Skandal oder nicht? Streng vertraulicher Atombericht im Web

Allgemein

Skandale überschütten uns im Internet förmlich – damit »der geneigte Leser« überhaupt noch klickt, blasen viele Journalisten eben jede Mücke zum Elefanten auf. Wir machen mal mit, um dabei zu sein: Aber nein, die New York Times hat kein Verzeichnis der US-Atomwaffen gefunden! Es wurde nur eine Zusammenstellung ziviler Atomanlagen auf den falschen Server gestellt.

Nicht ganz im Geist der Zeit hat die Deutsche Presseagentur wieder einmal ohne Verlinkung eine Nachricht veröffentlicht – das ist womöglich die einzige Methode, wie die Nachrichtenagentur ihre Journalisten bezahlen kann. Sie zitiert aber nur die auf Skandale spezialisierte New York Times. Wir fanden das Original hier.

Dem Zeitungsbericht zufolge hat die US-Regierung den vertraulichen Report über Hunderte von zivilen Atomanlagen und -laboren versehentlich im Internet veröffentlicht. Der vermutliche Druckauftrag fand sich auf den Webseiten der US-Staatsdruckerei, womöglich landete er einfach nur auf dem falschen Server.

Im 266 Seiten dicken Dokument hat man die Anlagen für die Internationale Atomenergiebehörde IAEA zusammengefasst. Mehr als die schon bekannten exakten Platzierungen der Anlagen aus dem zivilen Atomprogramms gab es nicht zu sehen. Verschwörungstheoretiker dürfen sich also ein neues Thema suchen. Weder Hacker noch militärische Aktionen waren involviert. Selbst die Journalisten auf der Suche nach den aufmerksamkeitsheischenden Überschriften winkten schließlich ab: Es wurden keine neuen sensiblen Informationen bekannt, gestand die New York Times – aber schrieb das natürlich erst ein paar Zeilen später, damit die Story noch gelesen und geklickt wurde. µ

Atomskandal: dpa-Meldung auf Yahoo News
Atomskandal: New York Times-Meldung

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen