Britische Studie: DRM macht uns alle zu Piraten

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Für Inquirer-Leser ist diese These nichts Neues, doch nun haben wir endlich auch wissenschaftliche Unterstützung: Eine britische Rechtsprofessorin hat über Jahre weltweit Menschen zu DRM befragt und kommt zum Schluss: Die Gesetzgebungen dazu sind unbefriedigend.

Jeder weiß es: Europa, USA und viele andere Länder haben sich dem Diktat der Medienindustrie hingegeben und es generell illegal gemacht, DRM-Systeme zu umgehen – auch wenn die Nutzer legal mit dem Inhalt umgehen wollen.

Die Rechtsprofessorin Patricia Akester befragte dazu vor allem Menschen, die professionell mit PCs und Medien arbeiten müssen und stellte fest: Egal, ob die USA, Großbritannien, Deutschland oder ein anderes westliches Land – ganze Berufsstände leiden unter der Tatsache, dass die Strafbarkeit des »Umgehens von Kopierschutz« sie stark einschränkt.

Sie befragte über Jahre Menschen, ob DRM ihre Fähigkeit, Inhalte so zu nutzen wie sie früher eigentlich vom Recht geschützt waren, beeinflusse. Überraschung für die nicht in die DRM-Problematik Eingeweihten: Es führte sogar dazu, dass eine blinde Frau, die die Bibel lesen wollte, zur Piratin wurde. Das hat Akester wohl auch schreiben müssen, um die vielen bibeltreuen Amerikaner (und konservativen Christen in Spanien) auch von ihrer Argumentation zu überzeugen.

Okay, »Umgehen von Kopierschutz« klingt schon sooo böse! Aber hält so etwas die Menschen davon ab, die Inhalte nach ihrem Willen und nach aktuellem Recht zu nutzen? Oder kommen die Beschwerden nur von »Copyleft«-Aktivisten, die gerne alles in kommunistischen »Volksbesitz« übernehmen wollen?

Der ersten empirischen Studie ihrer Art zufolge, die Rechtsprofessorin  Patricia Akester von der Cambridge-Universität durchführte, hält DRM die Menschen davon ab, Inhalte legal zu nutzen. Die Kombination aus Technik und willfährigen Gesetzgebungen tue also eigentlich das Gegenteil von dem, was passieren soll. Ihre Arbeit »Technological accommodation of conflicts between freedom of expression and DRM: the first empirical assessment« beschreibt die Befragungen zahlreicher Wissenschaftler, Konsumenten, Regierungsbeamter, Rechte-Inhaber und DRM-Entwickler – und wie die Gesetzgebung sie beeinflusste.

Richard Orme zum Beispiel, Chef der britischen Blindenvereinigung, hat kein gutes Wort für DRM übrig. Es sei durch DRM und die Gesetze gegen dessen Umgehung nicht mehr möglich, für Sehbehinderte zugängliche Versionen der Werke zu vertretbaren Kosten zu erzeugen. Die Screenreader, die den Inhalt vorlesen oder in Braille-Schrift umwandeln, würden durch die DRM-Maßnahmen oft geblockt werden. Die beeinträchtigten Menschen hätten aber ein Recht darauf, die Inhalte auch zu lesen. In einer Welt der Digitaltechnik habe man eigentlich viele Möglichkeiten, Information für Behinderte zugänglicher zu machen. DRM aber schränke dies massiv ein. Er nennt den Fall von Lynn Holdsworth, die eine eBook-Version der Bibel von Amazon kaufte und dann mit ihrer Text-to-Speech-Software vorlesen lassen wollte. Das aber war nicht möglich. Amazons Kundenpolitik erlaubt aber keine Rückgabe digitaler Bücher, wenn diese mal heruntergeladen sind. Auf Empfehlung von Amazon wendete sie sich an den Verleger der Bibelversion, der wiederum auf den Online-Versand zurückverwies. Sie solle doch eine Braille-Version kaufen, hieß es. Holdsworth besorgte sich daraufhin eine eingescannte illegale Kopie, die man wenigstens durch die für Blinde notwendige Software bearbeiten konnte.

Ein gutes Beispiel sei auch Harry Potter: Die nomale Version ist 600 Seiten dick, die in großen Buchstaben für Sehbehinderte 998 Seiten und die Braille-Version benötigt 10 Bände und kostet ein Vielfaches. Wieso also nicht das normale Buch in kopierschutzfreier Version von Software vorlesen lassen?

Das DRM-Problem ist bei Weitem nicht nur auf solche Gruppen begrenzt: Die »British Library« etwa hat jeden Tag mit dem Problem zu kämpfen. Ihr Auftrag, Material zu sichern und für die Zukunft aufzubewahren, wird durch DRM schwieriger. Und so hatte jeder befragte Berufsstand und jede Content-Nutzergruppe eigene Probleme. Film-Bibliothekare etwa können nicht einmal Clips von kommerziellen DVDs ausschneiden (obwohl ihnen das durch bisherige Urhebegesetze möglich war), Konsumenten können den Content nicht immer auf dem Computer abspielen, und so weiter.

Die ewig lange auf viele Seiten verteilte Studie bestätigt damit nur, was TheInquirer schon seit langem schreibt: DRM ist oft unsinnig und macht uns alle zu Raubkopierern. Die Petition gegen entsprechende Gesetze in Deutschland lief gestern aus und konnte nur 5342 Unterzeichner gewinnen. Für eine erfolgreiche Petition sind aber 50.000 Unterzeichner nötig – wie etwa bei der Kinderporno-Diskussion geschehen.

L’Inqs:
Akester’s Arbeit zu DRM
Akester’s Kurz-Zusammenfassung
Petition gegen DRM-Gesetzgebung in Deutschland

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