Kampf um Strato: OVH gegen 1&1?

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Am 28. Juni trat das Geheimnis schon ans Tageslicht: Freenet will seine Tochter Strato, den größten deutschen Webhoster, verkaufen. Schon früh holte Freenet Angebote ein, doch nichts ist mehr geheim im Internet – Mails des französischen Hosters OVH (gesprochen: »Oh Weh Hasch!«) deuteten schon an, dass dieser für Strato bieten wolle.

Dies teilte er auch seinen Kunden in Frankreich in einer E-Mail mit, und auch deutsche OVH-Kunden hatten Ähnliches in ihrer Mailbox, was sie natürlich sofort in ihren Blogs verkündeten. Mein französischer Kollege Nicolas konnte nicht anders und veröffentlichte es im französischen Inquirer (hier der Link zur englischen Übersetzung von Google Translate – im Original klingt es eher wie ein Einmarsch der Franzosen nach Deutschland, in der automatischen Übersetzung  klingt es etwas ziviler.)

Die Pflicht rief – Freenet gab sein Angebot bekannt
Gestern gab Freenet in einer ad-hoc-Pflichtmitteilung schließlich bekannt, dass das Bieter-Rennen um Strato eröffnet ist.  Auf unsere heutigen Rückfragen zu den Interessenten erklärte Freenets PR-Frau Yasmin Maddi erwartungsgemäß: »Über die adhoc Mitteilung vom gestrigen Tag hinaus geben wir weiter keine Kommentare. Vielen Dank für Ihr Verständnis.« – Gut benommen, brav!

Der französische Webhosting-Spezialist OVH sieht sich nun wohl dem größten Konkurrenten 1&1 gegenüber, denn andere Bieter sind sicher nicht ausgeschlossen. Und Vieles deutet darauf hin, dass 1&1 mitbietet – schließlich hat man schon Erfahrungen im Verhandeln mit dem Freenet-Management. Doch Michael Frenzel, Unternehmenssprecher von 1&1, hält sich gepflegt zurück: »Dass Freenet Strato zum Verkauf stellen wird, war bereits den Medien zu entnehmen… mehr bitte ich nicht aus meiner Äußerung heraus zu interpretieren – weder dass 1&1 an einem “Bieterverfahren” – wenn es denn ein solches gibt – teilnimmt, noch das Gegenteil davon.« Aber: »Wenn wir Strato angeboten bekommen, werden wir uns das sicher ansehen«.

»Webhosting ist keine Kleingarten-Kolonie«
Möge der Kampf also beginnen, denn wer gewinnt, würde mit einem Schlag Europas größter Webhoster – sagte zumindest OVH-Chef Klab Octave im französischen Ort Roubaix freimütig meinem Kollegen Nicolas Guillaume. Frenzel wiederum will auch dazu keinen direkten Kommentar abgeben: »Webhosting ist keine europäische Kleingarten-Kolonie, sondern ein weltweiter Markt. Jeder Hosting-Kunde kann über Landesgrenzen hinweg Webspace und Domains in Europa, Amerika oder auch Australien bestellen«.

Recht hat er, denn wir leben mittlerweile im »global village«. Das alte Europa, gibt es das eigentlich noch? Realistisch betrachtet seien europäische Internet-Unternehmen klein, verglichen mit den amerikanischen Wettbewerbern Google, Yahoo oder Microsoft-Networks. Selbst ein in Europa total unbekannter US-Anbieter wie Godaddy habe fast dreimal mehr Domains registriert als 1&1, OVH und Strato zusammen.

Octave ist das egal, denn er will wachsen: Seine Bestätigung, seine Firma sei in solider finanzieller Situation, war wesentlich direkter als jeder deutsche Unternehmer es je wagen würde. Man wolle Strato übrigens nicht zu 100% übernehmen, sondern vor allem durch dessen herausragende Technik zu eigenem organischen Wachstum kommen, verriet Octave.

Ein teures Summenspiel
Stratos Wert wird in der Branche zwischen 200 und 400 Millionen Euro geschätzt. Die letztendliche Summe hängt jedoch noch vom EBITDA des aktuellen Geschäftsjahres ab.

Kritiker an OVHs Bemühungen sagen, mit seinem Jahresumsatz von 40 bis 50 Millionen Euro könne das französische Unternehmen so einen Deal ohne Kreditaufnahmen nicht stemmen. »Ach was«, behaupten andere Franzosen, es gebe doch Hightech-Fonds des französischen Staates, die bei der Expansion ins Ausland helfen würden.

Was 1&1 angeht, steht das Unternehmen trotz der Anstrengung von über 123 Millionen Euro bei der DSL-Übernahme von Freenet noch ganz ordentlich da. Und man habe ja bereits nach der Übernahme des DSL-Geschäfts von Freenet dargelegt, dass man »weitere interessante Übernahmen stemmen« könne.

Das Rennen wird also spannend. Und Freenet-Aktionäre sicher ein wenig reicher. µ

L’Inqs:
OVH-Mails an die Kunden
Inquirer Frankreich (Google-Übersetzung)
Freenets Adhoc-Mitteilung

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