»Mit blauem Auge davonkommen«

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BITKOM-Präsident August-Wilhelm Scheer spricht über die Wachstumschancen für IT-Unternehmen, und erklärt wo man investieren muss, um Deutschland im Wettbewerb zu stärken.

Der IT-Branche geht es im Vergleich zur Automobilindustrie und den Banken trotz Krise nicht so schlecht. Für dieses Jahr erwartet BITKOM-Präsident August-Wilhelm Scheer ein Nullwachstum für den Bereich und rät seinen Mitgliedsunternehmen jetzt  »auf Sicht« zu fahren.

Im Gespräch mit eWeek-Mitarbeiter Frank Reich erläutert Scheer seine Vorstellungen.

Man hat das Gefühl, dass es der Branche gar nicht so schlecht geht. Viele rufen nach staatlichen Hilfen – wie ist es bei Ihnen?
Nun, wir sind nicht Auslöser des Problems, wie wir das bei der Internetblase gewesen sind, sondern wir helfen jetzt ja auch Unternehmen in dieser kritischen Situation durch den Einsatz moderner Informationstechnologie ihre Abläufe zu verbessern.

Aber wir spüren natürlich auch, dass die Kunden zögerlich sind, neue Projekte aufzusetzen und deswegen freuen wir uns, dass bei dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung unsere Branche mit einbezogen ist. Das heißt, dass Investitionen, die ohnehin notwendig sind, jetzt auch schneller ausgelöst werden mit Hilfe des Staates.

Lassen Sie uns konkret werden: Wie könnte das aussehen? Was würden Sie sich wünschen?
Nun, wir wünschen uns, dass nicht nur in Stein und Beton und Blech investiert wird im Rahmen des Investitionsprogramms, sondern auch in Brain. Also auch in die Köpfe, in die Ausbildung junger Leute und auch in die Modernisierung unseres Bildungssystems durch Einsatz von moderner Informationstechnik.

Wir wissen, dass viele Schüler nur ganz wenig Ausbildung in Informatik, im Einsatz von Computern haben. Und dass wir auch in Universitäten die Labors mehr mit Informationstechnik ausstatten müssen und das bedeutet, dass wir damit auch die Grundlage schaffen für einen nächsten Wachstumsschub.

»Das Gefühlte ist stärker, als dass, was real im Augenblick die Unternehmen bewegt.« Bitkom-Prsäsident Scheer. (Foto: Frank Reich)

D.h. wir müssen uns so modernisieren und eine Plattform schaffen in der Verbesserung des Bildungssystems, in der Verbesserung der Infrastruktur der Telekommunikation, aber auch im intelligenten Verkehrsausbau, damit eben die nächste Generation nicht nur die Schulden hat, sondern auch auf einem höheren Niveau ihr eigenes Lebensglück verbessern kann.

Wenn wir beide jetzt spontan auf der Straße eine Umfrage machen würden, würde jeder sicherlich sagen: Natürlich sollen die Schüler Notebooks haben, natürlich muss in die Infrastruktur investiert werden. Woran ist denn bislang gescheitert?
Nun wir wissen ja, dass wir Nachholbedarf haben. Wir sind ja in Europa nicht gerade an der ersten Stelle in unseren Bildungsausgaben. D.h. es ist eigentlich bekannt und jetzt werden eigentlich nur die Schleusentore geöffnet für die Dinge die ohnehin wichtig waren.

Man hat sich eben vorher zu sehr am Sparen, zu sehr an dem Einhalten von Verschuldungsgrenzen – die ja auch für sich sinnvoll sind – orientiert. Aber: Wir müssen eben sehen, dass Investitionen in die Zukunft sich hinterher von alleine bezahlbar machen.

Wenn wir also bessere Ausgangspositionen haben, wird die Produktivität unserer gesamten Volkswirtschaft besser werden, wir werden besser werden im internationalen Wettbewerb. Und diese Argumente ziehen heute mehr als nur immer auf Schuldenseite zu gucken.

