Schwerhörige bringen die IT-Branche voran

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Die Geldkrise ist auch in der IT-Branche angekommen – bei börsennotierten Unternehmen fehlt das Geld für neue Entwicklungen. In Deutschland ist es aber noch – in der Medizinbranche. Die benötigt zunehmend IT. Geldkrise hin oder her: Informationstechnik ist die Zukunft der Medizin – und umgekehrt vielleicht auch!

Nach einem Vierteljahrhundert in der IT-Branche habe ich erstmals einen völlig anderen Kongress besucht: In Berchtesgaden ging es Anfang Oktober um audioverbale Therapie für Schwerhörige. Das familiäre Interesse an dem Thema wich aber schnell einem bekannten Wohlgefühl, das man in den 80er-Jahren noch in der IT-Branche verspürte – einer Aufbrauchstimmung wie man sie in der von Finanzmaklern und Marketingschreiern unterwanderten IT-Welt nicht mehr kennt.

Die Parallelen zur IT-Welt sind vielfach stärker als so mancher “IT Propellerhead” zu glauben wagt: Ärzte und Pädagogen reden plötzlich über neue Chat-Technologien, über elektronische Verbindungen im 40-Nanometer-Bereich, über die Öffnung von Standards verschiedene Hersteller und sogar über Virtualisierungstechnik.

In den neuesten Geräten von Hörgeräte-Marktführer Phonak etwa lässt sich die Hörqualität über die Armbanduhr per Bluetooth-Verbindung einstellen. Je nach Einstellung werden verschiedene Mikrofone und Frequenzen ein- und ausgeschaltet, um Störgeräusche weitestgehend zu vermeiden oder einem klassischen Konzert besser folgen zu können. Die Hersteller sind zwar noch nicht so weit, die Funktechnik für die bessere Abstimmung von zwei Hörgeräten am linken und rechten Ohr anzupassen – aber sie arbeiten an der Software dafür. Hier tun sich also Karrierechancen für verantwortungsbewusste und sicher gut bezahlte Software-Ingenieure auf.

Auch bei FM-Systemen, die man in Schulen nutzt, um Hörgeschädigte in den Unterricht zu integrieren, sind Weiterentwicklungen bekannter Internet- und Mobilfunktechniken geplant: Statt nur dem Lehrer ein Mikrofon zu geben und dem Hörgeräte-oder CI-Träger einen Empfänger (mit dem er dem Frontalunterricht besser folgen kann), entwickeln die Hersteller mittlerweile Systeme, die auch im Gruppenunterricht genutzt werden können – entweder im Klassenzimmer an der Decke verteilt oder bei jedem Schüler gibt es ein Mikrofon. Der schlecht Hörende kann über einen Touchscreen die Anmerkungen der einzelnen Teilnehmer an- oder abschalten oder dies durch eine Software steuern lassen – eine Art gesteuertes Chatsystem, das mit Oberflächen nach iPhone-Machart arbeitet und zusätzlich intelligent einzelne Sprecher ein- oder ausblenden kann.

Noch weiter gehen die Forschungen bei Cochlear-Implantaten – wenn das Gehör selbst tot ist, kann ein derartiges Implantat direkt die Hörschnecke des Gehirns (die “Cochlear”-Schnecke) mit elektrischen Impulsen reizen und so selbst Taube wieder zum Hören bringen- mit Cochlear-Implantat hätte also Beethoven nicht sein Gehör verloren. Die Synapsen (Nervenzellen-Verbindungen) hier sitzen in einem Abstand von etwa 40 Nanometern – einem Größen-Bereich, den inzwischen auch die Ingenieure bei Halbleiterherstellern erreichen können.

Die Forschungen in diesem Bereich gehen sogar noch weiter: In Hannover arbeitet man zum Beispiel daran, die Software-Updates für besseres Hören mit den Implantaten per Internet fernzuübertragen. Die Remote-Control-Lösung vermeidet die kostspieligen regelmäßigen Spezialistenbesuche. Allerdings sind auch hier wieder hohe IT-Fertigkeiten gefragt: die Programmierer müssen sich gut in VPN-Techniken auskennen und die Verschlüsselung der Daten sicher machen. Mein ketzerischer Gedanke dabei: Ohne Qualitätssicherung der Entwicklung schleichen sich irgendwann vielleicht Werbemeldungen per Internet in die Hörhilfen ein – die perfide Art von Spam. Zukunft für Security-Firmen?

Die Medizin-IT-Branche will aber hier nicht aufhören: Weil die “Auflösung” der Ton-Signale noch an die Pixelbilder aus der Heimcomputerzeit erinnert, will man mit Hilfe “virtualisierter” Nervenzellenverbindungen noch besserem Hörverständnis nachhelfen.

In Deutschland kann man solche Entwicklungen in der Medizin noch finanzieren – um es mit den Worten eines mir bekannten Mediziners zu sagen: “Wo Medizin draufsteht, kann man hier einfach den fünffachen Preis für dieselbe Sache verlangen”. Soll heißen: hier gibt es noch Geld. Und das kommt nicht aus den empfindlichen Aktienmärkten und Bankensystemen wie leider schon oft in der IT-Branche, sondern vom Steuerzahler und von Krankenkassen-Versicherten.

Wer die Fortschritte auch in anderen Medizinfeldern beobachtet – etwa der Magnetresonanz-Tomografie – sieht: Technische Neuerungen verschwinden immer mehr aus der traditionellen Software-Industrie, die den PC-Nutzer bedient. Sie wandern zunehmend in andere Fachbereiche ab. Erst in die Unterhaltunslktronik, dann in Medizin oder Autobau. Die “klassischen” ITler wiederum können ihre Bereiche – etwa die Unternehmens-Software – mit den neuen “fremdfinanzierten” Technologien bereichern. So befruchten sich mehrere Bereiche, von denen man dies früher nie gedacht hätte. Die Qualitätssicherung der Autobranche und der Medizinbranche wird auch Einzug in die Software-Industrie halten – ein Implantat will und kann man schließlich nicht alle Momente wieder neu starten wie Windows oder Linux.

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