Verkaufsargument Ergonomie unsinnig?
Ergonomische Computermäuse: Damit der PC-Nager nicht zurückbeißt

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Für viele Anwender ist eine Computermaus ein unersetzliches »Nutztier« für die Arbeit am Rech-ner. Manchen bereitet sie jedoch zudem unerträgliche Schmerzen – als wenn der Nager bei jedem Klick zurückbisse. Verschiedene Faktoren können dabei eine Rolle spielen. Die Wahl einer indivi-duell passenden Maus trägt jedoch dazu bei, das Leiden zu lindern oder ihm gar vorzubeugen.

Mausarm als Problem

»Erfahrungsgemäß haben zehn bis 20 Prozent aller Computernutzer Beschwerden bei der Arbeit mit Computermäusen«, erklärt Ahmet Cakir, Leiter der privaten Forschungsgesellschaft Ergonomic Institut für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin. »Vor allem die Wiederholung stereotyper Bewegungen kann zu chronischen Erkrankungen führen«, erklärt Arbeitspsychologe Hardo Sorgatz von der TU Darmstadt. Fachleute sprechen vom RSI-Syndrom (repetitive strain injury), im Volksmund inzwischen »Mausarm« genannt.
 
Wenn Hand und Unterarm schmerzen, liegt der Kauf einer als »ergonomisch« beworbenen Computermaus nahe. Ergonomische Produkte sollen eine effiziente Arbeit ohne gesundheitliche Schäden ermöglichen. In der Praxis treiben Hersteller damit aber mitunter Unfug. Es gebe schlicht keine harten Kriterien für eine »ergonomische« Maus. Der Begriff sei in Bezug auf Mäuse weder definiert noch geschützt, sagt Hardo Sorgatz. Eine entsprechende Aussage auf der Verpackung garantiere also für nichts. Anders herum gelte – leider ebenfalls wenig hilfreich für die konkrete Kaufentscheidung: »So gut wie keine Maus ist von vornherein ‚unergonomisch‘, selbst die günstigen Geräte nicht«, erläutert Sorgatz. Schließlich sei die Grundform bei den gängigen Produkten ähnlich und seit langem unverändert. »Kurzfristig kann man mit jeder Maus arbeiten, problematisch wird es bei einer langen Dauer ohne Pause oder motorische Abwechslung«, urteilt der Schmerzforscher.

Auch die Hersteller wissen, dass es nicht »die« ideale Maus gibt. »Es gibt kein Patentrezept und keine Faustregeln. Auch sich hartnäckig haltende Vorstellungen wie ‚große Mäuse für große Hände‘ sind nicht belegbar«, betont Dirk Sturny, Sprecher des führenden Peripheriegeräte-Herstellers Logitech mit Deutschlandsitz in München. Seine Erfahrung: »Der Nutzer entscheidet, was er bequem findet. Die beste Maus ist diejenige, die man beim Arbeiten nicht bemerkt«, so Sturny. »Eine gute Maus fühlt sich an wie ein gutes Paar Handschuhe«, ergänzt Volker Timm, Inhaber von ERGO – Sitzen in Bewegung, einem Spezialhandel für ergonomische Büro-Hilfsmittel sowie Betreiber der Ergonomie-Fachagentur IOE in Hamburg.

 

 

Logitechs Marble Mouse soll ergonomische Wünsche erfüllen. Logitech-Sprecher -Sturny: Der Nutzer erntscheidet, was er bequem findet.

 


Keine therapeutische Wirkung

Eine Möglichkeit der Entlastung ist die Anschaffung einer symmetrisch geformten Maus, so dass man nach Belieben zwischen linker und rechter Hand wechseln kann, schlägt Ahmet Cakir vor. Die Tasten-Funktionen per Software zu tauschen, ist kein Problem. Hingegen Sondertasten zum Belegen mit zusätzlichen Funktionen oder eine gummierte Daumenablage seien nicht so wichtig. »Sie können subjektiv als komfortabel empfunden werden, bieten aber keine therapeutische Wirkung«, warnt Sorgatz.

