Die perfekte Suchmaschine

E-CommerceMarketing

Monopol-Kritiker Wolfgang Sander-Beuermann über die Weiterentwicklung der Suchmaschinen-Technik und wie diese in 300 Jahren aussehen könnte.

Es ist modisch geworden, über Google zu lästern und die Quasi-Monopolstellung des kalifornischen Unternehmens anzuprangern. Einer der wenigen Kritiker, die sich schon seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzen, ist Wolfgang Sander-Beuermann.

Er ist Leiter des Suchmaschinenlabors der Leibniz Universität Hannover und Gründungsmitglied des Vereins Suma eV (Verein zur Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszugangs).
Die Ziele des Vereins wurden schon 2004 formuliert: »freier Zugang zum digitalen Weltwissen – ohne »Hindernisse duch Monopole oder Oligopole«.

Der Suma-Vorstand: Prof. Helmut Pralle, Dr. Wolfgang Sander-Beuermann, Prof. Karlheinz Brandenburg, Giso Gillner (von links nach rechts)

Sander-Beuermann kennt sich aber auch mit der Technik bestens aus. Das bekannteste Projekt von Suma eV ist die alternative Suchmaschine Metager2.

Im nachfolgenden Aufsatz beschäftigt er sich mit der Zukunft der Suchmaschinen.

Entwicklung der Suchmaschinen – auf dem Weg in die Zukunft

Entwicklungen beschreiben, bedeutet zum einen, Veränderungen in ihrem zeitlichen Verlauf wahrzunehmen. Dies geschieht zumeist mit dem Ziel, daraus dann Schlüsse für die Zukunft ableiten zu können. Es bedeutet zum anderen, Wunschvorstellungen zu kennen, von denen man annimmt, dass eine relevante Anzahl von Menschen an ihrer Verwirklichung arbeitet.

Dialogfähiger Computer auf Raumschiff Enterprise
Fangen wir in der Zukunft an, mit der Frage: »Wie müsste eine optimale Suchmaschine beschaffen sein?«. Denn darauf gibt es eine Antwort, die vor vielen Jahren bereits in den Science-Fiction-Filmen von Raumschiff Enterprise beschrieben wurde: Ein dialogfähiger Computer, dem man natürlichsprachliche Fragen stellen kann und der darauf auch die passenden Antworten gibt. Da die meisten Fragen, die Menschen stellen, zunächst einer Präzisierung bedürfen, ist es die erste Aufgabe dieses Rechners, die Frage im Dialog zu präzisieren.

Maschine mit Weltwissen
Fragt beispielsweise jemand nach der »Schmelztemperatur von Stahl«, so muss zuerst genau geklärt werden, welche Sorte Stahl, ggf. mit welcher Vorbehandlung gemeint ist. Das heißt, die Maschine muss über ein solides Wissen zum Thema »Stahl« verfügen, wahrscheinlich muss sie wesentlich mehr Wissen darüber haben, als der (naive) Fragesteller.

Der Fragesteller lernt dann möglicherweise in diesem Dialog mit der Maschine zunächst einige Grundlagen der Werkstoffkunde; vorher ist die Frage kaum zu beantworten. Dieser Dialog, wie ihn der Computer des fiktiven Raumschiffes Enterprise beherrscht, sollte in letzter Vollendung sprachlich sein – so als wenn man sich mit einem Experten dieses Fachgebietes unterhält.

Diese Vision der Suchmaschine der Zukunft wird von vielen Experten geteilt. Auch der heutige Primus auf dem Markt teilt die Vision eines Raumschiff Enterprise Computers, der dann in typischer Allmachtsphantasie in einer noch wesentlich besseren Version bei Google INC. installiert ist.

Google-CEO: 300 Jahre bis zur Perfektion
– Wie könnte man diese Vision realisieren?
– Wann wird dieses Ziel erreicht sein?
– Wenn diese ultimative Suchmaschine wirklich bei Google INC. oder einem anderen Konzern installiert wäre, was wären die Konsequenzen?

Wenn wir fragen, auf welchem Weg man dorthin kommen könnte, dann sind wir beim allerersten Punkt zu Beginn dieses Aufsatzes: »Veränderungen in ihrem zeitlichen Verlauf wahrnehmen«. Nun ist der zeitliche Verlauf allerdings recht kurz: erst seit ca. Anfang der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts gibt es so etwas, was man »Suchmaschinen« nennen kann.

Google-CEO Eric Schmidt schätzt die Zeit, die es noch dauern wird, um so etwas wie eine ultimative Suchmaschine zu entwickeln, auf 300 Jahre. Sicher ist, dass wir hier nicht über ein paar Jahre oder Jahrzehnte sprechen. Daher sind diese 15 Jahre, die es heutzutage Suchmaschinen gibt, zu knapp, um aus ihrem Entwicklungsweg so weit in die Zukunft zu schließen; das Prinzip der Extrapolation – schließe aus einem bekannten Verlauf in der Vergangenheit auf die Entwicklung in der Zukunft – versagt hier.

Die Politik muss entscheiden
Fragen wir stattdesen besser, welche Wege der Suchmaschinenentwicklung sind denn momentan im Internet sichtbar?

Ich sehe drei Wege:
– die Weiterentwicklung des monolithischen Ansatzes à la Google oder  anderer Großkonzerne
– die Entwicklungen in den Nischen des Semantischen Web
– dezentrale, lose gekoppelte, autarke Systeme

Auf Seite 2: Dezentrale Struktur vs. allmächtiger Großcomputer

Mächtiger als jeder Staat der Welt
Die Frage, welcher dieser Wege sich durchsetzt, ist letztlich keine technische Frage, sondern eine politische. Denn die Politik entscheidet, ob sie den monolithischen Ansatz auf Dauer toleriert: Wenn die ultimative Suchmaschine im Besitz einer privatrechtlichen Firma ist, dann ist dieser Konzern mächtiger als jeder Staat der Welt.

Das kann keine Regierung auf Dauer akzeptieren, ggf. wird ein Staat dann diese Firma übernehmen – sei es offen, sei es durch verdeckte Maßnahmen innerhalb der Firma. Damit wäre George Orwell und seine Zukunftsv sion »1984« dann neben den Visionen vom Raumschiff Enterprise ebenfalls Realität geworden.

Die Metasuchmaschine Metager2 ist eine Alternative zu Google.

Allmächtiger Großcomputer

Die Entwicklungen in den Nischen des Semantic Web ergeben in diesem Zusammenhang nur Sinn, wenn sie zu einem großen System zusammengeschlossen werden, wenn sie Teil einer dezentralen, lose gekoppelten Struktur autarker Systeme sind. Denn niemand wird für jede Suche zunächst darüber nachdenken wollen, in welcher Nische er wohl das passende finden könnte.

Dezentrale Struktur ist das Ziel in der Demokratie
In pluralistischen Demokratien muss es das Ziel werden, eine dezentrale Struktur zu entwickeln, die von Vielen getragen wird und die viele unterschiedliche Sichtweisen und Bewertungsmaßstäbe zulässt.

Die »Wikipediaiserung« der Suchmaschinen muss Entwicklungsziel werden. Der eine allmächtige Großcomputer muss zu einem vernetzten Weltgehirn transmutiert werden, sonst wird »1984« irgendwann unweigerlich Wirklichkeit, auch wenn sich George Orwell um einige hundert Jahre verschätzt haben sollte.
(Wolfgang Sander-Beuermann/mt)

Weblinks
Suchmaschine Metager2
Suchmaschinenlabor
SuMa-eV

Zum Expertenbeirat von eWEEK europe zählen unter anderem auch IDC-Geschäftsführer Wafa Moussavi-Amin, der Innovationsberater Tom Groth, der Internet-Guru Ossi Urchs und Ex-IBM-Chef Richard Seibt.