Schauen wir mal auf die Unternehmen, die BITKOM-Mitglieder sind. Wie geht es denen im Vergleich zur gesamten konjunkturellen Situation?
Nun wir haben ja unterschiedliche Branchenausrichtungen in dem gesamten BITKOM. Wir haben die Informationstechnik, die erwartet noch ein leichtes Wachstum. Wir haben die Telekommunikationsindustrie, die hat ein Mengenwachstum, aber die Preise sinken. Das merkt jeder, da freut sich auch jeder drüber; aber die niedrigen Preise, die insbesondere auch durch Regulierungen vom Brüssel erzwungen werden entziehen natürlich den Unternehmen Geld, das sie eigentlich für Investitionen dringend benötigen.

Und wir haben die sogenannte Consumer Electronic. Das sind also Unternehmen, die Flachbildschirme und ähnliche Dinge anbieten. Die hatten in den letzten Jahren Hochkonjunktur durch die großen Sportereignisse, die gewesen sind und die sind nun nicht mehr da. Auch dort haben wir hohen Preiswettbewerb.

Das heißt, wir haben eine gemischte Situation, aber insgesamt glauben wir, dass wir mit einem Nullwachstum noch mit einem blauen Auge in diesem Jahr insgesamt davon kommen.

Sie befragen regelmäßig Ihre Mitglieder – mit welchem Ergebnis?
Nun wir befragen im Augenblick monatlich repräsentativ unsere Branche und wir sehen, dass die Stimmung in der Branche in den letzten Monaten kontinuierlich etwas schlechter geworden ist. Ich sage extra »etwas«, denn wir sehen, dass auch in der aktuellen Befragung im Dezember herausgekommen ist, dass zwei Drittel der befragten Unternehmen sagen, dass sie im Augenblick noch nichts von der kritischen Situation merken.

Aber: 50 Prozent, sogar ein bisschen über 50 Prozent, sagen, dass sie in den nächsten Monaten erwarten, dass die Situation schwieriger wird. D.h. also das Gefühlte ist stärker, als dass, was real im Augenblick die Unternehmen bewegt.
Lesen Sie auf Seite 2: Was August-Wilhelm Scheer den Firmen rät.

Was raten Sie Ihren Mitgliedern jetzt, wie sollen die die Krise meistern? Auf der einen Seite ist die Bundesregierung mit dem Konjunkturpaket – was können Ihre Mitglieder auf der anderen Seite tun?
Der beste Rat ist im Augenblick auf Sicht zu fahren. Dadurch, dass wir nur eine große Nebelwand vor uns sehen, hat es keinen Sinn, jetzt aufs Gas oder auf die Bremse zu drücken, sondern wir müssen vorsichtig fahren.

Und deswegen auch unsere ständigen Umfragen, um sehr aktuell das Bild der Branche zu erfassen und dadurch auch unseren Unternehmen Hilfestellungen bei ihren strategischen Entscheidungen zu geben.

»Nicht nur in Infrastruktur investieren, sondern auch in Bildung.« Bitkom-Chef August-Wilhelm Scheer. (Foto: Reich)

Aber auf keinen Fall rate ich den Unternehmen, jetzt in Pessimismus zu machen. Wir sind eine Wachstumsbranche, wir haben große Zukunftschancen, wir verändern die Welt. Das sieht jeder, wie sein privates Umfeld durch das Internet beeinflusst worden ist. Wir verändern die Unternehmen, wir verändern die Behörden und diese Vision wollen wir uns auch nicht nehmen lassen, selbst wenn wir jetzt in eine kleine Delle hineingeraten.

Sie haben gesagt, wir stehen vor einer Nebelwand. Dennoch die Frage zur Prognose: Wo stehen wir am Ende 2009?
Wir gehen von einem Nullwachstum aus und an dieser Zahl möchte ich auch festhalten, ich glaube, dass die gut begründet ist. Das setzt sich auch zusammen aus den Informationen, die wir heute noch bei einer Rundfrage durch die wichtigsten Unternehmen bestätigt gefunden haben.
(Frank Reich/mt)

Das Interview führte eWEEK-Autor Frank Reich.

Weblinks
Video: Pressekonferenz mit August-Wilhelm Scheer und Bitkom-Vizepräsident René Obermann

Podcast: Interview mit BITKOM-Präsident  August-Wilhelm Scheer