Wer sich auf eine Hand festlegt, kann zu einem Nager mit angeschrägter Auflagefläche greifen. Es gibt unterschiedliche Kippwinkel, bei über 45 Grad spricht man von einer Vertikal-Maus. »Sie entsprecht der natürlichen anatomischen Haltung besser als herkömmliche Mäuse«, erklärt Hardo Sorgatz. In entspannter Position befindet sich die Handfläche nämlich nicht in waagerechter, sondern vielmehr in senkrechter Position. Eine Drehung nach Innen bereitet hingegen Mühe – auch wenn viele Nutzer diese nach jahrelangem »Training« möglicherweise nicht mehr wahrnehmen.

Als guter Kompromiss hätten sich Mäuse mit um 60 Grad gekippte Auflageflächen erwiesen, berichtet Spezialhändler Timm. Extreme Winkel von 90 Grad würden viele Nutzer dagegen als unangenehm empfinden. In diesem Bereich tummeln sich verschiedene Anbieter: Exoten wie AirObic und Evoluent aber auch gängige wie Logitech und Microsoft. Die Preisspanne reicht von 40 bis weit über 100 Euro. Liegen bereits chronische Beschwerden vor, helfen symmetrische oder Vertikal-Mäuse aber womöglich nicht mehr weiter. Dann kommen alternative Eingabegeräte in Frage.

Bislang lässt sich keine Gerätelösung pauschal einem medizinischen Problem zuordnen. Vielmehr sei entscheidend, womit der Nutzer am besten klar käme, sind sich die Experten Cakir und Sorgatz einig. Eine Option ist ein so genannter Trackball. Dabei handelt es sich quasi um eine umgedrehte Kugelmaus. Bewegt wird dabei die Kugel, um den Mauszeiger zu steuern. Der alternative Bewegungsablauf tut vielen Nutzern offenbar gut. Aus Sicht von Cakir und Sorgatz kann ein Trackball hilfreich sein. Platzhirsch bei Trackballs ist Anbieter Logitech. Für dessen günstigsten Vertreter,  die »Marble Mouse« werden laut Herstellerangabe rund 35 Euro fällig.


Grafiktablett als Ausweg

Zudem empfehlen Cakir und Sorgatz ein unter Grafikern übliches Tablet samt kabellosem Stift. »Aufgrund der langen Kulturerfahrung mit Stiften ist diese Variante ergonomisch deutlich vorteilhafter«, befindet Hardo Sorgatz. Vorteilhaft ist auch, dass es sich um ein so genanntes absolutes Zeigegerät handelt. »Das Tablet bildet die Monitorfläche 1:1 ab, es sind nicht mehrere Rollbewegungen wie bei Mäusen nötig, um die gewünschte Stelle zu erreichen«, schildert Cakir. Zudem lasse sich ein Tablet fast ohne Kraftaufwendung bedienen – das entlaste. Diese Marktnische wird vom Unternehmen Wacom beherrscht. Für ausreichend große Modelle muss man etwas Kleingeld in die Hand nehmen. So kostet etwa das »Wireless PenTablet« rund 200 Euro. Umständlich bei dieser Lösung ist jedoch, dass sich das Tablet in Kombination mit anderen Eingabegeräten den Platz streitig macht. »Für die Hand sind Stift und Tablet ideal. Gepaart mit einer Tastatur kann die Lösung bei ungünstiger Anordnung für die gesamte Haltung nachteilig sein«, sagt Ergonomie-Fachmann Timm.

