Offshoring: Unternehmen verpassen Chance

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Mittelständler lagern IT-Projekte nur ungern aus. Dabei gibt es inzwischen interessante Offshoring-Angebote – zum Beispiel in Armenien.

Das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Experton Group ist deutlich: 53 Prozent der deutschen Mittelständler werden keine IT-Projekte auslagern. Im Auftrag des IT-Dienstleisters Atos Origin die Marktforscher von Experton 30 deutsche Mittelständler (250 bis 1000 Mitarbeiter) aus den verschiedensten Branchen (Medizintechnik, Dienstleistung, produzierendes Gewerbe et cetera) unter anderem, ob sie angesichts der weltweiten Finanzkrise verstärkt vom Offshoring Gebrauch machen werden. Ergebnis: Nur 17 Prozent der Befragten arbeiten bereits mit Dienstleistern zusammen, die Near-/Offshoringleistungen mit anbieten.

Dabei ist Offshoring laut Ulrich Engelhardt, Senior Vicepresident Consulting & Systems Integration für Zentraleuropa bei Atos Origin, schon seit knapp acht Jahren weltweit im Einsatz, um IT-Projekte zu realisieren.

Trotzdem sind die Firmen nach wie vor äußerst skeptisch: Unsicherheit über die rechtliche Situation im Land des Dienstleisters und die Angst vor Sprachbarrieren sind die häufigsten Gründe gegen Outsourcing. Für das Outsourcing spricht hingegen nach wie vor die Kostenersparnis.

Dämpft Erwartungen: Ulricht Engelhardt von Atos Origin weiß, dass Outsourcing keine traumhaften Einsparungen von bis zu 70 Prozent mehr ermöglicht. (Bild Atos Origin)

Ulrich Engelhardt warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen: »Es gibt keine Kosteneinsparungen von 60 oder 70 Prozent mehr«. Heute seien im Vergleich zur Arbeit mit einheimischen IT-Experten bestenfalls Kostenreduktionen von 20 bis maximal 40 Prozent machbar, erklärt der Atos-Manager.

Hohe Qualität, vertretbare Kosten
Laut Engelhardt steht die Kostensenkung beim Outsourcing auch längst nicht immer im Fokus. Inzwischen setzen viele seiner Kunden auf Offshoring, um hohe Qualität zu vertretbaren Kosten zu erreichen und Zugriff auf Experten mit besonderen Fähigkeiten zu bekommen.

Von Deutschland bis Armenien: Je nach Kundenanforderung können Dienstleister wie Atos Origin IT-Projekte in weiter entfernte Teile der Welt auslagern. (Bild: Atos)

Insbesondere Banken und Versicherungen verwenden nach wie vor Legacy-Anwendungen, meist in Cobol oder Assembler programmiert. Zur Pflege dieser Programme fehlt es hierzulande an Fachlauten, so dass notwendige Modifikationen nur per Offshoring zu machen sind.

Engelhardt erklärt, dass in Indien junge Programmierer auch heute noch dazu motiviert werden können, vermeintlich veraltete Programmiersprachen zu erlernen. Von daher sei das Outsourcing eines Projekts rund um Legacy-Anwendungen eine logische Folge und keine kostengetriebene Entscheidung.

Armenien, Land der Mainframe-Experten
Während zumeist Indien mit dem Thema Offshoring assoziiert wird, denken nur Eingeweihte auch an Armenien. Dabei war Armenien früher quasi das Silicon Valley der Sowjetunion.

Die Hauptstadt Eriwan (Yerevan) war das Zentrum für die Entwicklung von Informationstechnologie. Eine der Aufgaben des Zentrums: das Klonen westlicher Großrechner wie IBMs 360 und 370. Daher finden sich in Eriwan nach wie vor zahlreiche Experten für Cobol-, Fortran- und (IBM)-Assembler-Systeme, die nach Ende des Kalten Krieges arbeitslos wurden – ideale Mitarbeiter für Outsourcing-Unternehmen wie Energize Global Services (EGS).

Armenische Spezialisten für Legacy-Anwendungen
EGS ist der armenische Partner von Atos Origin, wenn es um Legacy-Anwendungen geht. Atos-Manager Engelhardt ist überzeugt, dass seine Kunden noch über etliche Jahre an ihren altbewährten Anwendungen festhalten werden, da sie Angst vor den Problemen eines Komplettumstiegs auf neue Programme haben. Von daher haben die armenischen Spezialisten auch in den kommenden Jahren gut zu tun.

Russisches Silicon Valley: In Armenien finden sich heute noch Experten rund um Cobol, Assembler, Fortran und IBM-Mainframes. (Bild Atos Origin)

Eine gänzlich andere Expertise bietet die indische Firma Wipro. Wipros Software Assurance Center übernimmt im Kundenauftrag die Analyse von bestehenden Anwendungen oder Source Code, um eventuelle Schwachstellen zu finden. Die Schwachstellen könnten von Angreifern genutzt werden, um die Anwendungen zu missbrauchen oder Daten zu stehlen.

Wipro bietet die Dienstleistung als SaaS (Software as a Service)-Spielart an. Das heißt, dass die Kunden ihren Code an Wipro übergeben müssen – für viele Firmen ein Grund zur Skepsis. Schließlich geben sie damit unter Umständen ihr Tafelsilber aus der Hand.

Quellcode durch Vertragsklauseln schützen
Vivek Nakkady Madathil, Practice Manager bei Wipro, versteht diese Bedenken: »Normalerweise versuchen Firmen, den Quellcode ihrer selbst entwickelten Programme bestmöglich vor fremden Blicken zu verbergen. Wir akzeptieren daher entsprechende Vertragsklauseln, die uns zu Schadensersatz verpflichten, wenn der Code durch uns nach draußen gelangt«, sagt der indische Software-Spezialist.

Nachdem seine Kollegen eine Anwendung analysiert haben, vergeben sie eine Bewertung, den »Software Assurance Score«. Dieser Wert zeigt an, wie sicher Design und Code des Programms nach Meinung der Experten ist. Fraglich, ob sich Unternehmen von solchen Vertragsklauseln überzeugen lassen. Unstreitig ist aber, dass das Outsourcing von IT-Projekten eine Chance bietet, hohe Qualität zu erschwinglichen Preisen zu bekommen. Egal, ob in Indien oder in Armenien.
(Uli Ries/mt)

Weblinks
Experton Group 
Atos Origin
Wipro

Bericht zu Outsourcing bei IT im Unternehmen