann. Für mich hat er den Begriff des ERP für das IT-Betreiben geprägt, das IRP – »IT Resource Planning«. Ich gebe ihm dabei Recht: Das IT-Betreiben muss weg von der Manufaktur, ähnlich wie sich in der Vergangenheit die Automobilmanufakturen industrialisiert haben.

itespresso: Industrialisierung – Wie meinen Sie das?

Rindle: Jeder Kunde hat andere Strukturen, die er transformieren und automatisieren will, also andere Voraussetzungen und andere Ziele. Die unterschiedlichen Wege, die sich je nach Umfeld anbieten, besprechen wir mit dem Kunden, um ihm eine wirklich dynamische und anpassbare Lösung liefern zu können. Bei Cloud Computing etwa will der Kunde gerne selbst bestimmen, wo er seine Daten ablegt und welche Services er wie flexibel bezieht. Auf jeden Fall aber muss er seine IT-Prozesse automatisieren, effizienter und kostenfünstiger gestalten, denn das IT-Betreiben heute muss sich vorbereiten auf das, was ein »Smarter Planet« benötigt. IT kann und muss das Unternehmen voranbringen und nicht durch z.B. lange Umsetzungszeiten für neue Anforderungen ausbremsen.

itespresso: Also agieren Sie mit Ihrer Kundenbtreuung eher als IT-Beratung?

Rindle: IBM liefert schon länger klassische Wirtschaftsberatung und sieht die IT als ein wichtiges Element zur Lösung von Unternehmenszielen. Wir haben etwa auch eine Sparte zur Finanzierung, eine Sparte zum Anbieten physischer und virtueller Server und Services oder die Verwaltung von Sourcing-Services Dritter – jeder kann sich also das herausuchen, was wirtschaftlich für ihn zweckmäßig ist und ist an keinen einzelnen Anbieter oder alte Technik gebunden.

itespresso: Sie meinen das »lock-in« mancher Cloud-Anbieter, etwa das Hängenbleiben bei Amazon, weil man deren EC2-Storage-Service nutzt und nicht mehr heraus kann?

Rindle: Nehmen wir keine Namen in den Mund, doch richtig ist: Viele bereits heute absehbare Anforderungen lassen sich per Cloud möglicherweise aus Flexibilitäts- und Kostengründen am besten lösen, wenn man es richtig macht.

itespresso: Viele haben Angst, ihre Daten »in die Cloud« zu stellen, weil sie da nicht sicher seien. Was sagen Sie dazu?

Rindle: Angst ist unscharf und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ein Beispiel: Früher hatten Kunden Angst, ihr Geld auf die Bank zu bringen und ließen es lieber unter der Matratze. Ich denke, es ist eine Frage der Information, der Transparenz und des Vertrauens: Ist der Diensteanbieter professionell und zuverlässig, hat er Erfahrung damit, liegen meine Daten in Deutschland, Europa oder irgendwo auf der Welt. Welche Sicherungs- und Servicemechanismen garantiert mir der Anbieter, oder macht er keine Angaben. Wussten Sie, dass wir auch einen Cloud-Backup-Service betreiben, bei dem alles automatischim Hintergrund abläuft und Sie sich um Nichts mehr kümmern müssen?

itespresso: Jetzt schon. Wo die Daten gespeichert werden in Ihrem weltweiten Netz, kann mir ja egal sein, doch manche Gesetze verbieten die Speicherung im Ausland. Wie machen Sie das?

Rindle: Wir öffnen dazu jetzt beispielseis ein Rechenzentrum in Irland für unsere Collaboration-Plattform Lotus Live, weil die EU Speicherung des Geschäftsverkehrs im Euroraum verlangt. Der Kunde kann selbst wählen, wo er sichert. Ein Follow-the-Sun-Prinzip rund um den Globus ist praktisch, aber nicht immer sinnvoll. Wir beschäftigen qualifizierte Fachleute, die uns sagen, was wir und unsere Kunden dürfen und was nicht. Die Daten unserer Kunden, die wir mit dem oben angesprochenen IBM Information Protection Service sichern, liegen übrigens in Mainz, Deutschland.