Wacom Pentablet

Ausprobierenswert sei dann eine so genannte Rollermaus. Anders als die Bezeichnung nahe legt, hat das Gerät mit einer üblichen Maus nichts zu tun. Es mutet an wie eine Handballenauflage und ist ein Zusatzgerät, das vor der Tastatur platziert wird. Kernstück ist eine Rolle in der Mitte, die sich beidhändig nach links und rechts verschieben und anklicken lässt. »Von Vorteil ist, dass man den Arm nicht seitlich strecken muss, dabei handelt es sich nämlich um eine physiologisch unnatürliche Bewegung«, sagt Ergonomie-Experte Cakir. Volker Timm spricht in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit des körperzentrierten Arbeitens, das wegen seiner entlastenden Wirkung stets vorzuziehen sei. Gängig ist in dieser Geräte-Kategorie der Hersteller Contour Design. Dessen »RollerMouse« ist in verschiedenen Varianten für je etwa 200 Euro er-hältlich.

Generell gilt: All diese Produkte sind auf dem Maus-Markt Exoten, die es nicht für einen Apfel und ein Ei gibt. Der individuelle Leidensdruck bestimmt dabei die preisliche Schmerzgrenze. Zudem gilt wie bei allen »Ersatz-Mäusen«: Der Umgang ist gewöhnungsbedürftig und es mag etwas dauern, bis jeder Klick sitzt. »Je nach Nutzer und Gerät beansprucht das drei Minuten oder drei Tage«, lautet die Erfahrung von Spezialhändler Timm. Wenn das gewählte Gerät nach dieser Zeit noch immer unangenehm in der Hand liege, handele es sich um die falsche Lösung.


Testen mit der Maus

Es gibt weitere Maus-Alternativen wie Stift- oder Joystick-Mäuse sowie separate Touchpads, die jedoch alle keine nennenswert
e Rolle in diesem ohnehin schon kleinen Segment spielen. Experte Hardo Sorgatz empfiehlt Schmerzgeplagten zudem, nicht nur die Maus, sondern den ganzen Ar-beitsplatz auf den Prüfstand zu stellen: »Es ist ein Irrglaube, dass ein neues Eingabegerät allein für Linderung sorgt«. Oft fördere »unergonomisches Verhalten« das Leiden. Dazu zählen eine lümmelige Sitzhaltung oder eine ungünstige Tischhöhe. Auch dass Tastatur und Maus sich den Platz wegnehmen und somit Armverrenkungen erfordern, ist nachteilig, ergänzt Ahmet Cakir. Dies lasse sich durch den Einsatz einer Kompakttastatur vermeiden.

»Das Zusammenspiel aller Faktoren ist entscheidend für beschwerdefreies Arbeiten«, fasst Cakir zusammen. Pauschale Ratschläge seien kaum möglich, es komme auf die individuelle Umgebung an. Wer viel Büroarbeit zu leisten hat, sollte beherzigen: »Viele Anwender versuchen sich ihrer Umgebung anzupassen. Es sollte aber genau umgekehrt sein und die Umgebung sich dem Körper anpassen«, rät Volker Timm. Wissenswertes über gesundes Arbeiten im Büro vermittelt www.ergo-online.de. Über den »Mausarm« informieren Sorgatz‘ Seite www.rsi-online.de und Timms Themen-Portal www.rsi-syndrom.de.

Fazit: Testen mit der Maus
Oft entscheidet erst eine Probephase, ob ein bestimmtes Mausmodell den eigenen Bedürfnissen entspricht. Spezialisierte Händler bieten die Möglichkeit, Geräte ausführlich zu testen und – sollte man damit nicht klarkommen – zurückzusenden. Beim Hamburger Unternehmen ERGO – Sitzen in Bewegung kann alles – auch Computermäuse – bis zu sieben Tage ausprobiert werden. Voraussetzung ist eine vorherige Beratung, um die Auswahl einzugrenzen. Der Online-Händler Ergo2Work ermöglicht eine 30-tägige Probebestellung für Geschäftskunden. Die Probenutzung ist in der Regel kostenpflichtig, wenn die Maus nicht gekauft wird.