Unternehmensgründung im Web 2.0

Open SourceSoftwareStart-UpUnternehmen

Eine gute Idee, ein paar Mitstreiter im Web und OpenSource-Software genügen um eine Firma zu gründen. Stefan Probst erklärt, wie das geht und was man von Linus Torvalds lernen kann.

Wir erleben gerade eine Revolution der Ökonomie – Wikinomics, Communities, Crowd-Sourcing und Open Space als Ausprägungen von innovativem Open-Source-Entrepreneurship. Stefan Probst, der Autor des nachfolgenden Artikel setzt bereits seit 1993 auf Linux und begleitet seitdem den Aufstieg von Open Source im Umfeld von LST, Caldera, SUSE und zuletzt Novell.

Als Inhaber der Unternehmensberatung Entresol und Vorstandsmitglied der Open Source Business Foundation gilt sein Hauptaugenmerk dem Ökosystem zwischen Open Source und Entrepreneurship.
Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Foundation

Die Prinzipien der klassischen Unternehmensgründung werden seit dem Internet-Zeitalter immer mehr hinterfragt. Auch wenn die New Economy im Jahr 2000 ihren ersten Höhenflug beendet hatte, so legte sie doch den Grundstein für viele unserer heutigen Technologien.

Spätestens mit dem Web 2.0 und vielfältigen fertigen Businessbausteinen sind statt klassischer Erfindungen oder ausgefeilter Businesspläne meist nur ein Internetzugang, eine innovative Idee, die mit gängigen Konventionen bricht, sowie eine Handvoll Mitstreiter irgendwo auf der Welt notwendig, um eine Vision ins Rollen zu bringen. Das hat das Potential, die neue Ökonomie nachhaltig mitzugestalten.

Kundenbindung schon vor der Firmengründung
Noch lange bevor die neuen Entrepreneurs über ideale Rechtsformen, Organisationsstrukturen oder notwendiges Fremdkapital nachdenken, wird – zumeist auch auf Basis von freier Open-Source-Software – als erster Schritt bereits eine enge Bindung zu den zukünftigen Kunden des neuen Unternehmens aufgebaut, den Usern des Projekts.


»Die Möglichkeiten des Web 2.0 gezielt nutzen« Unternehmensberater Stefan Probst.

Statt zuerst aufwändig Produktideen, Märkte oder Gelegenheiten im »strategischen Sandkasten« theoretisch zu durchdenken, wachsen die neuen Unternehmen vom ersten Tag an gemeinsam mit ihren zukünftigen Kunden und Anwendern. Märkte und Produkte entstehen dabei durch das Interesse an einem Projekt und der damit verbundenen Mitarbeit der Community. Der direktes Feedback und Contributions, die offenen Diskussionen beeinflussen die Entwicklung des Projekts.

Einfache Ideen führen zum Erfolg
Innovative Ideen müssen dabei weder kompliziert noch hochtrabend sein. Gerade besonders einfache Ideen, die in wenigen Augenblicken als »Elevator Pitch« klar und präzise weitergegeben werden können, führen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem nachhaltigen Erfolg.

Die Geschäftsidee sollte dabei bewusst mit traditionellen Konventionen brechen und während einer ausgiebigen Reifephase ständig hinterfragt und verfeinert werden. Je gründlicher ein Entrepreneur seine Vision durchdenkt und je früher er mit seiner Idee gleichzeitig schon an die Öffentlichkeit geht, also aktiv eine Community in die Entwicklung der Idee mit einbezieht und aufbaut, umso größer werden seine Erfolgsaussichten sein.

Dieser natürliche Weg zu einem neuen Unternehmen – oft als »Bootstrapping« bezeichnet – birgt entscheidende Vorteile: Statt Kapital sind vielmehr Kopf, Querdenken und Gemeinsinn entscheidend.

