Zeitfresser und Dauer-Ablenkung: Die gefährliche E-Mail

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Es gibt Leute, die alle fünf Minuten in ihre Inbox linsen müssen. Es gibt Wissenschaftler, die kalkuliert haben, dass man allein fürs Nachschauen pro Woche 8,5 Stunden verschwendet.

E-Mails können genauso abhängig machen wie das Spielen, behaupten einige Weißkittel. Sie haben wohl viele Test-Mailer auf ihre Laborbänke geschnallt, um deren abnormes Verhalten zu studieren. Ergebnis: In Wahrheit checken selbst Normalbürger weit öfter ihre E-Mail-Accounts als uns bewusst ist. Und da wir auf diese Weise unsere Alltagsroutine, unseren Arbeits- oder Gedankenablauf ständig unterbrechen, kostet es uns zusätzliche Zeit, wieder zur ursprünglich unterbrochenen Tätigkeit zurück zu finden.
In einer Studie hat Dr. Thomas Jackson von der britischen Loughborough University gemessen, dass nach jedem Blick in den Mail-Eingangskorb im Schnitt 64 Sekunden vergehen, bevor wir zu unseren ursprünglichen Gedanken/Aktivitäten zurückkehren. Allein diese kurze Sammlung unserer Konzentration addiere sich schon auf besagte 8,5 Stunden pro Woche. Hinzu käme noch die Zeitverschwendung aus Identifizieren von SPAM, Löschen unwichtiger Nachrichten oder das An- und Durchlesen von eigentlich sinnlosen Botschaften. ClearContext hatte schon 2006 gemessen, dass die Mehrheit der Mailer pro Tag damit über zwei Stunden verballern. Mit steigender Tendenz, denn die Zahl der eintreffenden Mails wächst stetig.
Das alles addiert sich zu einem gigantischen Zeitfresser. Der Effekt bereitet auch schon Betrieben Kopfzerbrechen, denn in manchen Abteilungen wird außer E-Mails wohl kaum noch etwas produziert. Der “Kein E-Mail heute”-Tag, den Deloitte und Intel versuchsweise ausprobiert hatten, war nicht von Erfolg gekrönt. Deloitte brach den mailfreien Mittwoch nach einem Monat wieder ab. “So etwas funktioniert nicht, weil es den Leuten nicht hilft, ihre schlechten Angewohnheiten zu ändern”, glaubt Dr. Tom Stafford von der University of Sheffield.
Dr. Jackson seinerseits fand noch heraus, dass manche Leute von E-Mail stärker abhängig zu sein scheinen als vom Handy. So reagierten Probanden auf eine neu eintreffende E-Mail binnen 6 Sekunden. Das ist schneller als ein Handy dreimal läuten zu lassen. War es eine wichtige Mail, wurde der Absender tatsächlich innerhalb von 1:44 Minuten mit einer Antwort bedacht. Im Durchschnitt!
Dr. Karen Renaud, Dozentin an der University of Glasgow, hat drei Usergruppen bei den Mailern definiert: Die Entspannten, die Getriebenen und die Gestressten. Bei der ersten Gruppe verändert die Inbox kein bisschen das Leben der Person. Sie schauen mal nach, wenn sie Zeit und Lust haben und kümmern sich drum, wenn es ihnen passt. Die Getriebenen schauen oft nach, haben aber das Gefühl, Menge und Aufgabe noch im Griff zu haben. Bei den Gestressten wird der Druck auf Dauer zu viel. Sie kommen kaum gegen die Mail-Flut und deren Forderungen an. “Das Ergebnis sind alle möglichen Sorten von Gesundheitsproblemen”, beobachtete Dr. Renaud. Auch sie fand heraus, dass praktisch alle Probanden ihre E-Mail viel häufiger kontrollieren als sie es selbst wahrhaben wollen. Ein gutes Drittel der untersuchten Gruppe musste alle fünf Minuten den Eingangskorb öffnen. Wie sieht´s bei Ihnen aus? (rm)

SMH