Rettet die CeBIT

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Die CeBIT 2009 war eine Krisenmesse. Alle Zahlen sind eingebrochen, von den Ausstellern über die Standflächen bis zu den Besucherzahlen. Was muss sich ändern? eWEEK-Autor Rudi Kulzer über die CeBIT der Zukunft.

Es lässt sich nicht leugnen: Wirtschaftskrise und Strukturwandel in der IT-Industrie haben der weltgrößten Leitmesse der Branche in diesem Jahr stark zugesetzt. So sank die Zahl der Besucher nach Angaben des Veranstalters im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent auf rund 400 000, wobei das noch relativ viele wären. Zweifel seien erlaubt. Bei den Ausstellern musste die Messegesellschaft einen Rückgang um ein Viertel auf rund 4300 hinnehmen, bei der Ausstellungsfläche ein Minus von einem Fünftel auf rund 200 000 Quadratmeter.

Viele Unternehmen setzten bei ihren Marketingbudgets den Rotstift an, vor allem Firmen aus Asien verzichteten auf einen CeBIT-Auftritt. Der Grund: Wichtige Bereiche der Hightech-Industrie, vor allem Mobilfunk-Firmen und Unternehmen aus der Unterhaltungselektronik fühlen sich auf der CeBIT nicht mehr richtig aufgehoben und setzen auf andere Messen.

Berlin, Las Vegas, Barcelona statt Hannover
Die Unternehmen der Unterhaltungselektronik setzen in Deutschland auf die Funkausstellung IFA im Herbst in Berlin und auf die CES in Las Vegas im Januar in den USA. Bei großen asiatischen Konzernen wie Toshiba und Samsung, die in diesem Jahr keinen eigenen Stand auf der CeBIT hatten, hieß es, man habe auf der CeBIT die Kunden nicht mehr erreicht.

Zusätzlich hat sich in der Mobilbranche eine neue Leitmesse etabliert. In Barcelona findet nach dem Umzug aus Cannes seit einigen Jahren nur wenige Wochen vor der CeBIT der Treff der Mobilfunk-Industrie statt, der Mobile World Congress. Er hat sich zur weltweit wichtigsten Branchenmesse ums Handy entwickelt.

Gute Gespräche und mehr Fachbesucher, das ist der Trend für die Zukunft. (Bild: Deutsche Messe)

Volle Auftragsbücher auf dem »IT-Davos«
Trotzdem sieht Ernst Raue, für die IT-Messe verantwortliches Vorstandsmitglied der Deutsche Messe AG, seine CeBIT als »Fels in der Brandung«. Sie sei die größte IT-Messe der Welt, viele andere Messen dieser Art gebe es gar nicht mehr, so Raue am Sonntagmittag bei der Schlusskonferenz. Die CeBIT sei in diesem Jahr »sehr effizient« gewesen.

Die Zahl der Fachbesucher sei gestiegen, viele Unternehmen verließen Hannover mit vollen Auftragsbüchern sagte Raue. Angaben über die durch veränderten Trend entstandenen Einnahmeverluste machte er nicht. Doch die könnten für empfindliche Löcher in der Bilanz der Deutschen Messe AG sorgen.

Debattierclub ohne Bedeutung
Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer sieht die CeBIT gar als »Davos der IT-Branche«. Hoffentlich hat Scheer mit seinem Vergleich unrecht, denn der Weltwirtschaftsgipfel im mondänen Schweizer Kurort war gerade in diesem Jahr wieder nicht mehr als ein »Debattierclub«. Das wollen wir der niedersächsischen Landeshauptstadt am Maschsee nicht wünschen. Sie muss weder mondän sein, noch sollte sie zu einem Club von Sonntagsrednern verkommen.

Diese Gefahr war bei der Eröffnung zu beobachten als sich die Politiker der deutschen Provinz zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sich im Glanz des ehemaligen Hollywoodstars und heutigen »Governator« von Kalifornien Arnold Schwarzenegger sonnten.

Lesen Sie auf Seite 2: Die CeBIT als Kongress- und Fachmesse

Centrum für Büro- und Informationstechnik
Die CeBIT als wirkliche weltweite Leitveranstaltung der Informations- und Kommunikationstechnik neu zu beleben – eine schwierige Aufgabe. Doch genau dafür wurde die »Centrum für Büro- und Informationstechnik« (CeBIT) ursprünglich gegründet.

Deutlich weniger Besucher, dafür ein besseres Umfeld für Geschäftskunden war der Tenor. Wenn diese positive Bilanz der Aussteller und Messebetreibern sich mit Zahlen untermauern lässt, kann das ein Signal sein für eine neue, alte CeBIT, wie sie ursprünglich einmal gedacht war und wie sie vor allem kleine und mittelständische Unternehmen brauchen – eine Mischung aus Messe und Kongress als weltweite Leitmesse der IT-Industrie. Die einst von Werbegeschenkjägern überrannte Ausstellung sollte sich spürbar zu einer reinen Fachmesse der IT-Branche entwickeln.

Das Arbeitszimmer der Branche
In diesem Zusammenhang sei an die im vergangenen Jahr eingestellte Fachmesse Systems in München erinnert. Während die zuletzt nur noch etwa 39.000 Besuchern zählende Systems oft als »Arbeitszimmer der Branche» bezeichnet wurde, war die große Schwester in Hannover immer eher ein Schaufenster der Branche, schreibt die Finanzzeitung FTD. Nun scheint sich auch die CeBIT auf das Fachpublikum konzentrieren zu müssen.

Die Aufmerksamkeit der Fotografen gilt nur einem: Arnold Schwarzenegger, der mit Angela Merkel die Computermesse eröffnete. (Bild: Deutsche Messe)

Abschied von den Rekordzahlen
Das ist sicher ein richtiger Weg, der noch viele Herausforderung in sich birgt. Will sich die CeBIT konsequent auf IT-Lösungen für Firmen, vor allem für kleinen Unternehmen und den Mittelstand ausrichten, muss die Messeleitung endgültig Abschied von der Sehnsucht nach Rekordzahlen nehmen. Für eine solche CeBIT wären auch 300 000 wirkliche Fachbesucher eine Superzahl. Eine Zusammenlegung mit der Hannovermesse Industrie ist ebenfalls denkbart, wird aber sicher in Hannover aus Gründen des Umsatzes für Hotels und Gastronomie wenig Anhänger finden.

Der CeBIT-Sonntag fällt weg
Im nächsten Jahr muss sich der Charakter der CeBIT als »Business-und Kongressmesse« weiter verstärken. Sie wird dann auf Wunsch der Aussteller um einen auf dann fünf Tage verkürzt. Der CeBIT-Sonntag fällt weg – dadurch sollen die Kosten weiter sinken. Und auch der »Governator« wird 2010 wohl fehlen.
(Rudi Kulzer/mt)

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