Business Administration wird delegiert
Fertige Module wie elektronische Büros, Webshops, Customer-Relationship-Management und Logistikanbieter sowie Beschaffungsmärkte, die Güter in hoher Qualität in beinahe jeder gewünschten Form liefern können, lassen den Entrepreneur von Anfang an viele Geschäftsprozesse mit hoher Professionalität ausgliedern beziehungsweise delegieren, die früher mühselig von Hand erarbeitet werden mussten.

Die gewonnene Zeit kann stattdessen in die Ausarbeitung der Geschäftsidee und der Beobachtung der sich verändernden Kundenbedürfnisse und Märkte investiert werden. Die klassische »Business Administration« wird weitest möglich delegiert.

Niedrigere Fixkosten
Kosten sollten dabei grundsätzlich als variable Kosten anteilig zu den Umsätzen entstehen. Die dadurch gleichzeitig wesentlich niedrigeren Fixkosten haben einen spürbar geringeren Kapitalbedarf sowie ein insgesamt deutlich verringertes Risiko zur Folge. Damit steht dieser Weg allen offen, die nicht viel mehr einbringen müssen als eine Vision, das Verständnis für Communities sowie die Offenheit gegenüber allen, die sich an ihrem Ökosystem beteiligen.
Lesen Sie auf Seite 2: Das Torvalds-Prinzip

Mit dem ungewöhnlichen Weg gehen teilweise auch ungewohnte Prinzipien einher:

1. Das Torvalds-Prinzip: Release early, release often

Der entscheidende Erfolgsfaktor für Linux lässt sich generell als Grundprinzip ansetzen. Linus Torvalds hatte 1992 sein Projekt -ein neues Betriebssystem zu entwickeln – bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Netz veröffentlicht. Zusammen mit einem Posting zu seiner Vision für dieses Projekt, hatte er nur wenige Zeilen Source Code bereits im Alphastudium freigegeben und die Diskussion darüber gestartet.

In der Folge gab es fast täglich neue Releases. Innerhalb weniger Monate war die Idee bei vielen Universitäten bekannt und das System erlangte durch die Mithilfe vieler Entwickler, die das Potential erkannten, schnell eine kritische Größe. Verbunden war auch von Anfang an eine erstaunlich hohe Stabilität. Heute ist Linux aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken und findet sich in einem Großteil der Consumergeräte oder Serversysteme wieder.

Offenheit führt zum Erfolg

Ohne das sehr frühe Öffnen des Projekts und den häufigen Releases, durch die die Änderungen der Community innerhalb kürzester Zeit integriert und damit von allen sofort verwendet werden konnten, wären der schnelle Erfolg und die große Verbreitung nicht möglich gewesen.

Es gab zwar vergleichbare Projekte, die versucht hatten zuerst einen weitgehend vollständigen Funktionsumfang aus eigener Kraft zu erreichen. Dieses Stadium haben sie aber letztlich nie verlassen, da sie es aus eigener Kraft alleine nicht schaffen konnten. Die Strategie der Offenheit und des sehr früh möglichen Zugriffs verhalf Linux – und Open Source generell – ganz wesentlich dazu, sich gegenüber anderen Systemen durchsetzen zu können.

2. KISS – keep it simple, stupid

Jeder gute Entwickler wird bestätigen können, dass es deutlich einfacher ist, komplizierten, wenig verständlichen Code zu schreiben als bestechend einfachen, klar strukturierten Code, in den sich auch Außenstehende bei Bedarf schnell einarbeiten können. Komplizierter Code macht es nicht nur Außenstehenden schwerer, den Zugang dazu zu finden, auch die Pflege und Weiterentwicklung wird deutlich erschwert.

Die klare Geschäftsidee
Überträgt man dieses Prinzip aus der Softwareentwicklung auf den Bereich der Geschäftsideen, dann zeigt es auf, dass oft nicht die komplexen technologischen Erfindungen zum Erfolg führen, sondern die bestechend einfachen aber konsequent durchdachten Ideen, die mit den gängigen Konventionen brechen.

Blickt man zurück auf die Zeit vor der Hightech-Blase im Jahr 2000, dann stellt man fest, dass es in diesen Jahren weder an reichlichem Risikokapital noch an guten Köpfen gemangelt hat und trotzdem waren nur die wenigsten der Technologie-Gründungen erfolgreich, da sie schlicht zu komplex waren.
Je klarer, einfacher und durchdachter eine Geschäftsidee ist, desto mehr Potential hat sie, von vielen verstanden und unt
erstützt zu werden.

3. Go where the community is

Eine aktive Open Source Community entsteht nicht durch Zufall, oft ist der Erfolg durch stetiges und konsequentes Community Management geprägt. Dabei ist es wesentlich, sich auch auf die typischen Werkzeuge und Kommunikationswege einzulassen.

Webportale, Blogs, Wikis, Social Platforms, Content Rating, Instant Messaging, Skype und Twitter bieten vielfältige Möglichkeiten, das Technik-affine Zielpublikum direkt zu erreichen. Softwareprojekte werden besser auf einem der grossen Portale wie sourceforge.net als auf einem entlegenen Server »im stillen Kämmerchen« gehostet.

Webbesucher vom ersten Klick an betreuen
Die Möglichkeiten des »Mitmach-Web« sollten gezielt genutzt werden, alle Webbesucher vom ersten Klick an konsequent betreut und eingebunden werden. Vielfältige Kommunikation über die Idee, ihre Entstehung und ihren Werdegang hilft, um auch an anderen Stellen erwähnt und von Suchmaschinen auffindbar gelistet zu werden. So sorgt zum Beispiel Twitter als Medium für besonders hoch bewertete Suchergebnisse bei Google.

4. The wisdom of crowds

Entgegen der klassischen Ansicht, dass Unternehmen vor allem durch einzelne starke, charismatische Figuren geführt werden sollten, lehren uns zahlreiche Beispiele aus unserer vernetzten Welt, dass die Weisheit der Vielen oftmals unerwartet neue, innovative Ansätze hervorbringt. Das geschieht mit einer Diversität und Kreativität, wie sie von Einzelnen alleine nicht erreicht werden kann.

»Begeisterung entfachen« Die Unternehmensberatung Entresol will vor allem Startups bei der Open-Source-Strategie auf die Sprüngen helfen.

Potential der Community nutzen
Jeder Mensch birgt ein hohes Potential an Innovation, wenn man ihm nur Wege bietet, um es einbringen zu können. Organisationen, die sowohl das Potential ihrer Mitarbeiter als auch das der Communities außerhalb des Unternehmens zu nutzen verstehen, verschaffen sich hier einen enormen Wettbewerbsvorteil.

Der Komplexität unserer modernen Welt lässt sich weder mit Hilfe von Try & Error, Ausblenden, rationalem Durchdringen noch durch Trivialisierung ausreichend begegnen. Einzig ein hoher Vernetzungsgrad mit einer möglichst vielfältigen Diversität der Beteiligten erlaubt es, eine Grundlage für emotionale Entscheidungen zu bilden.
Dies kann eine breite Community durch die so genannte »Mass Collaboration« leisten«, wenn sie entsprechend direkt und ungefiltert in das Unternehmen eingebunden wird und vielfältige Möglichkeiten zur Einflussnahme hat.

Wie Einstein gute Ideen erkennt
Albert Einstein beschreibt in einem Zitat die Qualität einer Idee:»Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint.« Ist die Idee dabei noch ausgereift, klar und einfach, dann steht einer erfolgreichen Umsetzung innerhalb unserer neuen Ökonomie nichts mehr im Weg.
(Stefan Probst/mt)

Weblinks
Entresol
Workshop der Open Source Business Foundation


Zum Expertenbeirat von eWEEK europe zählen auch auch weitere hochrangige Experten wie IDC–Geschäftsführer Moussavi-Amin, der Innovationsberater Tom Groth, Internet-Guru Ossi Urchs und Ex-IBM-Chef Richard Seibt.