Urchs: »Web 2.0 gibt Firmen ein menschliches Gesicht«

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Lästige Mode oder echter Nutzen? Web 2.0 ist bei Firmen noch nicht angekommen. Internet-Guru Ossi Urchs erklärt im eWEEK-Interview, warum Firmen die neuen Techniken nutzen sollten.

Social Networks sind zu einem Lieblingsthema der Marktforscher und Berater geworden. Die Experten raten fast einhellig, Techniken wie Social Networking auch in Unternehmen zu nutzen. Einer von ihnen und gleichzeitig einer der besten Kenner der Digitalen Welt ist Ossi Urchs.

Er ist schon seit Mitte der 80er Jahre Spezialist für interaktive Medien und hat 1997 beim TV-Sender ntv ein businessorientiertes Internet-Magazin präsentiert. Seitdem ist er als Autor, Kolumnist für zahlreiche Magazine vom Playboy bis zu Netinvestor tätig und nimmt Lehraufträge an Hochschulen wahr.
Daneben berät er Unternehmen in Seminaren und Vorträgen in allen Fragen rund um Marketing und Internet.

Die eWEEK-Redaktion wollte von Urchs wissen, wie Unternehmen die Möglichkeiten von Social Networking einsetzen können. Das Interview wurde per E-Mail geführt.

eWEEK: Was bringt Web 2.0 für Unternehmen?
Urchs: Web 2.0 und insbesondere die Sozialen Netzwerke sind die Basis für den intensiven Austausch der Nutzer untereinander. Für Unternehmen ist das eine hervorragende Möglichkeit festzustellen, wie sie in den Augen der Nutzer, und damit ihrer potentiellen Kunden, dastehen: Welches Image hat mein Unternehmen, meine Marke? Wie wird über uns gesprochen und gedacht? Gibt es Mängel in irgendwelchen Bereichen bzw. bei irgendwelchen Services, die Nutzer und Kunden verärgern? Das sind wertvolle Einsichten zum Selbstkostenpreis!

Web 2.0 als Herausforderung fürs Zeitmanagement: »Wer vom Kommunikationsaufkommen überflutet wird, hat noch nicht gelernt, es zu organisieren.« (Bild: Urchs)

Bisher war Unternehmenskommunikation weitgehend eine Einbahnstraße. Jetzt eröffnet sich die Möglichkeit, in einen direkten Dialog mit den Kunden zu treten. Und das nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich.

In welchen Abteilungen der Firma sind Web-2.0-Techniken besonders nützlich?
Das ist nicht auf eine bestimmte Abteilung begrenzt. Im Gegenteil: Sie bieten in so gut wie allen Bereichen Optimierungspotential, also in der Organisation und den Strukturen, den Prozessen und Abläufen. Deswegen sprechen Berater in diesem Zusammenhang heute auch vom »Unternehmen 2.0«.

Besonders wichtig sind diese Techniken allerdings überall dort, wo man auf Menschen, auf Mitarbeiter wie auf Kunden trifft. Da kann man der Firma so etwas wie ein menschliches Gesicht und eine menschliche Sprache verleihen.


»Ein neugieriger Mensch, der gern ausprobiert, was neue Informations- und Kommunikationstechniken zu bieten haben«, sagt Urchs über sich selbst. (Bild: Urchs)

Wie weit sind deutsche Unternehmen schon in der Adaption dieser neuen »Kulturtechnik«? Wo hakt es noch?
Nur wenige Unternehmen, ob in Deutschland oder anderswo, nutzen diese Potentiale heute schon konsequent. In einigen Teilbereichen, ob in der Online-Präsenz mit einem Management-Blog oder auch im Onlineshop, wo die Kunden eigene Bewertungen der Produkte abgeben, mag das anders aussehen. Viele nutzen auch schon Wikis für die Mitarbeiter in der Entwicklung oder Support.
Dann kann man ja zufrieden sein …
Nicht ganz, denn viele Entscheider, die selbst oft nur wenig Erfahrung mit dem Web 2.0 haben, scheuen sich noch, alle Bereiche des Unternehmens im Zeichen von Web 2.0 auf den Prüfstand zu stellen. Dabei ist gerade dieser Schritt heute unverzichtbar.

Wie motiviert man Mitarbeiter, Social Networks und die neuen Formen der Kommunikation in den Büroalltag einzubringen?
Am besten, indem man selbst, als Entscheider oder Angehöriger des Managements, mit gutem Beispiel voran geht.
Klingt gut, aber gerade ältere Manager sind häufig nur wenig mit den Web 2.0 Techniken vertraut.
Deswegen empfiehlt es sich bei We-2.0-Projekten bereits mit einem »Erstbesatz« an Inhalten, Diskussionsbeiträgen und Ähnlichem an den Start zu gehen. Dann sollte man versuchen, besonders engagierte Mitarbeiter so früh wie möglich an der Projektentwicklung zu beteiligen.

Und dann wird man sehr schnell feststellen, dass viele nur darauf gewartet haben, endlich einmal gefragt zu werden. Die Erfahrung zeigt, dass viele gern ihr Wissen und ihre Erfahrung teilen und den Kollegen zur Verfügung stellen.

Die Grenze zwischen Beruf und Privatleben verschwindet. Dienste wie Xing oder Facebook tragen dazu bei.

Geht durch Web 2.0 nicht die Trennung zwischen Beruf und Privatleben verloren?
Das ist heute ein gesellschaftlicher Trend, der nicht nur durch Web 2.0, sondern durch zahlreiche andere Faktoren unterstützt wird. Das fängt beim Webzugang am Arbeitsplatz an, geht mit den Smartphones in der mobilen Kommunikation weiter, und hört beim Home Office noch nicht auf.

Übrigens ist die Trennung von Beruf und Privatleben selbst ja ein gesellschaftlich noch nicht sehr altes Phänomen, das erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann – und heute offensichtlich auch schon wieder vorbei ist.

Viele beklagen sich über die Informationsflut durch E-Mails. Social Networking-Aktivitäten wie Twitter oder Blogs erhöhen das Informationsaufkommen zusätzlich. Da kommt doch keiner mehr zum Arbeiten.
Wer vom Kommunikationsaufkommen überflutet wird, hat noch nicht gelernt, es zu organisieren. Da ist sicher auch die Informations-Technologie (IT) gefragt.

Entsprechende Interfaces und Messaging Systeme können den Mitarbeitern die Organisation erleichtern. Aber am Ende des Tages müssen Mitarbeiter und Management lernen, die zu ihnen und ihrer Arbeitsweise passenden Formen der Kommunikations richtig zu organisieren und zu nutzen.

Was kommt nach Web 2.0? Was ist die nächste Evolutionsstufe?
Viele reden heute schon von »Web 3.0« oder sogar von weiteren Iterations-Stufen der Entwicklung. Ich persönlich glaube, dass das durchaus noch Zeit hat. Ich sehe als nächsten Schritt zunächst einmal eine technische Konvergenz auf der Basis der Internet-Architektur und -Protokolle bei einer gleichzeitigen Differenzierung der Nutzung und der dazu eingesetzten Endgeräte.

Was heißt das konkret?
Wir werden in Zukunft Online-Videos, ob zur Unterhaltung oder zur beruflichen Information, vom Home-Server selbstverständlich auf den Fernseher streamen, während wir durch mobile Endgeräte Mails an jedem Ort und zu jeder Zeit bearbeiten können. Ob das unser Leben leichter macht oder ganz neue, noch viel größere Anforderungen an den einzelnen mit sich bringen wird, möchte ich mal dahin gestellt sein lassen.

Welche Kommunikationstechniken nutzt Ossi Urchs persönlich?
Das kommt ganz auf den Tag und die Aufgabenstellung an. Bis auf E-Mails, die ich natürlich täglich nutze. Aber an einem beliebigen Tag nutze ich auch Skype und Instant Messaging für die private wie für die berufliche Kommunikation. Auch diverse soziale Netzwerke von Xing bis Facebook, von MySpace bis YouTube nutze ich sehr intensiv. Wikis und diverse Blogs nutze ich zur Recherche wie zur Unterhaltung.

Und unterwegs?
Da ich sehr viel unterwegs bin, war das iPhone und die damit auf einmal zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur mobilen Internetnutzung, für
mich die beste Erfindung seit »geschnitten Brot«. Insgesamt bin ich ein neugieriger Mensch, der gern ausprobiert, was neue Informations- und Kommunikationstechniken zu bieten haben.
Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte eWEEK-Redakteur Mehmet Toprak

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»Mails an jedem Ort und zu jeder Zeit« Internet-Spezialist Ossi Urchs. (Bild: Urchs)