Schafft die Netzwerke ab!

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Firmennetzwerke bringen oft mehr Ärger als Nutzen. eWEEK-Redakteur Mehmet Toprak hat sich deshalb ein paar böse Gedanken gemacht. Das Manifest eines Netzwerk-Hassers.

Wenn ich eine Firma gründen könnte, würde die ein bisschen anders aussehen. Vor allem in Sachen IT-Ausstattung ist es Zeit für innovative Konzepte. Ich stelle mir das ungefähr so vor:

Jeder neue Mitarbeiter bekommt erst mal 1000 Euro. Davon kauft er sich das Equipment, das er für seinen Job braucht. Für 1000 Euro kriegt man einen schönen Rechner mit großem Monitor, dazu vielleicht ein Netbook und eine extra Maus oder eine ergonomische Tastatur. Da kauft sich der eine Mitarbeiter vielleicht einen Office-PC von Acer, der andere besorgt sich zwei Asus-Notebooks und ein Smartphone, und die neue Marketing-Assistenz begnügt sich mit dem Billig-Notebook aus dem Discounter und einem schicken Smartphone von HTC.

Stoppt den Computer-Sozialismus
Und wenn jemand die Arbeit auf seinem alten Heimrechner erledigt und die 1000 Euro für ein Wellness-Wochenende mit seiner Freundin verprasst – auch gut. Dann kommt er wenigstens entspannt ins Büro. Da muss er schließlich was leisten. Die altbekannte Regel, dass es auf die Leistung ankommt, kann man auch auf die IT-Ausstattung übertragen: Es kommt auf die Daten an, die der Kollege am Ende des Tages abgibt, nicht auf den PC.

Auch auf dem Consumer-Notebook lassen sich Dokumente fürs Büro erstellen. (Bild: MSI-Notebook)

Für sein Werkzeug ist jeder selbst verantwortlich. Damit befreien wir uns auch aus dem Würgegriff der Hardware-Industrie. Hersteller wie Dell, HP oder Fujitsu Siemens wollen uns einreden, dass Firmen praktisch nicht operieren können ohne ihre Business-PC-Plattformen – natürlich mit kostspieligem Service-Vertrag über drei Jahre. Doch in meiner Firma werfen wir den Computer-Sozialismus über Bord. Jeder arbeitet mit dem PC und der Software, die ihm am besten gefallen.

Intelligente Kollegen konfigurieren selbst
Um die Software für die Arbeitsplatz-Rechner einzurichten, braucht es auch keinen Admin. Praktisch jeder halbwegs intelligente Mensch weiß doch heutzutage, wie man Windows installiert und Programme einrichtet. Und in meiner Firma arbeiten nur intelligente Leute.

Jeder ist sein eigener Admin
Beim Internetzugang geht es im gleichen Stil weiter. Ich zeige dem neuen Mitarbeiter, wo die Bodendose liegt. Den Rest kann er dann wohl selber. In meiner Firma ist jeder sein eigener Admin.

Kompliziert und wartungsanfällig. Schluss mit dem Netzwerk-Chaos.

Für die Sicherheit soll er bitte auch selbst sorgen. Jeder, der an seinem Privat-PC Updates einspielt, Spam-Mails löscht und den Virenscanner täglich aktualisiert, kann das auch am Firmenrechner. Wenn ein neuer Kollege wirklich mal Probleme mit dem Rechner hat und der Internetzugang nicht funktioniert, kann er ja die Kollegen fragen. Das fördert dann gleich die Teambildung und die Kommunikation unter den Mitarbeitern.
Lesen Sie auf Seite 2: Netzwerke sind Produktivitäts-Killer

Und das Firmennetzwerk? Nun, in meiner Firma gibt es kein Netzwerk. Sowas brauchen wir nicht. Die moderne Netzwerk-Technik ist neben Windows der größte Produktivitäts-Killer im Arbeitsleben.

Die paar Daten, die Kollegen untereinander austauschen, können sie sich doch per Mail zuschicken oder irgendwo bei einem Internet-Dienstleister zwischenspeichern. Dafür brauchen wir nun wirklich kein Netzwerk.

Abteilungsdrucker als sozialer Brennpunkt
Auf den Abteilungsdrucker, der übers Netz gesteuert wird, können wir übrigens auch gut verzichten. Der verursacht hohe Leasing-Gebühren und zweimal pro Tag einen Volksauflauf wegen Papierstau. Überlegen Sie mal, was durch den Kollegen-Plausch am defekten Abteilungsdrucker täglich an Arbeitszeit vernichtet wird.

Netzwerke waren früher mal eine gute Idee, heute ist der Aufwand so gestiegen, dass die Kosten den Nutzen übersteigen. Die einzigen, die heute noch von Netzwerken profitieren, sind Hacker, Netzwerk-Hersteller und die Service-Mafia.

Multikulti-Vielfalt bei E-Mailadressen
Natürlich haben wir auch kein einheitliches Mail-System. Jeder Kollege richtet sich für den Job eine E-Mail bei einem Provider seiner Wahl ein. Das gibt eine schöne, bunte Vielfalt. Der Chefingenieur hat die Mailadresse teddy73_yahoo.de, die Vertriebsassistentin sabine.irgendwas@hotmail.de und der Grafikdesigner ist unter badboy_701@freenet.de zu erreichen. Mir solls recht sein, so lange die ihren Job machen.

