ERP: »Schnäppchenjagd ist fehl am Platz«

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Im Gespräch mit eWeek-Reporterin Carolina Kleinken-Palma erklärt ERP-Experte Eric Scherer, warum echtes Engagement der Geschäftsleitung Berge versetzen kann.

Die Suche nach einer neuen ERP-Lösung für (Enterprise Resource Planning) ist für Unternehmen eine echte Herausforderung. Denn auf dem Markt mangelt es nicht an Angeboten, so dass man leicht den Überblick verliert.
Allerdings gehen viele Unternehmen bei der Suche nach einer neuen ERP-Lösung nicht systematisch genug vor. Das meint der renommierte ERP-Experte Eric Scherer eher spärlich zu finden.

Scherer ist zugleich Geschäftsführer der Unternehmensberatung i2s. Im eWeek-Interview gibt Scherer Tipps, worauf es bei der Planung ankommt.

eWeek: Was sind die häufigsten Fehler, die Unternehmen machen, wenn sie sich auf die Suche nach einem ERP-System machen?
Scherer: Grundsätzlich gibt es zwei fundamentale Fehler: Man sucht gar nicht richtig diszipliniert, sondern entscheidet sich relativ oberflächlich für ein bestimmtes System. Häufig erfolgen solche Entscheide rein vom Hörensagen, etwa nach dem Motto »Wenn dieses Unternehmen dieses System hat, dann wird es auch für mich passen.«

»In den wenigsten Projekten trifft man auf ein wirkliches Engagement der Geschäftsleitung«, meint Eric Scherer. (Bild: i2s Consulting)

An zweiter Stelle sind es lange Pflichtenhefte schon zu Beginn einer Auswahl von Nachteil. Hier verstrickt man sich schnell in Details und verzettelt sich mit divergierenden internen Interessen.

Branchenspezifische Lösungen sind beliebt bei kleineren und mittleren Unternehmen herausgestellt. Für welche Firmen ist was am besten geeignet?
Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Letztlich ist der ERP-Markt so bunt und vielfältig. Es gibt viele verschiedene Produkte und fast jedes dieser Systeme hat zufriedene Kunden. Es lohnt sich, den Markt genau zu untersuchen und das für das eigene Unternehmen geeignete System zu finden. Gerade in einer frühen Phase der Auswahl sollte man mit wenigen, klar messbaren »Killer-Kriterien« an eine Auswahl herangehen.

Was sind die häufigsten Probleme, die bei einer ERP-Einführung auftreten? Und wie lassen sie sich vermeiden?
Es gibt einige wenige Gründe, die immer wieder zu Problemen führen. Hier steht an erster Stelle eine schlechte und ungenaue Planung. ERP-Projekte sind sehr komplex, die Phasenmodelle, die heute insbesondere von Anbieterseite angepriesen werden, treffen diese Komplexität leider nur in geringem Maße.

Ein weiterer Grund ist die äußerst durchwachsene Erfahrung der Projektteams. Dies gilt für die Anbieter- wie Anwenderseite: Es gibt in den allermeisten Projekten viel zu viele unerfahrene Anfänger. Außerdem ist da noch der ungelöste Interessenskonflikt zwischen dem Anbieter, der seine Projektführung auf Profitmaximierung hin ausrichtet und einer zunehmend nach dem »Geiz ist geil«-Prinzip agierenden Anwenderschar. Dabei muss klar sein: Bei ERP-Projekten ist Schnäppchenjagd absolut fehl am Platz.

Eine ERP-Systemeinführung bringt meistens Prozessveränderungen innerhalb des Unternehmens mit sich. Wie sollte die Geschäftsleitung sich dabei verhalten?
Ohne echtes Engagement der Geschäftsleitung bleibt der gewünschte Organisations- und Innovationseffekt beschränkt. In den wenigsten Projekten, sicher weniger als ein Zehntel, trifft man auf ein wirkliches Engagement der Geschäftsleitung. In aller Regel kann man es als bestenfalls oberflächlich und stark delegativ bezeichnen.

Aber mit echtem Engagement auf Führungsebene und bei der IT-Leitung kann man bei ERP-Projekten manchmal regelrecht Berge versetzen.

Oft sind Unternehmen enttäuscht über die hohen Kosten der ERP-Einführung.
Der Hauptgrund für Kostenüberschreitungen und Terminverzögerungen liegt in schlechter Planung. Die allermeisten Budgets, mit denen heute in der Praxis gearbeitet wird, sind schlichtweg unvollständig. Diese Lücken müssen dann später im Laufe des Projekts geschlossen werden. Das führt zu Mehrkosten. Grund dafür sind manchmal der Zwang zum »billigeren Angebot«. Der führt dazu, dass man die eine oder andere wichtige und notwendige aber nicht zwingend geforderte Budgetposition im Angebot einfach wegfallen lässt.

»Mehrkosten durch unvollständige Budgets und schlechte Planung« ERP-Experte Eric Scherer. (Bild: i2s Consulting)

Grundsätzlich würde ich Firmen empfehlen, jedes Anbieterbudget von einem »realen« Budget eines bereits umgesetzten Projektes her aufzubauen.

Welche Trends sehen Sie am deutschen ERP-Markt?
Wir erleben eine Marktkonsolidierung in kleinen Schritten. Es gibt immer weniger Player. Gleichzeitig entsteht mit den vielen Partner- und Branchenlösungen großer Anbieter, etwa SAP oder Microsoft, eine neue Art von Markt, der in sich wieder sehr vielfältig aber auch unüberschaubar ist.

Funktional wächst der Leistungsumfang immer weiter an. Während CRM lange Zeit ein eigenständiges Add-on war, ist es nun vermehrt Teil eines ERP-Systems. Außerdem haben wir das Thema »Globalisierung«. Immer mehr Anwenderunternehmen setzen ERP-Systeme standortübergreifend und in mehreren Ländern ein.
(Carolina Kleinken-Palma/mt)

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