Der ECM-Markt ist überbesetzt

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Im Gespräch mit eWeek-Reporterin Carolina Kleinken-Palma erklärt Ulrich Kampffmeyer, CMS-Experte und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Project Consult, warum die ECM-Branche positiv in die Zukunft blickt.

Die Qual der Wahl hat man in Deutschland, wenn man sich auf die Suche nach einem geeigneten Content Management System macht. Das Produktangebot und die Anbieterlandschaft sind sehr groß und vielfältig. Deswegen müssen Unternehmen im Vorfeld den eigenen Bedarf an ECM genau ermitteln.

eWeek: Kann man behaupten, dass der Markt für Dokumenten- und Content-Management im Aufwind ist?
Kampffmeyer: Der Markt für Enterprise Content Management ist sicher im Aufwind. Hierzu tragen verschiedene Effekte bei. Zum einen hat Microsoft mit der weiten Verbreitung von Microsoft Office Share Point Server 2007 (MOSS) mit Basisfunktionalität für ECM einen größeren Bekanntsheits- und Nutzungsgrad von ECM-Technologien (Enterprise-Content-Management) bewirkt.

Zum Zweiten sind alle großen Anbieter von Systemen und Standardsoftware wie Oracle, IBM, Hewlett Packard, Computer Associates etc. in diesem Markt eingestiegen. Drittens wird ECM immer mehr zur Basisinfrastruktur in modernen IT-Architekturen, um die steigenden Mengen an Information handhaben zu können. Der Markt wächst mit hoher Rate, jedoch verteilt sich das Wachstum unterschiedlich und auf sehr viele Anbieter.

eWeek: Wird sich der Markt möglicherweise als Folge der Banken- und Finanzkrise weiter konsolidieren?
Kampffmeyer: Der ECM-Markt wird sich weiter konsolidieren. Die Finanzkrise ist aber hier nicht direkt für die Konsolidierung ausschlaggebend. Es wird sogar damit gerechnet, dass ECM einen gewissen Aufschwung durch die Finanzkrise erfährt, weil die Erfüllung von Compliance-Anforderungen immer wichtiger wird. Der auf die Finanzkrise folgende allgemeine Wirtschaftsabschwung wird jedoch auf die Projekte in Bezug auf Größe und Startpunkt Auswirkungen haben, sodass sich das Wachstum der ECM-Branche im kommenden Jahr verlangsamen wird.

eWeek: Worauf sollen mittelständische Firmen achten, die gerade ein ECM oder CMS erwerben wollen?
Kampffmeyer: Der Mittelstand ist zur Zeit eine der Hauptzielgruppen aller ECM-Anbieter. Bei der Auswahl neuer oder zusätzlicher Produkte müssen die Mittelständler nicht nur auf die Solidität und Marktmacht der Anbieter achten, sondern besonders darauf, dass mit geringem Einrichtungs- und Pflegeaufwand Lösungen eingeführt und betrieben werden können. Man darf daher nicht nur auf die Investitionskosten für Hard- und Software achten.

Einen Aufschwung für ECM durch die Finanzkrise hält CMS-Experte Ulrich Kampffmeyer für möglich. (Bild: Project Consult.

Wichtig ist auch, dass die Lösungen schrittweise und modular eingeführt werden können, um den laufenden Geschäftsbetrieb nicht zu gefährden. Wichtig ist natürlich, dass sich die ECM-Lösung nahtlos in die vorhandene IT-Infrastruktur einfügt und über entsprechende Schnittstellen verfügt. Projekte scheitern eher an den organisatorischen Herausforderungen als an den funktionalen und technischen Eigenschaften der Produkte.

eWeek: Die Anforderungen an die Integration sind sehr stark gestiegen. Mit welchen Content-Management-Produkten lässt sich dieses Ziel eher erreichen?
Kampffmeyer: Zunächst muss man die Anforderungen festlegen, die notwendigen Schnittstellen ermitteln und eine IT-Architektur definieren, die den langfristigen Anforderungen der Verfügbarkeit von Information im Unternehmen gerecht wird. Dieser »Bebauungsplan« wird dann sukzessive mit Komponenten ausgefüllt. Sofern der Anwender Standardsoftware einsetzt, hat er auch eine gute Chance, ECM-Produkte am Markt zu finden, die über Standardinterfaces zu solchen Lösungen verfügen.

Je proprietärer und individueller die Softwarelandschaft beim Anwender ist, desto schwieriger wird es, geeignete Produkte zu finden und die individuellen Integrationsanforderungen steigen – und damit auch Kosten und Betriebsaufwand. Im Prinzip geht es darum, eine ECM-Infrastruktur aufzubauen, die beispielsweise ein einheitliches Repository und Archiv für alle Anwendungen bereitstellt.

eWeek: Im Gegensatz zu den kleineren Software-Herstellern bieten internationale Player wie IBM, EMC, Oracle oder Open Text inzwischen ganze Produktsuiten an. Sollen potenzielle Kunden eher eine Produktsuite oder nur eine bestimmte Lösung kaufen?
Kampffmeyer: Die genannten führenden ECM-Anbieter setzen auf Suiten und Baukastensysteme, die eigentlich alle Anforderungen an Enterprise Content Management abdecken. Sie erlauben auch den kontinuierlichen Ausbau, sind jedoch von der Investition und den laufenden Kosten häufig für typische Mittelständler nicht wirtschaftlich.

Durch eine größere Kunden- oder Branchennähe haben hier kleinere Anbieter bei Mittelständlern gute Chancen. Abzuraten ist jedoch von Einzellösungen für bestimmte Probleme, wie z.B. ein Archiv nur für die GDPdU-Daten (Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Unterlagen) oder eine Lösung nur zur Archivierung von E-Mails, die so nicht mehr im Sachzusammenhang mit anderen Dokumenten erschlossen werden können.

eWeek: Welche aktuellen Trends sehen Sie im deutschen ECM-Markt?
Kampffmeyer: Der deutsche Markt ist im internationalen Vergleich in Bezug auf die Anzahl der Anbieter überbesetzt. Neben den großen Anbietern gibt es zahlreiche mittelständische Produkthersteller, aber auch viele sehr kleine Anbieter und Integratoren mit eigenen Basisprodukten. Die meisten mittelständischen Anbieter setzen inzwischen auf Komplettangebote und Branchenlösungen.

Content Management, von der Entstehung bis zur Speicherung/Vernichtung. (Quelle AIIM)

eWeek: Worauf sollten Unternehmen außerdem  noch achten?
Ebenso wichtige Themen sind aktuell elektronische Rechnung, virtuelle Akte, universell nutzbare Archivsysteme, Integration und Nutzung von ECM-Funktionalität in Portalen, Collaboration und Workflow.

Weitere Trends sind standortübergreifende Informationsbereitstellung, Integration in Notes, Verbindung mit ERP und CRM und branchenspezifische Themen, die sich besonders durch die Erfüllung von rechtlichen und regulativen Vorgaben ergeben. Besonders durch SOA wird ECM immer mehr zur Infrastruktur in den Anwenderunternehmen.
(Carolina Kleinken-Palma/mt)

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