Nie wieder Winnenden, Politik reagiert konsequent
Das Admin-Wort der Woche KW 20/2009

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Computerspiele sollten’s mal wieder gewesen sein, die den Amoklauf des Tim K. in Winnenden ermöglicht haben. Glücklicherweise haben das selbst unsere Politiker nicht geglaubt und jetzt die überfälligen Konsequenzen aus dem Trauerspiel »Tim K. vs. Winnenden« gezogen.

Das Admin-Wort der Woche KW 20/2009 –Nie wieder Winnenden, Politik reagiert

Liebe Politiker,

bisher habe ich Euch und Eure Schaukämpfchen im Parlament doch immer mit einer Belustigung betrachtet. Denn mal ehrlich, Eure weitgehend resultatfreien Schaukämpfe sind wirklich nichts, was die Republik auch nur einen Millimeter nach vorne bringt. Und wenn mal einer ausschert, und wie neulich Peer Steinbrück bei der Debatte um die Steuerhinterziehung mal Klartext redet, pfeift Ihr ihn sofort zurück. Seichtes Geblubber auf allen Fronten – von hier aus einen schönen Grüß an Horst Seehofer – hat hingegen noch keiner politischen Karriere geschadet.

Aber jetzt möchte ich mich bei Euch entschuldigen, in aller Form, denn ich habe Euch Unrecht getan. Sorry, Jungs und Mädels, war keine Absicht! Wie ihr auf das aktuelle Trauerspiel »Tim K. vs Winnenden« reagiert habt, es war einfach famos! Kleine Rückblende: Der junge Mann hatte sich an Vatis Nachtschränkchen bedient, und mit der dort deponierten Waffe nebst Munition doch allerlei Unheil angerichtet, bevor er seinem Elend – besser spät als nie – dann selbst mit einer gut gezielten Kugel ein Ende machte.

In dem darauffolgenden Medienhype begann natürlich sofort die Suche nach den Schuldigen. War es die zu lasche Erziehung durch die Eltern, hatte er versehentlich das falsche Computerspiel installiert, eine Marily Manson CD im Player, oder lag’s gar an der Ödnis der württembergischen Provinz, die zu dem ganzen Schlamassel führte? Wie immer musste erst die IT den Sündenbock ziehen – also Computerspiele. Irgendwann setzt sich dann aber doch die Erkenntnis durch, das sowohl seine Ausbildung als Schütze als auch sein Zugang zu Waffen vielleicht eine Rolle bei der ganzen Geschichte gespielt haben könnten. Hatte ich ja auch geschrieben, aber auf mich hört keiner. Spätestens nachdem der Spiegel mit seiner Titelstory »Bewaffnete Republik Deutschland« ein bisschen Druck gemacht hatte, begann man sogar in der Politik ernsthaft über eine Verschärfung des Waffenrechts nachzudenken. Denn ein leicht bekloppter Tim K. der mit einem Küchenmesser Amok läuft, ist einem im Zweifel doch lieber als einer mit einer durchgeladenen Beretta. Von Computerspielen war fortan nicht mehr die Rede – aber wetten, dass sie beim nächsten Mal wieder als erstes genannt werden?

Ok, Politiker, und was tut ihr nun? Statt es euch mit der Waffenindustrie und den Sportschützen zu verscherzen, wolltet Ihr lieber Paintball verbieten. Die Spinner, die in ihren Masken durch den Wald rennen, sehen ja auch irgendwie gefährlich aus. Mit den dabei verwendeten »Waffen« kann man sich zwar maximal sein weißes Hemd ruinieren, aber egal. Nun gut, das habt Ihr ja dann zum Glück doch nicht durchgekriegt.

Ach ja, und außerdem soll es möglicherweise demnächst irgendwann stichprobenartige Kontrollen bei Besitzern echter Waffen geben. Aber das weiß man noch nicht so genau. Die könnten sich ja in ihren Rechten eingeschränkt fühlen, wenn sie zu Hause vor dem Kaminfeuer ihre Berettas, Mausers, Glocks und was weiß ich noch alles streicheln. Außerdem – Hand auf’s Herz – würde das wohl keinen einzigen Amoklauf verhindern oder auch nur erschweren. Und kostet Steuergelder.

Was kann man stattdessen tun? Mein Vorschlag: Nehmt euch doch wieder mal die Computerspieler richtig zur Brust. Dieses virtuelle Rumgeballer ist höchst verdächtig. Auch wenn es auf LAN-Parties immer sehr friedlich zugeht. Das ist doch nur Show! Die Zocker ruhen sich auf den LAN-Parties doch bloss aus, um dann ein paar Tage später in der Schule mit Papis Großwildbüchse ordentlich aufzutrumpfen. 

Wenn wieder was passiert, nicht rumjaulen – ich hab’ alle rechtzeitig gewarnt!
Mit wachsamem Gruß,

Euer

Sascha Steinhoff


Der Autor

Sascha Steinhoff lebt und arbeitet als freier Journalist in Bangkok und München. Er veröffentlicht zu den Themen Business-IT, Administration und Fotografie. Sein aktuelles Projekt ist die Webseite www.scanguru.info, die sich der digitalen Archivierung analoger Dias und Negative widmet. In seiner Zeit als Verantwortlicher für den Netzwerk-Teil der gedruckten Ausgabe der PC Professionell sammelte er zahlreiche Einblicke und Kontakte in die Welt der Administratoren.