Ich hör schon den entsetzten Aufschrei der Image-Spießer: Huch, die Corporate Identity, der seriöse Auftritt beim Kunden. In der Finanz- und Bankenkrise sollten wir eigentlich gelernt haben, wie sehr man sich auf die seriöse Fassade der Banker und Vermögensberater verlassen kann. Nämlich gar nicht. Corporate Identity ist old school.

Eine Webseite hätten wir natürlich schon. Um die kümmert sich eine Web-Agentur. Von uns bekommt sie lediglich die Inhalte, die sie dann schön einpflegen können. Wozu mit irgendeinem kranken Content-Management-System herumärgern?

Der Umgang mit der Firmen-IT erfordert viel Know-how und ist deshalb teuer.

Für Hacker nicht angreifbar
Eine Firma ohne Netzwerk und ohne Mailsystem hat einen kolossalen Vorteil. Sie ist für Hacker nicht angreifbar. Unsere Company hat keine geschlossene Infrastruktur, auf die sich Cybergauner in aller Ruhe einschießen können, bis sie irgendwann mal eine Lücke finden. Unsere Company ist ein vielköpfige Hydra im Internet, für Hacker und Virencoder unerreichbar.
Somit sparen wir genialerweise auch eine Menge Geld. Denn der ganze Security-Zirkus mit Firewalls, Virenscannern und Spamfiltern ist dann völlig überflüssig.
Lesen Sie auf Seite 3: Das Anti-Netzwerk-Manifest

Um die Sicherheit der E-Mails kümmern sich übrigens auch die Mail-Anbieter, die scannen bekanntlich jede Mail. Das Problem kann man also getrost denen überlassen. Vielen Dank, Symantec, Kaspersky und Co, wir investieren unser Geld lieber in neue Standorte und gute Produkte.

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen« Wer hat das gleich noch mal gesagt? Die moderne Version lautet: Friede den Mitarbeitern, Krieg der Service-Industrie.

Danke, dass Sie bis hier gelesen haben. Vielleicht haben Sie sich das alles im Stillen auch schon gedacht. Wenn Sie das nächste Mal mit Kollegen oder Freunden über die Firmen-IT sprechen, dann tischen Sie denen am besten folgendes Manifest auf.

Das Anti-Netzwerk-Manifest


1. Netzwerke sind komplex.
Aufbau und Wartung erfordern hohen Aufwand an Personal, Know-how, Zeit und Geld.

2. Anfangs waren Netzwerke eine nützliche Technik. Doch weil immer mehr Funktionen wie Drucken übers Netz, IP-Telefonie oder Teleconferencing integriert wurden, sind die Komplexität und der Wartungsaufwand enorm gestiegen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis hat sich stark verschlechtert.

3. Die Organisation aller Betriebsaktivitäten und die Speicherung aller Firmendaten im Netzwerk machen Firmen immer zum lohnenden Ziel für Cyberkriminelle. Das hat in den letzten Jahren das Kosten-Nutzen-Verhältnis der herkömmlichen Firmen-IT weiter verschlechtert.

4. Die Idee der
Corporate Identity (CI)
fesselt die Firmen an ein bestimmtes Image und schränkt damit auch die Beweglichkeit ein. Aber der globale Markt verändert sich immer schneller und wird immer instabiler, deshalb ist schnelle Anpassung nötig und kein lähmendes Dauer-Image.

5. Wer ein Netzwerk so einsetzen will, dass es die Produktivität der Firma erhöhen, muss es auf seine Grundfunktionen zurückführen.

6. Friede den Mitarbeitern, Krieg der Service-Industrie.

(Mehmet Toprak)

PS: Ich freu mich schon auf das Gesicht des Sales-Vertreters von Dell, HP oder Cisco, wenn er meine Firma besucht. Da steigt er aus seinem silbernen Audio, frisch rasiert und gekämmt, in der Hand das Notebook-Köfferchen. Im Kopf all die auswendig gelerntern Talking Points seiner Powerpoint-Präsentation: hochskalierbare Server, performante Firewalls, 24-Stunden-Service, Return of Investment und Total Cost of Ownership und was der Phrasen mehr sind.

Er wird Augen so groß wie Untertassen kriegen, wenn er in unsere Firma kommt. Aus Lautsprechern dröhnt »Viva La Vida« von Coldplay,  die Luft ist trüb vor Zigarettenrauch, an Bistro-Tischchen stehen Mitarbeiter mit Netbooks und Smartphones, rauchen, lachen, quatschen und arbeiten. Ein hochproduktives Ambiente. Mit anderen Worten, die erste Firma der post-Netzwerk-Ära, die statt auf zentral gesteuerten IT-Sozialismus lieber auf gute Arbeit setzt …

Verlockend: Einfach Stecker ziehen, dann macht das Netzwerk keinen Stress mehr. (Bild: Sharkoon)