itespresso: Lotus galt lange Zeit als eine zwar universelle, aber mit gewissem Aufwand zu nutzende Plattform, mit Lotus Live scheint sich das alles zum Leichteren hin geändert zu haben. Viele Unternehmen kennen das neue SaaS-Lotus und seine Möglichkeiten aber nicht und halten die Google Apps für die Cloud schlechthin…

Rindle: Womit wir wieder bei der Begrifflichkeit der Cloud wären, die von vielen anders gesehen wird. Die Google Apps sind nur eine der Cloud-Anwendungen: Software as a Service ist nur einer der wichtigen Bestandteile für eine einfach funktionierende, weil industrialisierte IT.

itespresso: Derzeit ist Vieles noch nicht industrialisiert, so hat jedes Unternehmen oft seine eigenen Server,PCs und Betriebssysteme und hat oft Schwierigkeiten mit den schnell wechselnden Anforderungen zurechtzukommen.

Rindle: Und sehen Sie, da setzen die dynamischen Infrastrukturen schon an. So kann ein IT-Chef in der dynamischen Struktur sagen, wie viele PCs mit je wie viel Speicher und welcher Software er benötigt, und sie werden ihm virtuell bereitgestellt. Braucht er sie nicht mehr, kann er sie abbestellen und zahlt nur die genutzte Infrastruktur.

itespresso: Das dynamisch bereitzuhalten ist nicht billig. Muss sich der Kunde für einen längerfristigen Vertrag binden?

Rindle: Preise sind immer eine Sache der vereinbarten Service Levels, die ein Kunde wünscht. So einfach wie bei einer einzelnen Privatnutzersoftware ist es nicht, aber eine der Eigenschaften der Cloud ist ja gerade auch die kürzerfristige Flexibilität.

itespresso: Es geht auch einfach. Als Google-Unternehmenskunde zahle ich für alle Apps 50 Dollar pro User pro Jahr.

Rindle: Und bei Lotus Live sind es ab 3 Dollar pro User pro Monat. Es kommt eben auch immer darauf an, was Sie erwarten und das kann auch günstiger Teil eines Gesamtpaketes sein.

itespresso: Die virtuellen Rechner sind nur eine Seite der dynamischen Strukturen, sagen Sie. Welche Herausforderungen stellen sich noch?

Rindle:
Dynamische Infrastrukturen untersuchen wir in sieben so genannten Einstiegspunkten.Wichtigstes Thema ist das Service Management, welches Geschäft und IT verbindet,dann Virtualisierung (z.B. sind Software Entwicklung und Testgeräte nur zu 5%-15% ausgenutzt), Energie Effizienz (44% der RZ Kosten fallen auf Energiethemen), Informations-Infrastruktur, Sicherheit, Business Resiliency (die Elastizität ihres Systems) und Asset Management. Auch hier sehen wir wieder, wie IT das Geschäft unterstützen kann.
Wir sehen, dass die Welt verbunden, integriert und instrumentiert (Sensoren) ist – und hier schließt sich der Kreis  – zurück zum »Smarteren Planeten«

itespresso: Gut, das haben Sie alles – RFID-Auswertungen, Anbindung an SAP, Cognos zur Auswertung, und so weiter. Das sind alles die Einzelheiten, die der Kunde jetzt noch im Detail wissen will. Also konkreter als nur Ihr »Großes Ganzes«.

Rindle: Ja, wir sind noch lange nicht da angekommen, wo man nur ins Auto steigt und losfährt. In der IT sind wir in vielen Fällen noch in der Zeitrechnung, in der man die Zylinder im Motor zählt. Damit alle einfach losfahren können und das Auto richtig fährt, müssen  CIOs als Schnitttelle zwischen technologischer und betriebswirtschftlicher Seite Schritt für Schritt zu einer dynamischen Infrastruktur hin transformieren. Erst, wenn alles so kurzfristig bereitstellbar ist, was ein Anwender in der jeweiligen Situation benötigt, s
ind wir beim Cloud Computing richtig angekommen.

itespresso: Herr Rindle, wir danken für das Gespräch.

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